Arlberger Gastro-Legende Adi Werner feiert 90. Geburtstag

Adi Werner wird 90. Die vor drei Jahren eröffnete „Weinwelt“ in der „Hospiz Alm“ in St. Christoph am Arlberg ist schon jetzt ein Denkmal – für die Weinkultur und für ihn. Joachim Heidersdorf

Adi Werner, langjähriger Patron der Hospiz Alm in St. Christoph, prägte über Jahrzehnte das Erscheinungsbild des Arlbergs als Luxus-Destination. Am 11. März 2026 feiert er seinen 90. Geburtstag. Journalist und Autor Joachim Heidersdorf über einen begnadeten Gastgeber und Entertainer, der es vom Liftboy bis ganz nach oben schaffte.

„Wunderbohr“, sagt Adi Werner, steckt seine Nase noch einmal tief ins Glas mit dem purpurroten 2000er Cheval Blanc und verdreht die Augen. Er nimmt einen weiteren Schluck, lobt die opulente Frucht und blickt glücklich nach oben, als wolle er dem Herrgott danken: Für dieses betörende Gewächs, für die „Weinwelt“, die seinen Namen trägt, und für ein erfülltes Leben. Am 11. März feiert Adolf Werner, den alle nur Adi nennen, seinen 90. Geburtstag.

Adi Werner mit dem langjährigen Chef der Hospiz Alm, Werner Künstler. Joachim Heidersdorf

Die vor drei Jahren eröffnete „Weinwelt“ in der „Hospiz Alm“ in St. Christoph am Arlberg ist schon jetzt ein Denkmal – für die Weinkultur und für Adi Werner. Es gibt wohl nur wenige Hoteliers und Gastronomen, die so viel für den Wein getan haben wie er. Der Wirt hat das gegenüberliegende und seit sechs Jahren geschlossene Haus vor allem mit seinen Wein-Initiativen als Luxushotel für Genießer berühmt gemacht und sich mit der Alm einen Traum erfüllt. Der Ehrenbürger von St. Anton hat zwar keine geschäftliche Funktion mehr im Unternehmen, ist aber weiter die gute Seele der Alm und täglich präsent. Sie ist sein „Kind“, ihr hat er viel Liebe geschenkt. Zu den aktuellen Turbulenzen um den Geschäftsführer will er sich nicht äußern.

Visionär

Der gebürtige Wiener schaffte es vom Liftboy nach ganz oben. Nach der Lehre im „Bellevue“ in Bad Gastein (1951 bis 1954) arbeitete er in Venedig, Bad Gastein und Mont Saint Michel, ging 1959 auf die Hotelfachschule Lausanne und wirkte anschließend als Manager auf den Bermudas, den Bahamas und in San Francisco. Die Ausbildung in Lausanne verdiente er sich teilweise als Kochpraktikant im „La Grappe d’Or“, wo er mit einer besonderen Kreation des „Toast Sarajewitsch“ das Herz von Gerda Ganahl eroberte, deren Vater das „Hospiz“ am Arlberg gehörte. Adi höhlte den Toast aus und füllte ihn mit Caviar. Werner kehrte nach Österreich zurück und übernahm mit seiner Frau Gerda im Herbst 1964 das Hotel.

Der junge Chef nutzte den Top-Standort mit dem großartigen Skigebiet direkt vor der Haustür und setzte auf anspruchsvolle Gastronomie und stimmungsvolle Unterhaltung. Dabei brillierte er als begnadeter Gastgeber und auch als Entertainer. „Wenn ich Menschen einlade, muss ich sie optimal unterhalten“, lautete sein Credo. Den Kasperl machen inbegriffen. Nach einem der rauschenden wöchentlichen Feste hatten die Teilnehmer mehr Muskelkater vom Lachen als vom Skifahren.

„Wenn ich Menschen einlade, muss ich sie optimal unterhalten“, lautete Adi Werners Credo – hier im Bild unter anderem mit seiner Frau Gerda und dem langjährigen Sommelier Helmut Jörg (rechts). Joachim Heidersdorf

Das Paar wiederbelebte die Bruderschaft St. Christoph und entwickelte die älteste karitative Vereinigung der Welt mit außergewöhnlichem persönlichem Einsatz zum Erfolgsmodell. Mit dieser Initiative hoben die Werners die Geschichte des Hauses hervor, die auf ein 1386 errichtetes Notquartier am Arlbergpass zurückgeht. Die Bruderschaft hilft schnell und unbürokratisch in Not geratenen Familien mit Kindern; bislang mit mehr als 20 Millionen Euro. Sie ist laut Statut ein „Werk der Nächstenliebe“ und als solches lässt sich auch das ehrenamtliche Engagement Werners zusammenfassen.

Daneben machte er das Weinangebot zum zweiten Markenzeichen des „Hospiz“. Die Weinkeller unter der 640 Jahre alten Bruderschaftskapelle und in der 1988 eröffneten Hospiz Alm sind dank der nach Meinung von Fachleuten weltweit umfangreichsten Großflaschensammlung legendär, die durch einen Um- und Neubau entstandene „Adis Weinwelt“ mit dem ellipsenförmigen „Wine Dome“ ist sensationell. Werner hat das Fundament geschaffen, der neue Eigentümer das Werk realisiert. Der Wiener Konzernchef Erwin Soravia investierte zwölf Millionen Euro in die für viele schönste Skihütte Europas, die tagsüber bis zu 1500 Skifahrer anzieht (mit Terrasse) und sich abends in ein heimeliges Gourmet-Restaurant verwandelt.

Adis Weinwelt

„Beim Wein haben wir bei null angefangen“, erzählt Adi bei einem Rundgang. Der Weg ins Wein-Paradies führt nicht aufwärts, sondern hinab – viele nehmen die steinerne, bordeauxrot gestrichene Rutschbahn. Unten dokumentieren Fotos den Ruf des „Hospiz“ und der Alm als Promi-Treff: Monarchen, Regierungschefs, Wirtschaftsbosse, Sport- und Showstars haben dort schöne Stunden genossen. Skifahrer oder Restaurantgäste, die nur zum WC wollen, können aus einem begehbaren Glaskasten einen Blick in den alten Keller werfen. In der „Insta-Box“ fotografieren die meisten Besucher in den ehemaligen Atomschutzbunker, in dem der Himmel voller Großflaschen hängt und die meisten Pretiosen von Cheval Blanc, Latour, Margaux, d’Yquem und Co. ruhen.

„Beim Wein haben wir bei null angefangen“, erzählt Adi Werner bei einem Rundgang durch die Weinwelt. Joachim Heidersdorf

Im Allerheiligsten weckt bereits der erste Blick Vorfreude: Eine Vitrine mit Großformaten unter anderem von Cheval Blanc, Lafite Rothschild, Latour und Canon-La-Gaffeliere. Im Gang weitere Vitrinen mit Karten und Flaschen, die die Herzen vieler Weinfexe höherschlagen lassen. Darunter museumsreife Dokumente wie von Hardy Rodenstocks sagenhafter Raritätenprobe am 24. September 1988 mit 1875er Lafite Rothschild, Margaux, Latour, Haut Brion und Mouton Rotschild, 1959er Petrus, Lafite, Latour und Mouton aus der Jeroboam und 1966er d’Yquem. Flankiert unter anderem von einem Ausone-Tasting mit 78 Jahrgängen zwischen 1931 und 1986 und „garniert“ mit Dom-Perignon-Bouteillen. Auch die Namen mehrerer Teilnehmer lösen bei manchen Ehrfurcht aus. Der zweite Bestandsweinkeller, ebenfalls mit Big Bottles an der Decke, ist durch die geschwungenen Regale in der Mitte voller und eleganter geworden. Dort sind auch rund 150 mit Datum und Namen signierte und für einen besonderen Anlass reservierte Flaschen untergebracht, für die Gäste jeweils fünfstellige Summen bezahlt haben.

Bruderschaft St. Christoph: Adi Werner beim Bruderschaftsabend mit neuen Mitgliedern. Joachim Heidersdorf

Und schließlich am Ende der Pilgertour das architektonische Highlight: Der vom Wiener Architekten Gregor Eichinger entworfene „Wine Dome“. Innehalten auf der Galerie, erst einmal den vier Meter hohen und 13 Meter breiten Raum auf sich wirken lassen. Was für ein Bild! Die Gäste steigen neun Stufen hinab und werden vom Wein umschlungen. Genau genommen von fast 500 „Big Bottles“, die in 14 Reihen die Wand dekorieren. Blickfang ist ein prachtvoller Luster aus gelasertem Metall mit einem Durchmesser von 5,60 Meter. Vom Korpus aus strahlen 16 beleuchtete Stangen mit 56 nach außen hin kleiner werdenden Weinflaschen sternenförmig in alle Himmelsrichtungen. Sie sollen die Weltoffenheit der Einrichtung vermitteln. In der Mitte hängen 104 Gläser – und dazwischen eine 12-Liter-Flasche, die mit einem Seilzug heruntergelassen werden kann.  Unter dem herrlichen Leuchter ein ellipsenförmiger Buchentisch mit zwei beheizbaren rot gepolsterten Sitzbänken. Hier möchte man sich gerne niederlassen, einen guten Wein bestellen und stundenlang hocken bleiben. „Mein neuer Lieblingsplatz“, sagt Adi Werner.

Großformate

In den 1950er Jahren entstand in der Ausbildung in Bad Gastein sein Traum, nach dem Vorbild der „Bellevue-Alm“ selbst eine Nobel-Skihütte zu bauen und zu führen. Der Bau aus dem Holz alter Bauernstuben kostete mehr als das Doppelte der veranschlagten Summe, insgesamt investierte die Familie in den ersten 30 Jahren rund 8,5 Millionen Euro. „Das hat sich gelohnt“, sagt Werner. Vor allem Bordeaux-Fans geraten ins Schwärmen. 95 Prozent der rund 3500 Großformate von drei bis 27 Liter stammen vom linken und rechten Ufer der Gironde. Darunter alles, was herausragend und sündhaft teuer ist, aber auch sehr gute Gewächse aus der zweiten und dritten Reihe zu (relativ) erschwinglichen Preisen. Haut Marbuzet ist der Renner. Aktuell führen 2010er Cheval Blanc und 2009er Latour, jeweils 12 Liter, für 85.000 beziehungsweise 80.000 Euro die Liste an. Am günstigsten ist die Doppelmagnum Prieuré Sainte Anne, 2011, für 390 Euro.  Die ältesten Großflaschen stammen aus dem Eröffnungsjahr der Hospiz Alm: 1988er Margaux, Mouton Rothschild und Léoville Las Cases.  Die meisten sind Doppelmagnums (3 L) und Balthazars (12 L), gefolgt von Imperials (6 L) und Melchiors (18 l). Dazwischen wenige Jeroboams (5 L), Salamanzars (9 L) und Nebukadnezars (15 L) sowie 25 Primaten (27 L).

Adi und Gerda Werner mit dem Schwert der Bruderschaft St. Christoph: Das Paar ist 2024 für seine 60-jährige (!) ehrenamtliche Tätigkeit mit dem Bundesehrenabzeichen Österreichs ausgezeichnet worden. Joachim Heidersdorf

Werner schwenkt nun einen rubinroten 2001er Chateau Figeac im Glas. „Den mag ich noch mehr als den 2000er; der ist voll auf der Höhe“, so der Kenner mit dem Faible für St.Émilion und Pomerol – und mit einem ganz besonderen für Figeac. „Da hat 1978 alles begonnen“, berichtet er. Damit meint Werner seine Begeisterung für Bordeaux, die zum Aufbau der Sammlung führte und dem Hospiz ein Alleinstellungsmerkmal bescherte. Auf den Weingeschmack hatte ihn ein paar Jahre vorher Stammgast Friedrich Karl Flick gebracht. „Als meine Frau Gerda und ich das Hotel 1964 übernommen haben, gab es bei der Getränkeauswahl drei Fragen“, sagt Werner: „Bier oder Wein? Weiß oder rot? Ein Glas, ein Viertel oder einen halben Liter?“ Der Industrielle, der unter dem Hospiz-Dach eine Wohnung hatte und seine Frau Ingrid quasi von der Reception weg heiratete, animierte den Wirt zum Kauf von französischen Kreszenzen. 1978 fuhr Adi Werner dann zum ersten Mal mit seinem Weinhändler ins Bordelais, wo ihn die Chateaux faszinierten und deren Besitzer deprimierten. „Wir sind überall abgewiesen worden. Nur Marie-France Monancourt hat uns in ihrem Salon empfangen und zum Mittagessen eingeladen. Ihr Mann Thierry hat mir gezeigt, wie man einen Wein richtig degustiert“, sagt Werner. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute anhält. Figeac zählte zum Pflichtprogramm der Touren, die ihn bis vor Kurzem zweimal jährlich in die Region führten. Nach kurzer Zeit haben ihn alle mit offenen Armen empfangen. „Ich war bei der Premiere zu naiv und habe schnell gelernt“, sagt er und rät Neulingen: „Mindestens eine Woche vorher anmelden und mitteilen, welche Jahrgänge man probieren und dass man dafür bezahlen will…“

Grandseigneur

Der Grandseigneur war Groß-Abnehmer im doppelten Wortsinn. Nachdem er gelesen hatte, die Zaren hätten ihren Bordeaux in Großflaschen nach St. Petersburg liefern lassen, weil der Wein darin weniger Luft bekam als in Fässern und dadurch besser reifte, witterte Adi Werner eine Chance, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Haut-Marbuzet war 1980 das erste Gut, das mit sechs Balthazars seinem Drängen nachgab, Figeac das nächste. Etwas später folgten die Premier Grand Crus aus dem Medoc. Die „Riesen“ sind nach wie vor eine Seltenheit und in dieser Auswahl einmalig. „Das gibt’s sonst nirgendwo“, behauptet Adi Werner – und bislang hat ihm noch keiner widersprochen. „Der Wein bekommt in Großflaschen weniger Sauerstoff, reift deshalb langsamer und entwickelt sich dadurch langfristig besser; wird feiner, eleganter und weicher und schmeckt komplexer“, so Werner. „Wein muss reifen“, erklärt der Experte. Und richtig lagern! „Unter dieser Voraussetzung und aus einem guten Jahrgang hält er etwa 25 Jahre, aus der Magnum zehn, aus der Doppelmagnum 20 Jahre und aus den größeren Formen noch entsprechend länger“, berichtet er aus reicher Erfahrung.

Adi Werner (mit dem Schwert der Bruderschaft St. Christoph) schlägt Männer und Frauen zu neuen Mitgliedern. Joachim Heidersdorf

Die „Hospiz Alm“ hat mit 150 der „dicken Dinger“ angefangen. In einer Wintersaison verkaufen die acht Sommeliers knapp 400 Großflaschen, im Schnitt drei bis vier pro Tag. Die Schätze müssen im Restaurant beziehungsweise im Keller getrunken werden, um Spekulationsgeschäfte zu verhindern, und sie dürfen nachher, was viele ärgert, nicht als Souvenir mit nach Hause genommen werden. Sie sind schwer zu bekommen und teuer. Eine 27-Liter-Flasche kostet 1500 Euro – ohne Inhalt, versteht sich. Adi Werner ist stolz auf seinen richtigen Riecher und grämt sich ein wenig, nicht noch viel mehr Großformate gekauft zu haben. Es scheiterte an den Gütern, die von einem Jahrgang maximal sechs Balthazars und Co. abfüllen, und hin und wieder an der Finanzierung.

Weinfans können ihm freilich nicht nur wegen dieser Kollektion dankbar sein. Der Hansdampf in allen touristischen Gassen am Arlberg und in Tirol, der zeitweise 16 Ehrenämter ausübte, hat zahlreiche Verbände gegründet und 1982 gemeinsam mit seinen Kollegen von der „Post“ in Lech und dem „Lorünser“ in Zürs den „Club de la Sommellerie“ ins Leben gerufen. Dieser Zusammenschluss zeichnet sich dadurch aus, dass ihm sowohl der Patron als auch der Sommelier eines Hauses angehören. Beide sind für den Keller verantwortlich, so Werner. „Wenn der Wirt einkauft, kann der Sommelier das Zeug nicht verkaufen, und wenn der Sommelier bestellt, kann der Wirt nicht bezahlen.“

Als Gastgeber der Raritätenproben von Hardy Rodenstock und mit der Großflaschensammlung machte das Hospiz international Schlagzeilen, im Haus trieb Werner durch seine unvergleichliche Art nicht nur den Umsatz in die Höhe, sondern weckte und förderte bei vielen Gästen die Liebe zum Wein. Einerseits mit Blindverkostungen, Aktionswochen mit den Chateaux-Besitzern, Proben von Spitzengewächsen zu günstigen Preisen sowie „Weinbörsen“, aber vor allem dank der direkten Ansprache des Chefs. Adi Werner wusste genau, wem er was verkaufen und wie weit er gehen kann. Bei Stammgästen setzte er sich gern an den Tisch, schaute aufs Etikett und bestellte auf seine Rechnung ein edleres Gewächs; oft mit einem seiner vielen mit Wiener Schmäh und Charme dargebotenen Sprüche. Seine Devise: „Man muss das Geld zum Fenster hinauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.“

Mit Bekannten knobelte er auch gern um einen teuren Wein. Und Adi Werner hat viele, sogar tausende Schwestern und Brüder. So nennen sich die rund 16.000 aktiven Mitglieder der „Bruderschaft St. Christoph“. Adi und seine Frau Gerda waren bis 2024 sechs Jahrzehnte lang als Bruderschaftsmeister und Schatzmeisterin die starken Motoren. Nach dem dritten Glas erweitert Adi Werner gerne den Bibelspruch, den sich die Hilfsorganisation auf die Fahne geschrieben hat: „Seht, wie gut und erfreulich es ist, einträchtig unter Brüdern zu weilen – und unter Weinfreunden.“

Joachim Heidersdorf ist Journalist und Autor und ein ausgewiesener Experte für die Themen Spitzengastronomie, Hotellerie und Reisen. Adi Werners Weg als Visionär und Pionier der Branche begleitet er seit Jahrzehnten.