Shabu Shabu in den Dolomiten: Das Rosa Alpina zwischen Südtiroler Erbe und Aman-Handschrift

Aman Rosa Alpina: “Das Level an Aufmerksamkeit, an offenen Augen, an Guest Relation habe ich so selbst in der asiatischen Luxushotellerie kaum erlebt.” Annette Sandner

Aus dem legendären Rosa Alpina ist ein Aman geworden – und aus drei Michelin-Sternen Shabu Shabu. Unsere Autorin Annette Sandner wollte wissen, ob die Seele eines Südtiroler Familienhauses ein globales Luxus-Upgrade überlebt. Ihre Antwort fällt ziemlich eindeutig aus.

In St. Kassian war ich zuletzt als Kind, mit zwölf vielleicht. Meine letzte Sella Ronda liegt also schon eine Weile zurück, und damit auch der spektakuläre Dolomiten-Ausblick. Südtirol, das war bei uns immer das Nonplusultra. Wenn man es richtig machen wollte, fuhr man nach St. Kassian. Meine Eltern schwärmten von ihren Urlauben in Pedratsches, Mitte zwanzig, in den Siebzigern, zu Gast „beim Pizzinini“ – beim Onkel von Hugo, wie sich später herausstellen sollte. Wir selbst wohnten im Hotel Conturines, schräg gegenüber, mit Blick auf den Eingang des Hauses, das legendär wurde: durch gepflegtes Gastgebertum und Tradition, durch Norbert Niederkofler, der dort seine alpine Küche entwickelte und mit drei Sternen gekrönt wurde – und nun durch die aufsehenerregende Übernahme durch die Aman Hotels samt Komplett-Remake.

51 Zimmer und Suiten, Interiors von Jean-Michel Gathy. Annette Sandner

Aman ist keine Hotelkette im gewohnten Sinn. 1988 vom indonesischen Hotelier Adrian Zecha gegründet, das erste Haus war das Amanpuri auf Phuket, der Name kommt aus dem Sanskrit und heißt Frieden. Heute gehört die Gruppe dem russischen Investor Vladislav Doronin und betreibt 36 Häuser in 20 Ländern – bewusst klein gehalten, meist unter 55 Zimmern, mit einem legendären Personalschlüssel von kolportiert sechs Mitarbeitenden pro Gast. Und auch wenn wir hier in Mitteleuropa von dieser Personalstruktur weit entfernt bleiben: Das 150-köpfige Team (für rund 100 Gäste) agiert hier im Rosa Alpina tatsächlich nahezu telepathisch. Das Aman Venice – eines der exklusivsten Hotels Italiens, vielleicht das exklusivste, mit 24 Zimmern im Palazzo Papadopoli – kommt auf 70 Mitarbeitende. Fans der Aman-Häuser auf der ganzen Welt besuchen gern meist beide italienischen Häuser in Kombination.

Aman Hotels sind bewusst klein gehalten, meist unter 55 Zimmern, mit einem legendären Personalschlüssel von kolportiert sechs Mitarbeitenden pro Gast. Annette Sandner

Die Geschichte dieses besonderen Hotels beginnt 1939, als die Familie Pizzinini hier ein kleines Anwesen übernahm: Gasthaus und Lager für Skifahrer. Ab 1968 baute Paolo Pizzinini aus, während Alta Badia zur Skidestination wurde; die Familie errichtete eigene Wasserkraftwerke, die nicht nur das Hotel, sondern das ganze Dorf mit Strom versorgten. In dritter Generation führten Hugo und Ursula Pizzinini das Rosa Alpina zu den Leading Hotels of the World. Heute: 51 Zimmer und Suiten, Interiors von Jean-Michel Gathy. Nach zwei Jahren Umbau ist das Rosa Alpina seit dem 24. Juli 2025 ein Aman. Knapp 30 Jahre prägte hier Niederkoflers Kulinarik den Ort – mit dem St. Hubertus, dem einzigen Drei-Sterne-Restaurant Südtirols. Nach dem Umbau wurde es nicht wieder eröffnet. Ein Umstand, der lange klar war und für Norbert Niederkofler die Möglichkeit eröffnete, sein eigenes Universum zu finden: das Atelier Moessmer in Bruneck, kaum 45 Minuten entfernt, wieder mit drei Sternen und einem ganzen „Cook the Mountain“-Kosmos drum herum, samt AlpiNN auf dem Kronplatz und dem traumhaften Ansitz Heufler.

Die beeindruckende Lobby mit hohen Decken, Fenstern, einem Wandteppich mit dem Abbild der glühenden Dolomiten im Abendrot und der Blick in den satt-grünen Nadelwald gegenüber. Annette Sandner

Gut 30 Jahre also nach meinem letzten Besuch und dem Beginn von Norbert Niederkoflers großer Karriere-Station hier parke ich mit meinem Skoda eigenwillig selbst, statt vorzufahren. Damit löse ich einen kleinen Service-Auflauf aus, der mich und mein Gepäck quasi auf Händen ins Haus trägt. Das Level an Aufmerksamkeit, an offenen Augen, an Guest Relation habe ich so selbst in der asiatischen Luxushotellerie zwischen Raffles Singapore und Four Seasons Bangkok kaum erlebt. Kühles Oshibori, kühlender Tee, die beeindruckende Lobby mit hohen Decken, Fenstern, einem Wandteppich mit dem Abbild der glühenden Dolomiten im Abendrot und der Blick in den satt-grünen Nadelwald gegenüber: Das holt einen mit einem Fingerschnippen in eine ganz andere Welt. General Manager Harry Fernandes (vorher Regional Director Aman im indischen Markt) ist pures Charisma und hat nicht nur jeden Gast im Blick und mit Sicherheit die wichtigsten Fakten parat – seine Adleraugen hinter der markant funkelnden Brille prüfen auch morgens um sieben schon im Spa das perfekte Setting.

Abends die Treppe in die weite Lobby an die Bar hinunter schreiten: James Bond würde sich definitiv wohlfühlen – mit Sicherheit auch mit dem Martini-Wagen. Annette Sandner

Mittags sitze ich im The Grill, dem italienischen Restaurant des Hotels – denn ja: hier oben ist es deutlich italienisch geprägt, so kurz vor dem Veneto. Die Gamberi Rossi mit marinierter Paprika, Stracciatella, Limone und Basilikum sind pur und von bester Qualität, italienisches Selbstverständnis in Perfektion. Das Olivenöl auf dem Tisch stammt von der Familie Pizzinini, und es fällt schnell auf, wie oft dieser Name hier vorkommt. Kaum habe ich gekostet, sitzt Hugo Pizzinini bei mir am Tisch, begrüßt meine Pasta-Wahl – die hausgemachten Mandilli mit Krustentier-Bisque und Meeresfrüchten sind quasi ein Klassiker. Für mich, die ich nie in den Genuss des alten Rosa Alpina kam, wird das Bild von „vorher“ trotzdem direkt klar: Er ist Gastgeber durch und durch, mit seiner nonchalanten Art, Nahbarkeit und Offenheit, was die Weiterentwicklung von Haus und Region angeht. Wir nehmen Espresso auf der Terrasse über dem Pool und seine Frau Ursula fügt sich charaktervoll weltgewandt, locker, intelligent und als Gastgeberin mit aufmerksamen Augen ins Bild – spannenderweise hätte sie sich für mich auch schon immer in der reduzierten Aman-Design-Welt bewegen können.

Die Musik ist lebhaft, der Vermut lokal – ein perfekter Auftakt für den Abend. Annette Sandner

Weg vom Fine Dining wollten sie bewusst, sagen beide übereinstimmend. Der moderne Gast lasse sich nicht mehr diktieren, wie viel und wie lange er diniert, er wolle seinem eigenen Rhythmus folgen – genau das sollten die neuen Konzepte ihm geben. Dass dort, wo heute im neuen ENJU japanisch gegessen wird, einmal „Cook the Mountain“ zelebriert wurde, redet Hugo gar nicht klein. Ursprünglich, erzählt er, wollte er an dieser Stelle ein Fondue-Konzept, hochwertig gedacht. Dann rief ein Aman-Kontakt begeistert aus einem Skigebiet in Japan an – und damit war das Konzept Shabu Shabu nach Südtirol geholt. Eine Kontinuität gibt es übrigens auch: Den Weineinkauf steuert immer noch Lukas Gerges, wie schon zu Zeiten des alten Rosa Alpina.

Das Konzept im ENJU heißt „Sensory Shabu Shabu“ und ist als Menüfolge um den siedenden Topf herum angelegt. Annette Sandner

Kurzer Zwischenstopp auf dem Zimmer: der japanisch angehauchte Minimalismus zieht sich durch, angenehm viel Holz, und vor dem Balkon blüht eine Blumenwiese auf den Dächern des Hotels. Der Willkommensgruß: hervorragende Buchteln mit Marillenmarmelade, eine gusseiserne Teekanne und der Südtiroler Apfel in Pastry-Form: Cédric Grolet, St. Kassian Edition. Draußen schüttet und hagelt es aus einem Hitzegewitter, ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie es hier im Winter sein könnte – den Kamin anzumachen ist so selbst im Juli legitim.

Drei Menüs stehen zur Wahl, dazu drei Brühen, Fleisch und Fisch lassen sich einzeln ergänzen. Annette Sandner

Abends die Treppe in die weite Lobby an die Bar hinunter schreiten: James Bond würde sich definitiv wohlfühlen – mit Sicherheit auch mit dem Martini-Wagen. Die Musik ist lebhaft, der Vermut lokal, ein perfekter Auftakt für einen Abend, der für viele Gäste auch auf dem Zimmer stattfindet, denn bei der internationalen Klientel ist Room Service ein großes Thema.

Erst hier macht Wagyu für mich plötzlich Sinn – hauchdünn geschnitten, ein paar Sekunden durch die Brühe gezogen, in Ponzu getaucht. Annette Sandner

Ich entscheide mich natürlich für das Restaurant. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich nach St. Kassian kommen muss, um japanisch zu essen. Das Konzept im ENJU heißt „Sensory Shabu Shabu“ und ist als Menüfolge um den siedenden Topf herum angelegt. Drei Menüs stehen zur Wahl, dazu drei Brühen, Fleisch und Fisch lassen sich einzeln ergänzen. Der Auftakt aus Gemüse und Chawanmushi ist unglaublich pur und sanft. Dann eine Seafood-Platte mit Auster, King Crab und Jakobsmuschel, deren Qualität tatsächlich nicht weniger als beeindruckend ist; näher an Japan kommt man im Alpenraum wahrscheinlich nicht. Und dann das Fleisch: So habe ich noch nie Fleisch gegessen. Erst hier macht Wagyu für mich plötzlich Sinn – nicht als kurzgebratenes Steak oder Schmorstück, sondern hauchdünn geschnitten, ein paar Sekunden durch die Brühe gezogen, in Ponzu getaucht. Zum Schluss kochen seelenwärmend hausgemachte Ramennudeln in der selbst angesetzten Brühe – einzig mehr Teekultur hätte ich vermutet. Beim Wein lässt es sich „Mr Hugo“, wie der Service sagt, nicht nehmen, mir etwas aus dem 25.000-Flaschen-Keller zu empfehlen, und trifft mit einem Pelaverga erstaunlich genau auf den Punkt.

Beim Wein lässt es sich „Mr Hugo“ nicht nehmen, mir etwas aus dem 25.000-Flaschen-Keller zu empfehlen, und trifft mit einem Pelaverga erstaunlich genau auf den Punkt. Annette Sandner

Vielleicht ist die eigentliche Zäsur dieses Hotels aber nicht die Küche – schon gar nicht die Gastgeberqualität –, sondern das Publikum. Die Durchschnitts-Zimmerrate ist extrem hoch – und in Südtirol vermutlich nicht zu überbieten. Das Publikum ist mit rund 45 Jahren ziemlich jung und vor allem: zum allergrößten Teil international. Das erstaunlich große Gym ist offensichtlich gefragter als der in Südtirol sonst so essenzielle Wellness-Bereich und Deutsch spricht man hier ziemlich allein. Dass die Dolomiten mittlerweile ein international hochgefragtes Reiseziel sind, ist kein Geheimnis mehr, und wer internationalen Standard sucht, der ist mit Sicherheit hier so gut aufgehoben wie nirgendwo sonst.

Den Weineinkauf steuert immer noch Lukas Gerges, wie schon zu Zeiten des alten Rosa Alpina. Annette Sandner

Morgens um sieben im dampfenden Pool bin ich die Erste, das Hotel liegt noch im Schatten. Das Frühstück ist noch genau dort, wo es früher im alten Rosa Alpina auch war. Mein mit Vanillecreme gefülltes, perfektes Croissant nimmt vor der grün bewaldeten Kulisse Platz, daneben wärmender japanischer Congee und Egg Florentine mit Hollandaise à part.

Die Art of Hospitality ist hier durchexerziert. Nun im Aman-Stil, aber eben auch immer noch durch die Familie Pizzinini. Annette Sandner

Bleibt die Frage, die ich mir bei der Anfahrt gestellt hatte: ob die Seele eines Familienhauses ein globales Betriebssystem überlebt. Die Art of Hospitality ist hier jedenfalls wirklich durchexerziert. Nun im Aman-Stil, aber eben auch immer noch durch die Familie Pizzinini, die ich gerne auch schon früher erlebt hätte. Anders als hier kann man es natürlich machen – und nicht jeder Gast muss diesen Luxus für sich selbst mögen – aber besser werden Service-Kultur, Abläufe und Hotel-Produkt kaum.

ENJU
im Aman Rosa Alpina
Strada Micura de Rue, 20, 39036 San Cassiano BZ, Italien
Öffnungszeiten: täglich von 18:30-22:30 Uhr (letzte Bestellung um 21:30 Uhr)
www.aman.com/resorts/aman-rosa-alpina