Bordeaux: Der Vormarsch der Bio-Winzer:innen

Justine und Alfred Tesseron von Château Pontet-Canet. Château Pontet-Canet

Da kommt verdammt geiler Bio-Stoff aus Bordeaux auf uns zu! Denn trotz erschwerter Bedingungen durch das feuchte Atlantikklima beweisen die Bordelaiser in Sachen Bio und Nachhaltigkeit Mut und Durchhaltevermögen.

Das selbst in einem traditionsreichen Weinanbaugebiet wie Bordeaux mit einer Gesamtrebfläche von knapp 100.000 Hektar eine regelrechte Innovationswelle losgetreten werden kann, zeigt sich gerade deutlich im Bio-Weinbau: Immer mehr Bordelaiser Winzerinnen und Winzer satteln um und verschreiben sich – trotz klimatischer Herausforderungen – nachhaltigen Anbaumethoden. Neben einer deutlichen Reduktion des Pestizideinsatzes geht es dabei unter anderem um eine Verbesserung der CO²-Bilanz, die Senkung des Wasser- und Energieverbrauchs, den Schutz der Ökosysteme und Artenvielfalt, die Förderung der Biodiversität und natürlich um soziale Nachhaltigkeit. 75 Prozent der Weinbaufläche sind bereits nach einem ökologischen Ansatz zertifiziert (2014 waren es 35 Prozent). Die Bio-Fläche umfasst 19.952 Hektar (zertifiziert oder in Umstellung), die biodynamische 1.400 Hektar – Tendenz steigend.

Durch eine biologische Bewirtschaftung werden die Reben vitaler und krankheitsresistenter. Und sie bringen Trauben in höherer Qualität und teilweise sogar in höheren Mengen hervor. Château Palmer/Olivier Metzger

Bis 2030 sollen 100 Prozent der Weinberge in Bordeaux umweltzertifiziert sind. Ein ambitioniertes, aber angesichts der aktuellen Zahlen durchaus realistisches Ziel. Und das, obwohl das atlantische Klima in Bordeaux den Rebstöcken mit Regen und Feuchtigkeit teils ordentlich zusetzt und den Bio-Weinbau erschwert. „Mehltau kann in Bordeaux zu einem erheblichen Problem mit enormen Ernteeinbußen werden“, weiß Bordeaux-Experte und Kracher Fine Wine Portfolio Manager Hans Martin Gesellmann. „Gleichzeitig hat die Next Generation ein deutlich höheres Nachhaltigkeit- und Bio-Bewusstsein als die Generationen davor. Schon jetzt wird nach bestem Wissen und Gewissen ökologisch gearbeitet, aber das Ziel ist natürlich, zertifiziert zu sein.“

Dranbleiben

Wie hoch der Krankheits-, aber auch der finanzielle Druck sein können, zeigt das Beispiel Pontet-Canet. Das Château aus dem Pauillac gehört zu den Biodynamie-Pionieren in Bordeaux; die Zertifizierung erfolgte 2010. Noch während der Umstellungsphase kehrte das Weingut mit dem Jahrgang 2007 zu konventionellen Methoden zurück, um dem schwierigen Witterungsverlauf in den Weinbergen Herr zu werden und den finanziellen Verlust im Rahmen zu halten. Ein Schritt, den Pontet-Canet rückblickend bereut – und selbst 2018 nicht wiederholte, als Mehltau einen großen Teil der Ernte zunichtemachte. Statt der üblichen 35 bis 40 Hektoliter pro Hektar schrumpfte der Ertrag auf 10 Hektoliter pro Hektar. Gesellmann: „Bio oder Biodyn einzufordern ist die eine Sache, aber man muss auch die klimatischen Bedingungen des Weinbaugebiets berücksichtigen. Im Bordeaux ist die Angst vor herben Verlusten groß. Nachhaltig und biologisch ja, aber für die Bordelaiser letztlich nicht um jeden Preis.“

Stephane Derenoncourt mit seiner Frau Christine; er gilt als einer der besten Weinmacher und önologischen Berater Saint Emilions. Domaine de L’A

Zusätzlich erschwert wird eine biologische Bewirtschaftung durch die Größe der Betriebe. Weingüter mit einer Rebfläche zwischen 50 und 100 Hektar sind in Bordeaux keine Seltenheit. Vielen fehlt jedoch die Manpower, um die Weingärten in starken Mehltau-Jahren – teilweise aufwändig – biologisch zu bearbeiten. Dennoch haben vor allem die jungen Weinmacher:innen erkannt, dass sich die biologische und biodynamische Bewirtschaftung positiv auf die Qualität der Weine auswirkt. „Die Bordelaiser haben eingesehen, dass sie es in den 70er- und 80er-Jahren mit der Chemie – Stichwort Bordelaiser Brühe – übertrieben haben. Womit sie keine Ausnahme waren. In anderen französischen Weinbaugebieten wie Burgund und Elsass war es genauso schlimm“, so Hans Martin Gesellmann. Nun käme es jedoch regionsweit zu einem Umdenken und einem vermehrten Umstieg auf Bio, „weil die Winzer:innen sehen, dass ihre Reben vitaler und krankheitsresistenter werden und Trauben in höherer Qualität und teilweise sogar in höheren Mengen hervorbringen.“

Spitzenweine

Neben Pontet-Canet gehört auch Château Palmer aus dem Margaux zu den biodynamischen Vorreitern in Bordeaux, außerdem die Domaine de l’A von Stephane Derenoncourt – er ist neben Michel Rolland und Thomas Duclos einer der bekanntesten önologischen Berater in der Region. Wobei Derenoncourt im Unterschied zu den anderen beiden nicht nur im Keller berät, sondern Winzer:innen auch bei der Umstellung auf Bio und Biodyn im Weingarten begleitet. Château Fonplegade und Château Smith Haut Lafitte punkten mit spannenden biodynamischen bzw. biologischen Weinen zu Spitzenpreisen ab 30 Euro je nach Jahrgang. Das sei jedoch die Ausnahme, wie Bordeaux-Kenner Hans Martin Gesellmann betont: „Es gibt in Bordeaux auch viel Masse, aber dort wird Bio und Biodyn nie das große Thema sein. Dafür ist die biologische Bewirtschaftung im vorherrschenden Klima zu aufwändig. Ein Bio-Bordeaux um 10 Euro geht sich schwer aus.“

Das Château Pontet-Canet aus dem Pauillac gehört zu den Biodynamie-Pionieren in Bordeaux; die Zertifizierung erfolgte 2010. Château Pontet-Canet

Generell beobachtet Gesellmann eine vermehrte Marktnachfrage nach Bio, wenngleich Österreich noch etwas verhalten ist. „In den skandinavischen Ländern und in Amerika sind Bio und Biodyn bereits ein starkes, überzeugendes Verkaufsargument. Das ist hierzulande zwar noch nicht so, Kriterien wie Nachhaltigkeit und Bio werden von den Konsument:innen aber zunehmend präferiert.“ Das bestätigt auch Sebastian Schatz. Gemeinsam mit Gregor Imhof betreibt er das Schatz Imhof in der Wiener Innenstadt. Die Weinkarte mit Schwerpunkt Naturweine umfasst knapp 600 Positionen, darunter Bio-Bordeaux von Château Petit Gravet Aine aus Saint-Émilion und Domaine Simon Blanchard aus Montagne-Saint-Émilion. „Bio oder generell Naturwein wird heute viel positiver gesehen. Der Gast erschreckt nicht mehr, wenn Wein trüb ist oder das Biosiegel am Etikett trägt. Das kommt auch daher, dass die Leute mehr daran interessiert sind, was sie konsumieren und woher es kommt. Bio, vielleicht sogar in Verbindung mit Naturwein, hat nicht nur positive Umwelteffekte, sondern liefert auch ein gutes Storytelling.“ In diesem Sinne freuen wir uns auf die Bio-Geschichten, die Bordeaux noch erzählen wird.

“Château Palmer is first and foremost a place which has existed for a very long time, and will exist for a long time to come”, sagt Managing Director Thomas Duroux. Olivier Metzger

In Partnerschaft mit Kracher Fine Wine

finewineshop.com.