BIO und die Weinindustrie: Das große Greenwashing als Antwort auf die Weinkrise

Bioweine boomen in einer Branche, die einen Boom dringend braucht. Doch aufmerksame Winzer:innen und Önolog:innen sehen darin nur einen Vorteil für die Big-Player. Frisst der Bio-Boom die kleinen biodynamischen Winzer:innen? Eine Analyse von Manfred Klimek.
Die Staubstraße war trocken, damals, fast weiß gebleicht von der Mittagshitze im Montalcino. Der alte rote Golf-3 wirbelte jede Menge Sand und Kieselsteine auf, als er vor einem Café hielt. Matthew “Monty” Waldin, britischer Önologe und Autor einiger systemkritischer Weinbücher, stieg aus, bestellte einen Espresso und begann fast ohne Anlauf zu sprechen. Bioweinbau, erst recht biodynamischer Weinbau, sagte er, sei “keine romantische Nische, sondern ökonomisch überlegen”. Das Big-Thing kommender Zeiten. Er sprach schnell, druckreif, mit der Energie eines Mannes, der zu oft erlebt hat, dass Fakten ignoriert werden. “Es ist absurd, dass wir die Agrarwende nicht vollziehen”, proklamierte Waldin schon im vierten Satz des Interviews. “Im Weinbau ist sie längst nicht nur möglich, sondern bewiesen.”

Was Waldin an diesem Tag und allen seinen Tagen umtrieb, war nicht nur der Verzicht auf Chemie. “Das Problem ist nicht der Dünger alleine”, beschrieb er die Lage, “sondern die simplifizierte agrarische Struktur dahinter, die mehr noch im Weinbau verinnerlicht sei als die Produkte der chemischen Industrie.” Und Monokultur auf hunderten Hektaren, egal ob Bio oder nicht, sei nicht nur ein fälschlich probates Modell, sondern eine überkommene Methode aus jener Zeit, als der Weinbau mit der chemischen Pflanzenschutzindustrie brüderlich zusammenarbeitete – also aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Biodynamie dagegen bedeute, so Waldin, den Betrieb als Organismus zu begreifen: “Was im Weinbau funktioniert, funktioniert überall. Und es funktioniert ohne Ertragsverluste.” Waldin zeigte beim dritten Espresso dann Tabellen, Umsatzzahlen, Wachstumsraten. Der biodynamische Weinbau habe sich innerhalb von zwanzig Jahren fast verhundertfacht. Der Bioweinbau könne noch viel größere Steigerungen verzeichnen. Aus einer Nischenbewegung sei eine Milliardenwirtschaft geworden: “Das ist kein Hobby mehr. Das ist ökonomisch sinnvolles Arbeiten.”
Agrarwende
Waldins These, die seit Jahren auch nicht unwidersprochen bleibt, ist radikal und zugleich nüchtern: Die Agrarwende sei möglich, weil sie wirtschaftlich sinnvoll sei. Mehr Menschen auf dem Feld bedeuteten weniger Abhängigkeit von der Chemieindustrie. Mehr Vielfalt bedeutete stabilere Systeme. “Wir reden hier nicht über Ideologie”, sagte er. “Wir reden über Logik.” Er wusste, dass Widerstand kommen würde. Von Lobbyisten. Von jenen, die behaupten, ohne Chemie drohen Missernten und Elend. “Das ist Propaganda”, reagierte Waldin trocken. “Die Zahlen widersprechen dem.” Das alles klang nach Aufbruch. Nach Bewegung. Nach einem Systemwechsel, der nicht nur Böden regeneriert, sondern Dörfer belebt. Aber es klang auch den Tick zu romantisch. Heute klingt es wie ein Echo – in einem Markt, der Bio längst einkalkuliert hat. Denn eines ist klar: Wenn etwas in der Weinbranche überhaupt noch Wachstumsraten und richtig fette Gewinne aufweisen kann, dann ist es gegenwärtig nur der Bio-Weinbau großen Stils.
Das Treffen mit Waldin fand im Sommer 2019 statt. Vor Covid, vor den Kriegen; in einer Zeit, in der wir noch Details diskutierten, anstatt uns vor dem großen Wahnsinn zu ängstigen, der jetzt Platz zu greifen scheint. Damals, 2019, war Bio im Weinbau gerade noch Gegenkultur: eine bewusste Abgrenzung gegen synthetischen Dünger, gegen industrielle Abhängigkeiten, gegen die Logik der Massenproduktion. Bio war Widerstand auf easy (weil eben nicht Biodynamie). Bio war Haltung – ein inzwischen überfrachtetes Wort. Heute ist Bio vor allem Markt. Für die großen Player. Der globale Bio-Wein wächst weiterhin mit zweistelligen Raten, Milliardenumsätzen und Prognosen, die eine Verdopplung binnen einer Dekade vorhersagen. Und das, während der andere, der konventionelle Weinbau zunehmend fatal schwächelt. Europa ist bei Bio und Biodynamie führend, Nordamerika zieht nach, Südamerika skaliert. Organic ist kein Nischenlabel mehr – es ist Teil der strategischen Positionierung – auch und vor allem der Weinindustrie.
Und genau hier beginnt das Dilemma.
Big Player
Mehr organic bedeutet vor allem eines: mehr biologisch gekelterte Weine – und das ist an sich eine gute Nachricht. Aber diese Weine kommen zunehmend – vor allem in Nicht-Weinbauländern wie dem UK, Benelux und Skandinavien – nicht vom Vier-Hektar-Winzer, nicht vom biodynamischen Kleinbetrieb, sondern von Strukturen, die ausschließlich groß denken, groß planen und groß verkaufen. Und sie kommen von tausenden Hektaren neu gepflanzter Bioreben. Denn Industrie kann Biodiversität in ihre Prozesse integrieren – genau wie sie einst Kunstdünger integriert hat. Sie kann Zertifizierungen erwerben. Sie kann Nachhaltigkeitsberichte vorlegen und CO₂-Bilanzen in Hochglanz drucken. Sie kann Hunderte, Tausende Hektar umstellen, Distributionskanäle öffnen, Logistik optimieren.

Ein prominentes Beispiel dafür ist die Weinfirma Emiliana in Chile: endlose Weingärten, ökologisch bewirtschaftet. Zertifikate, Projekte, Marktzugänge auf allen Kontinenten. Kein synthetisches Herbizid – formal perfekt. Ein Fortschritt? Sicher! Aber ist das die Agrarwende, von der Waldin sprach? Reben bleiben Reben, auch ohne Chemie. Tausend Hektar einer Sorte bleiben Monokultur. Maschinen bleiben Maschinen. Globale Absatzmärkte bleiben globale Absatzmärkte. Die Struktur ändert sich kaum – nur der Input. Der Boden ist sauberer, aber nicht unbedingt lebendiger. Und die Differenz bleibt subtil – aber grundlegend. Der industrielle Weg des Bio-Weins ist ein Fortschritt gegenüber dem Konventionellen. Aber er ist kein Paradigmenwechsel. Er ist eine technische Optimierung innerhalb derselben Logik: effizienter, sauberer, besser verbuchbar.
Widerspruch
Um den Widerspruch zu begreifen, lohnt sich ein Blick zurück: Bio als Gegenkultur entstand in den 1970er und 80er Jahren, parallel zu anderen Bewegungen, die Widerstand gegen industrielle Vereinheitlichung leisteten – gegen Monokultur, gegen Chemie, gegen Entfremdung von Erde und Ernährung. Bio begann als Verneinung und Erneuerung: von synthetisch zu organisch, von Standard zu Vielfalt. Bio dachte die Landschaft wieder als lebendiges Gefüge, in dem Vielfalt nicht nur Nebenprodukt, sondern funktionale Bedingung ist. Was einst Bewegung war, ist heute bloß schnöder Markt. Dass ausgerechnet die Logik des Marktes dem Bio-Wein sein größtes Umsatzwachstum ermöglicht, ist eine Ironie, die tief in die kulturelle Geschichte der Nachhaltigkeit schneidet.

Und genau hier formuliert Josef Umathum, prominenter Winzer und auch Weinideologe, seine Kritik: sie schließt an die Kritik Waldins vor fast sieben Jahren nahtlos an. Für Umathum ist Bio nicht per se problematisch – ganz sicher nicht. Aber in seiner derzeitigen Praxis ist es oft “bio gedacht, aber konventionell gemacht.” Nicht weil die Produzent:innen schlecht wären, sondern weil die ökonomische Logik des Marktes Druck erzeugt. “Die Menschen wollen biologische Produkte. Aber sie wollen sie nicht bezahlen”, sagt Umathum. Das zwingt Produzent:innen, zu rationalisieren. “Wir finden jetzt viel mehr biologisch gekennzeichnete Produkte, die industriell hergestellt werden. Eine Person bewirtschaftet hunderte Hektar mit großen Maschinen – einfach, um Kosten zu senken.”
Er erzählt von seinem Dorf, von Frauenkirchen im Burgenland. 1985 gab es dort 140 landwirtschaftliche Betriebe; heute sind es zehn. Die Fläche blieb, aber sie wird von wenigen bewirtschaftet. Kleinbetriebe verschwanden. Mischbetriebe verschwanden. Was bleibt, sind Felder, groß, sauber, zertifiziert – aber strukturell vereinheitlicht. Ein Trigger für Umathums Unmut: einst kleine Parzellen, in denen sich Hase und Fasan verstecken konnten, sind heute riesige Äcker ohne Baum, ohne Strauch. Formal biologisch – in der Praxis aber Monokultur mit Traktor und Masse. Und dann die Konsument:innen. “Der Konsument denkt: Ich kaufe ein Bioprodukt und habe damit meine Schuld getan”, sagt Umathum. “Das ist wie im Mittelalter: Man geht in die Kirche, zahlt eine Absolution und fühlt sich von den Sünden befreit.” Heute geht man in den Supermarkt, kauft Bio und fühlt sich “ökologisch rein”.
Bio als moralische Währung.
Greenwashing
Das Problem dabei ist nicht nur die Marktmechanik. Es ist die Psychologie dahinter. Greenwashing beginnt nicht ausschließlich bei den Produzent:innen. Es beginnt im Wunsch nach moralischer Entlastung. Wer Bio kauft, kauft ein Gefühl – und keine den Weinbau ändernde Struktur. Verfügbarkeit, Preis, Regionalpräsenz – all das gewinnt über lokale Verantwortung. Der Bio-Supermarkt ist voll mit Bioweinen aus aller Welt – vornehmlich aus Südeuropa. Doch regionale Bio-Kleinbetriebe kämpfen mehr denn je ums Überleben. “Nur weil es ein Quäntchen teurer ist, wird es liegen gelassen – oder kommt gleich gar nicht in den Bio-Supermärkten an”, sagt Umathum. Gekauft wird der zertifizierte Wein aus fernen Ländern oder industriellen Großflächen, weil es billiger und bequemer ist. Und er setzt nach: “Ich sehe auch hier in ganz Europa im Weinbau zunehmend große Bio-Strukturen wachsen. Und das Kleinteilige verschwinden.”

Industrie folgt der Logik des Kapitals. Bio ist integrierbar, solange die Methode die Bilanz nicht sprengt. Waldin hatte von einer Agrarwende gesprochen, die möglich ist, weil sie menschenzentriert denkt. “Mischbetriebe brauchen mehr Hände”, sagte er. “Das Einkommen der Menschen kann von den Einsparungen der chemischen Keulen bezahlt werden.” Biodynamie ist für Waldin kein autoritärer Weinbau, sondern eine demokratische Perspektive: mehr Arbeit, mehr Einkommen, mehr Vielfalt. Doch je schneller Bio selbst zum Marktsegment wird, desto stärker droht diese Perspektive in den Hintergrund zu rücken. Vielleicht ist die eigentliche Frage, welche Art von Bio wir fördern – Bio als Markt, Bio als Wirtschaft oder Bio als Landschaft. Denn Bio auf industriellem Maßstab ist etwas anderes als Bio als kultureller Gegenentwurf.
Die Staubstraße in der Toskana ist noch da. Waldin fährt vielleicht noch immer seinen alten Golf. Aber während er damals von kleinteiligen Systemen sprach, hat der Markt längst begonnen, die Bewegung einzupreisen. Die Agrarwende ist möglich, sagt Waldin auch heute noch. Die Industrie antwortet: Sie ist skalierbar. Und irgendwo dazwischen stehen wir – mit einer Flasche Biowein in der Hand – und müssen uns fragen, ob wir wirklich wissen, was wir da unterstützen.
