Carnuntum: Geheimtipp mit großer Zukunft

Das Carnuntum aus Sicht des Master Sommelier und Michelin Sommelier Award-Gewinner Alexander Koblinger. Im Genießerhotel Döllerer im Salzburger Golling sorgt er für eine der besten Wein-Performances Europas. Dabei immer wieder im Fokus: Weine aus dem Carnuntum.
Ich mache das immer wieder einmal: Ich suche mir einen möglichst schönen Aussichtspunkt, von dem ich einen guten Überblick über die Weinregion habe. Da gehe ich dann hinauf. Ganz alleine. Ohne Winzerin oder Winzer im Schlepptau. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das erste Mal oben am Spitzerberg stand. Ein erhebendes Gefühl. Die rund 280 Meter Seehöhe sind der höchste Punkt des Gebiets. Am Südhang blickst du auf die steilen Terrassen, die ins flache Gelände übergehen. Du schaust auf die Donau hinunter und saugst alles auf. Es ist warm dort, aber trotzdem wirkt es kühl. Dafür sorgen die ständigen thermischen Aufwinde, die maßgeblich für die außerordentlichen klimatischen Bedingungen im Carnuntum verantwortlich sind. Alles wirkt sehr entspannt und ruhig – eine ganz besondere Region.

Und genau dieses Gefühl vermitteln auch die Weine aus dem Carnuntum. Es sind Weine, die in sich ruhen, gemacht mit feiner Klinge, einer hohen Eleganz und seidigen Tanninen – ganz bewusst keine Blockbuster-Weine. Noch haben das Carnuntum wenige am Schirm. Die Betonung liegt auf „noch“. Denn die Entwicklung, die diese kleine Weinregion mit ihren 906 Hektar in den vergangenen Jahren gemacht hat, ist mega. Für mich als Sommelier sind genau solche Weinregionen die spannendsten. Hier gibt es vieles zu entdecken. So können wir unseren Gästen Neues präsentieren. Und im Carnuntum hast du jetzt schon die Sicherheit, dass hier ausgezeichnet gearbeitet wird.

Die 38 Winzerinnen und Winzer, die sich im Verein „Rubin Carnuntum“ zusammengetan haben, konnten in den vergangenen Jahren eine Dynamik entwickeln, die beachtlich ist. Sie sind ein Beweis dafür, dass man gemeinsam einfach mehr erreicht, als wenn man nur einzeln „kämpft“. Wenn wir in der Sommelerie heute „Carnuntum“ hören, dann haben wir ein klares Bild und eine klare Charakteristik vor Augen – trotz aller Individualität, die die Winzerinnen und Winzer auszeichnet. Die Carnuntum Weine haben Struktur, Reife und Kraft, das Terroir steht im Vordergrund – all das finde ich genial. Im Carnuntum wurde schon früh ein fortschrittlicher Weg eingeschlagen: weg vom hohen Alkohol, das Holz ist nur mehr Geschmacksgeber, aber kein Geschmacksträger mehr. Genau das ist die Zukunft. Im Carnuntum wurde dazu sehr intensiv an der Erforschung der Böden gearbeitet. Was ich sehr schätze: Das Gebiet war nie laut in der Kommunikation. Sie wollen und sollen entdeckt werden. Jede Sommelière und jeder Sommelier muss das am Schirm haben.

Insgesamt erstreckt sich das Carnuntum ja über drei Gebiete: das Leithagebirge, das Arbesthaler Hügelland sowie die Hundsheimer Berge. Am Leithagebirge haben wir lehmige, schottrige Böden mit hohem Kalkgehalt. Aus dieser Gegend kommen besonders frische und fruchtbetonte Weine. Das Abesthaler Hügelland ist in den höheren Teilen der Hänge von Schotter geprägt, während der Boden in den tieferen Lagen immer mehr Lehmanteile aufweist. Mehr als 2.000 Stunden scheint die Sonne hier im Jahr, so viel wie fast nirgendwo sonst in Europa. Die warme Luft aus dem Becken des Neusiedlersees sowie die frisch-würzigen Luftmassen von der nördlich fließenden Donau sowie aus dem Ellender Wald ergeben ideale Voraussetzungen für gut ausreifende, aromatische Trauben, die warme und seidige Rotweine hervorbringen. Die Hundsheimer Berge wiederum gehören geologisch bereits zu den Kleinen Karparten. Der Boden besteht aus Glimmerschiefer und Granitgleis, teilweise auf Kalk gebaut. Die karge Bodenstruktur und die weitaus geringeren Niederschläge als in den beiden anderen Weinbaugebieten des Carnuntum machen die Hundsheimer Berge zum „spätesten“ Gebiet im Carnuntum. Hier werden traditionell frühreife Sorten gepflegt.

Wenn es um das Carnuntum geht, will ich natürlich den Zweigelt hervorheben. Er hat mit einer Anbaufläche von 235 Hektar den größten Anteil. Gefolgt übrigens von Grünen Veltliner (180 Hektar) und Blaufränkisch (83 Hektar). Etwa 120 Hektar Zweigelt werden im Carnuntum inzwischen reinsortig abgefüllt. Genial! Wir in den Sommelerie unterschätzen Zweigelt ja schon lange nicht mehr. Wenn man diese Rebsorte richtig angreift, ist das super spannend und gerade für Essensbegleitung ideal. Im Carnuntum hat man 2006 sogar eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, die mit wissenschaftlicher Genauigkeit herausarbeitet, in welchen Lagen, in welchem Rebalter und bei welchen Vinifikationsmethoden der beste Zweigelt entstehen könnte. Grundsätzlich kann gesagt werden: je karger der Boden, desto karger der Wein; je nährstoffreicher, desto üppiger. Genau deshalb fühlt sich der Zweigelt bei der Vielfalt an Böden im Carnuntum ja so wohl. Auf den kargeren Schotterböden wirkt der Zweigelt straffer, präziser, nicht so saftig, aber dafür umso mineralischer am Gaumen. Auf den Löss- und Lehmböden entwickelt der Zweigelt eine weichere, wärmere Struktur mit saftiger, dunkler Beerenfrucht in Kombination mit einer spannenden Würze im Abgang. Die warmen sandigen Böden hingegen wirken sich üppiger aus und die Frische geht verloren. Der Kalk im Unterboden ist verantwortlich für Frische, Struktur und Eleganz. Auch der Tongehalt im Boden ist für die Struktur und Säure führend. Dies gibt dem Lagerpotential einen kräftigen Aufschwung.

Das Carnuntum zeigt auch uns in der Sommelerie ganz klar, wie rasch sich ein Weingebiet entwickeln kann und dass wir immer dran bleiben müssen beim Verkosten, um uns eine gute Meinung zu bilden ohne Scheuklappen-Denken. Am besten erlebt man die Weine noch immer dort, wo sie gemacht werden. Bei den Winzerinnen und Winzern und ihn ihren Kellern. Ein Besuch im Carnuntum ist für alle aus unserer Branche mehr als eine Empfehlung.
Ein KALK&KEGEL Best-of der 36 Rubin Carnuntum Weingüter in beliebiger Reihenfolge:
Taferner, 2022 Göttelsbrunn Weiß: Ein Best-of der Lagen aus Göttelsbrunn! Chardonnay, Weißburgunder und Grüner Veltliner. Kraftvoll, komplex, herrlicher Speisenbegleiter.- Gerhard Markowitsch, 2021 Zweigelt Ried Kirchweingarten 1ÖTW: Wir lieben die Mineralik, die diesem saftigen Zweigelt eine feine Eleganz verleiht. Darf durchaus noch reifen.
- Gottschuly-Grassl, 2019 Zweigelt Ried Aubühl 1ÖTW: Der geht ab in der Nase! Und auch der Gaumen freut sich. Kraftvoll, etwas von Nougat-Schokolade.
- Walter Glatzer, 2021 Blaufränkisch Ried Bärnreise 1ÖTW: Der kalkhaltige und mineralische Boden der Ried Bärnreiser kommt hier perfekt durch: salzig-mineralisch. Geht gut zum Essen, aber auch solo ein Genuss.
- Claus Dietrich, 2022 Grüner Veltliner Lange Viertel: Kräftiger Veltliner, den wir uns gut zu Fisch vorstellen können. Würzig, aber nie überladen.
- Auer, 2019 Ried Aubühl 1ÖTW: Super Lagerpotential. Schon jetzt: Komplex am Gaumen, stoffig mit feinen Tanninen. Perfekt zu rotem Fleisch.
- Martin & Hans Netzl, 2020 Ried Haidacker 1ÖTW: Viel Sonne bringt eine hohe Reife der Trauben. Das knallt am Gaumen mit dunkler Frucht, feiner Würze und leichter Süße. Cool!
- Oppelmayer, 2020 Matador: Cuvée-Aushängeschild des Weinguts aus Zweigelt, Merlot und Cabernet. Schöne Mineralität, facettenreich und süß-fruchtig.
- Muhr, 2020 Blaufränkisch Samt & Seide Prellenkirchen: Macht seinen Namen alle Ehre: samtig und seidig mit angenehmem Tannin und ordentlich Zug. Immer noch ein nächster Schluck!
- Pitnauer, 2020 Zweigelt Ried Haidacker 1ÖTW: Oh ja! Der kalkhaltige Boden tut diesem Zweigelt gut: lang anhaltend am Gaumen, leicht mineralisch. Aber bitte: Gebt ihm noch Zeit in der Flasche.
- Payr, 2019 Zweigelt Ried Steinäcker 1ÖTW: Ein Kraftlackel am Gaumen, der sich mit mineralischem Nachhall angenehm breit macht. Eine sichere Bank zu dunklem Fleisch.
- Philipp Grassl, 2021 Ried Bärnreiser 1ÖTW: Zweigelt, der Muskeln zeigt, aber nie aufdringlich wirkt. Schöne Struktur, komplex und mit Länge im Finish.
Pelzmann, 2019 Blaufränkisch Ried Spitzerberg 1ÖTW: Gebt ihn ordentlich Luft und der kratzige Kerl zeigt sich von seiner weichen Seite. Inspirierende Säure, guter Zug, fruchtig im Abgang.- Gerhard Pimpel, 2020 Ried Bärnreiser 1ÖTW: Komplex am Gaumen, gut integriertes Tannin. Natürlich kräftig, trotzdem elegant im Finish.
- Lager, 2022 Göttlesbrunn: Wie schmecken die Lagen in Göttelsbrunn? Genau so! Spannende Cuvée, leichtes Holz, dezente mineralische Noten.
- Schulz, 2019 Vinetum Optimum Ried Hagelsberg: Fein rauchig in der Nase. Viel Wein am Gaumen und ordentlich Gas im Nachhall.
- Franz & Gerhard Gratzer 2019 Rivi: Zweigelt und Merlot! Ein super Wein für die kühle Jahreszeit, satte Reife, angenehmes Holz. Jetzt noch ein Kaminfeuer und leer ist die Flasche.
- Meinrad Markowitsch, 2020 Purple X-Treme: Der Name des Weins verspricht nicht zu viel: kraftvoll und spürbares Holz durch 24 Monaten Reife in französischer Eiche.
- Riedmüller, 2018 Blaufränkisch Ried Braunsberg: Eleganter Blaufränkisch mit lebendiger Säure und Mineralität. Leicht salzig. Ein Wein, dem man den Alkohol nicht anmerkt. Wow!
- Böheim, 2019 Ried Stuhlwerker 1ÖTW: Saftig mit reifen Kirschen, engmaschig am Gaumen, elegante Säure. Wertet jedes Wildgericht auf.
- Nepomukhof Graßl, 2020 Merlot: Fruchtig in der Nase, würzig am Gaumen. Typisch Merlot: elegante Textur, seidig und laaaaaange im Abgang.
- Manfred Edelmann, 2021 Heidentor: Das Aushängeschild des Weinguts. Wir lieben die Heidelbeere in der Nase! Gute Würze am Gaumen. Schöne Cuvée aus Zweigelt, Cabernet und Merlot.
- Artner, 2020 Zweigelt Ried Steinäcker 1ÖTW: Komplexer Zweigelt mit eleganter Säure und fein integriertem Holz. Stoffig am Gaumen. Großes Lagerpotential.
- Christian Dietrich, 2019 Ried Spitzerberg 1ÖTW: Ein seidig-weicher Blaufränkisch mit samtiger Tanninstruktur. Elegante Säure gibt ihm Ecken und Kanten. Gelungen.
- Josef Pimpel, 2019 Blaufränkisch Ried Spitzerberg 1ÖTW: Mineralischer Blaufränkisch, der super zu Wildgerichten passt. Am Gaumen leichte Extrasüße, aber nie überladen.
- Lugschitz, 2018 Blaufränkisch Ried Hundsheimerberg: Gute Reife im Glas, braucht viel Luft, um sich dann voll zu entfalten: saftig am Gaumen, fein mineralisch.
- Franz & Christine Netzl, 2019 Anna-Christina Ried Bärnreiser 1ÖTW: Cuvée aus Zweigelt, Merlot, Blaufränkisch und Cabernet, die gemeinsam eine toller Harmonie im Glas ergeben. Benannt nach den Töchtern des Hauses.

Taferner, 2022 Göttelsbrunn Weiß: Ein Best-of der Lagen aus Göttelsbrunn! Chardonnay, Weißburgunder und Grüner Veltliner. Kraftvoll, komplex, herrlicher Speisenbegleiter.
Pelzmann, 2019 Blaufränkisch Ried Spitzerberg 1ÖTW: Gebt ihn ordentlich Luft und der kratzige Kerl zeigt sich von seiner weichen Seite. Inspirierende Säure, guter Zug, fruchtig im Abgang.