Curly: „Einen Song schreiben ist wie eine Nacht gemeinsam saufen“

Curly liegt mit dem Kopf auf einer roten Motorhaube
Lenny Schmidt

Wir haben den Musikjournalisten Ueli Häfliger gemeinsam mit dem Rapper und Wein-Podcaster Sebastian Moser, besser bekannt als Curly, in das Berliner Nachtleben geschickt. Entstanden ist ein intimes Interview über den Rausch der Musik, Drogeneskapaden und berauschten Momenten, die das Leben schon immer bereichert haben.

Wann hast du erkannt, dass du nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere Songs schreiben kannst?
Curly: Das kam über Steve (Anm. Steve Gottwald, Produzent des Podcasts „Terroir & Adiletten“), als er mich für einen anderen Job engagiert hat. Dabei sollte ich ein bisschen auf der Bühne moderieren und freestylen – für eine bekannte Getränkemarke. Anscheinend habe ich das okay gemacht. Danach meinte er, er hätte auch einen Verlag und so. Da habe ich ihm von meiner Zeit als Studioassi bei den Söhnen Mannheims erzählt. Zufällig war ich damals im Studio, als sie an neuen Songs gearbeitet haben, und durfte bei ein oder zwei Songs mitwirken und mitschreiben.

Also haben die Söhne Mannheims einfach so gesagt: „Hey Sebastian, schreib doch mal eine Zeile mit“?
Ich habe halt immer so rumgefreestylt, und sie wussten alle, dass ich selbst Musik mache und rappe. Tino Oac (Anm.: Mitglied der Söhne Mannheims), bei dem ich Studioassistent war, habe ich während der damaligen Albumaufnahme unterstützt: Vocals und Drums editiert, Kabel aufgerollt, Mics aufgestellt und all diese Sachen. Irgendwann hat sich das so ergeben – „Hey, willst du nicht mal mitprobieren?“ Dafür bin ich heute noch sehr dankbar, denn dadurch haben sich Türen geöffnet.

Curly hält lachend zwei Bierflaschen in die Kamera
Lenny Schmidt

War das dein erstes Ghostwriting?
Ja, das zweite war dann für MC Fitti, der kam ebenfalls über Steve. Aber heutzutage gibt es eigentlich kaum noch Ghostwriting. Man kann ja überall nachschauen, wer wo mitgeschrieben hat – bei der GEMA (Anm.: Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte), in den Songinfos auf den Streamingplattformen und so weiter. Ich finde, das ist eher Zusammenarbeiten, ein bisschen wie Ping-Pong. Aber Ghostwriting klingt natürlich immer spannender.

Musst du dafür viel akquirieren, aktiv auf Leute zugehen und sagen, dass du Songs schreibst, oder kommt das von allein?
Am Anfang hat mir der Verlag sehr geholfen, um Kontakte zu knüpfen. Aber wenn man sich erst einmal einen Ruf erarbeitet hat, kommt immer mehr von allein. Obwohl ich sagen muss, dass ich im letzten Jahr weniger gearbeitet und mehr gelebt habe. Deshalb muss ich jetzt wieder aktiv rausgehen und Jobs suchen.

Zum Glück habe ich noch viele feste Aufträge von Leuten, mit denen ich weiterhin zusammenarbeite, zum Beispiel Culcha Candela. Mit denen arbeite ich schon seit zehn Jahren. Oder mit Julien Bam. Da aber viel Bewegung bei Verlagen, Labels und Künstler:innen herrscht – neue kommen, alte gehen – muss man dranbleiben. Nach meiner Pause habe ich gemerkt, dass ich mich wieder zeigen und engagieren muss. Das ist ganz normal und in jedem Beruf so. Wenn du dich zurückziehst, wissen die Leute irgendwann nicht mehr, ob du noch aktiv bist oder nicht.

Wie unterscheidet sich das Schreiben für sich selbst vom Schreiben für andere?
Am Anfang hatte ich schon Skrupel. Wenn du als superrealer Rapper plötzlich Songs für andere schreibst, clasht das dann doch mit der Idee: „Jeder braucht seine eigenen Skills, alle anderen sind schlecht, wenn sie es nicht selbst machen.“ Anfangs dachte ich noch, wenn ich bei einem Song nur vier von 32 Zeilen schreibe, hätte ich total versagt. Doch schnell habe ich verstanden, dass man eher Dienstleister als Star der Show ist. Es geht darum, den Künstler oder die Künstlerin ins richtige Licht zu rücken und das eigene Ego zurückzunehmen.

Selbst wenn man nur sagt: „Mach die Hook kürzer“ – und das war dann alles, was man zum Song beigetragen hat – kann genau das der Grund sein, warum der Song zum Hit wird. Es geht nicht immer darum, den ganzen Song zu schreiben. Das habe ich erst nach einer Weile begriffen.

Curly gießt an einem gedeckten Tisch einen Drink ein
Lenny Schmidt

Mittlerweile hasse ich es, wenn ich in einer Session bin und jemand unzufrieden mit seiner Leistung ist und dadurch zum Verhinderer wird. Da habe ich gemerkt, dass der Vibe stimmen muss und der Artist sich wohlfühlen sollte. Schließlich muss er oder sie den Song auf der Bühne performen – das ist das A und O. In erster Linie muss man eine gute Zeit haben, dann wird auch der Song gut.

Und da ist er wieder, der Gang-Gedanke: das Zusammensein, das Zusammenarbeiten…
Wenn man gemeinsam im Studio einen großartigen Song schreibt und ihn am Ende zusammen anhört, ist das ein intensives Erlebnis. Ich sage immer: Einen Song zusammen zu schreiben ist wie eine Nacht gemeinsam zu saufen. Das hat etwas sehr Intimes. Man fühlt sich danach verbunden.

Oft sind es ja auch persönliche Themen, die in Songs verarbeitet werden, oder persönliche Eindrücke der Künstlerinnen und Künstler. Wenn sie sich öffnen und man am Ende etwas gemeinsam schafft, verbindet das. Auch wenn man normalerweise nicht zusammen abhängen würde – diese Sache verbindet dann trotzdem.

Kannst du selbst bestimmen, wann du nur die Texte schreibst und wann du auch produzierst?
Das hängt von der Anfrage ab. Meistens entstehen Lyrics und Melodie zusammen, je nach Künstler oder Künstlerin. Manche machen sehr viel selbst, andere geben dir nur ein paar Wörter oder Stichpunkte, wieder andere haben nur eine Melodie im Kopf. Meistens läuft das Hand in Hand, man spielt quasi Ping-Pong. Wenn man sich vom vornherein schon so Boundaries setzt, begrenzt das die Kreativität.

Curly mit Partytröte im Mund in einem hellen Raum
Lenny Schmidt

Hast du auch schon gedacht: „Verdammt, bei diesem Song hätte ich gerne den Beat beigesteuert“?
Ja, klar, voll. Die Sache ist halt die: Sobald du das Studio verlässt, kannst du nichts mehr ändern. Außerdem weiß ich nie, wie die Artists oder die Labels den Song vermarkten. Ich habe schon Songs geschrieben, bei denen ich dachte: Wow, das wird ein Hit – und dann wurde er einfach nicht oder nicht ausreichend promotet. Andererseits gab es Songs, bei denen ich dachte: Das wird nie was – und dann sind sie durch die Decke gegangen, wie zum Beispiel „Burgerpommes“.

Man steckt da wirklich nicht drin und lernt, auch loszulassen. Ab dem Moment, in dem der Song online ist, entscheiden die Leute. Da muss man sich distanzieren und abwarten, was passiert. Mittlerweile schaue ich nicht mehr ständig, wie der Song performt, denn das macht das Leben nicht leichter.

Kannst du dich noch an deinen ersten Endorphin-Rausch erinnern, als du gemerkt hast, dass ein Song zündet und richtig abhebt?
Einer der ersten Songs, die ich für den Verlag geschrieben habe – bei dem ich selbst noch die Vocals eingesungen habe – war für einen House-DJ aus den Niederlanden: Sam Feldt. Damals war er noch relativ unbekannt, heute ist er ein weltweiter Superstar-DJ. Anfangs hätte ich 250 Euro für die Vocals bekommen sollen. Doch dann hieß es plötzlich: Nein, die geben mir keine Kohle, sondern eine Beteiligung an dem Song – und zwar eine relativ hohe.

Ich hab mich damals aber überkrank aufgeregt und gesagt, das ist komplette Abzocke, was für ne scheiß Musikindustrie, bla bla bla. Mein Verlag meinte dann, ich soll mich entspannen, das sei ein großes Label, die würden das halt so machen. Ich musste mich dann sogar noch am Video beteiligen, da hab ich mich richtig abgefuckt gefühlt.

Dann kam die Rechnung. Die erste war noch im Minus, die zweite aber war über 10.000 Euro oder so. Und dann ging das immer so weiter. Mit dem Song hab ich auf jeden Fall ordentlich Kohle verdient. Da hab ich dann gecheckt, oha, da kann dann doch einiges gehen. Ich hab davor noch nie eine so hohe Überweisung gekriegt. Dann kam der erste Vorschuss und ich war so dankbar und meinte noch zu meinem Verlag: „Danke, dass ihr an mich glaubt“. Ich habs jetzt wirklich geschafft, nur mit Musik so viel Geld zu verdienen, wie ich noch nie verdient hab. Das war schon ein Moment, den ich nie vergessen werde. Weil’s halt auch sone Bestätigung ist für all die Leute, die dachten, das wird nie was.

Curly sitzt auf einer Treppe in einem alten Stiegenhaus
Lenny Schmidt

Deine Eltern?
Nein, meine Eltern haben mich immer megakrass supported. Ohne die hätt ich das nie machen können. Weil ich neben meinem Studium halt nie gearbeitet hab, sondern Gigs spielte. Da hab ich zwar auch Geld verdient, aber halt nie so viel wie wenn ich gekellnert hätte. Und ohne den Support meiner Eltern wär ich nie in die Situation gekommen, das alles zu machen. Meine eigene Mucke oder für andere zu schreiben. Darüber bin ich mir sehr bewusst, dass die mir den Rücken freigehalten haben.

Ich meine eher die Leute um mich rum. Die, wenn du aus einem Dorf kommst und so rapst, die dich dann so ein bisschen belächeln. Wenn du dann deine erste Goldene Schallplatte kriegst und ein Artikel über dich in der Dorfzeitung erscheint, dann finden dich plötzlich alle toll. Das ist ein bisschen funny. Aber es ist auch eine Bestätigung dafür, dass wenn man an sich glaubt, man das auch durchziehen kann. Das klingt jetzt klischeemäßig, aber es ist halt so. Manchmal befeuert das einen auch, wenn Leute an dir zweifeln. Jetzt erst recht.

Ich hab dann ne Zeit lang schon recht krass gehustled und nur gearbeitet. Ich bin schon bisschen ein extremer Mensch, was auch den Rausch angeht. Wenn ich was mache, dann mach ich das halt meistens ein bisschen übertrieben. Da haben dann auch viele Dinge drunter gelitten wie Freundschaften, Beziehungen, Social Life und so. Weil ich gemerkt hab, boah da geht was. Da wollt ich auch immer mehr. Wenn du dann anfängst viel Geld zu verdienen, dann willst du natürlich auch nicht weniger verdienen.

Aber ich hab dann auch gemerkt, dass mir die Balance schon wichtig ist. Deshalb hab ich das letzte Jahr, auch wegen meiner neuen Beziehung, versucht smarter zu arbeiten, mir die Sachen ein wenig auszusuchen, nicht einfach alles anzunehmen. Ich hab eine Zeit lang immer alles angenommen und nie nein gesagt, das war nicht wirklich zielführend. Generell dieses Thema, wenn du auf einem gewissen Level ankommst, musst du dich fragen, will ich das Level halten oder will ich damit runtergehen. Und was bedeutet das für die Zeit, die Nerven und die Ausgeglichenheit meiner Seele.

Ist dir das wichtig, dass deine Seele in Balance ist?
Ja voll. Jetzt grade das letzte Jahr war ich viel am Reisen. Da hab ich schon auch gemerkt, dass es noch viel mehr gibt als Songs zu schreiben und Geld zu verdienen. Um dir mal ein Beispiel zu geben: Zum Jahreswechsel war ich vier Wochen in Südostasien mit meiner Freundin. Und früher hab ich mich nicht getraut länger als eine Woche wegzugehen, weil ich das Gefühl hatte, wenn jetzt jemand anruft und ich bin nicht in Berlin, dann verpass ich den größten Auftrag. Heute bin ich entspannter und sag halt einfach, ich bin nicht da.

Curly nachts neben einem parkenden Auto, im Hintergrund Menschen
Lenny Schmidt

Also die Angst abgelegt, immer etwas zu verpassen?
Total. Ich bin halt nach vier Wochen zurückgekommen und es war alles wie vorher, gefühlt. Es gab davor aber schon ein, zwei Momente, wo ich nicht in der Stadt war und dann irgendwie Cro da war. Ich kann mich halt sehr gut in Sachen reinsteigern, gut oder schlecht. Das tut einfach nicht gut. Die Welt dreht sich weiter, ob ich da bin oder nicht.

Ist ja bestimmt auch eine Altersfrage… Die Maschine läuft ja! Bei deinem letzten Spotify Wrap Up im Jahr 2024 hast du über 118 Millionen Streams eingefahren, Wahnsinn!
Ich kann mich ja nicht beklagen, aber ich muss jetzt schon wieder bisschen Gas geben. Ich hab jetzt hie und da noch ein paar Deals, die kommen werden und mein Katalog spielt über die GEMA schon gut was ein, was mir schon eine finanzielle Sicherheit gibt. Und ich hab jetzt auch schon mehr den Überblick als in meinen ersten fünf Jahren und kenn das Game nun schon ein bisschen. Sparen ist aber auch nicht mein Ding, ich geb das Geld gerne aus, dann hab ich wieder Motivation neues zu verdienen. Meine Mutter versteht das gar nicht, aber ich will jetzt nicht jeden Monat 500 Euro auf ein Konto überweisen…

Sepp Schellhorn (Anm.: ehemaliger Gastronom, jetzt Staatssekretär in Österreich) hat dir im „Terroir & Adiletten“-Podcast ausdrücklich verboten, weiterhin Ballermann-Hits zu schreiben. Gibt es für dich eine Grenze oder ist alles egal? Für wen würdest du nie einen Song schreiben?
Für irgendwelche weirden politischen und/oder menschenverachtenden Gesinnungen, das würde nicht in Frage kommen. Oder wenn der Künstler ein richtiges Arschloch ist. Weil der Künstler bzw. die Künstlerin und der Song gehören für mich schon zusammen. Generell kann ich schon sagen, dass wenn es sich nicht in einem illegalen oder moralisch verwerflichen Rahmen bewegt, mach ich alles. Ich hab mir mal gesagt, die Sachen, die ich für mich nicht schreiben kann, schreib ich für andere. Es fühlt sich einfach cool an, so einen Schlagersong zu schreiben, ich würd den ja selbst eh nicht singen.

Dann bringst du den bei den Schlümpfen unter?
Die Kindersachen sind nochmal so ein spezielles Ding, weil man da nicht auf diese ganzen Images achten muss. Sondern einfach schreiben kann, was man denkt. Weil die Kinder so unvoreingenommen sind und ehrliches Feedback geben. Wenn die es gut finden, dann finden dies halt einfach gut. Man muss da nicht soviel nachdenken, boah die Sonne scheint, lass mal rausgehen auf’n Spielplatz, that‘s it, geil.

Wie „Die Maus macht miau“ auf „Die Schlümpfe – Das blaue Album“?
Ja genau. Einfach, um ein bisschen Witz reinzubringen. Und bei Kindern ist das Tolle, dass die ja nachwachsen. Wenn die das nach zwei Jahren nicht mehr gut finden, kommen neue nach. Was für die Halbwertszeit von so einem Song auch ausschlaggebend ist.

Curly steht vor einer rot gestrichenen Metalltür
Lenny Schmidt

Wo ist die Grenze dann zwischen Ballermann-Hits und Kindersongs? Die sind rein musikalisch ja nicht so weit auseinander…
Voll. Da gibt‘s gar keine großen Grenzen mehr, außerhalb der Sex- und Alkoholtexte. Ansonsten könnte man das glaub ich 1:1 übersetzen. Einfach Kindertexte über einen Ballermann-Song drüberlegen, da gibt‘s grade auch schon Projekte, die in diese Richtung gehen.

Für welchen Künstler, welche Künstlerin würdest du gerne mal schreiben?
Helene Fischer wär schon geil. Aber ich hab schon mit vielen Leuten gearbeitet, welche auf meiner Bucket List waren. Ich hätte aber wieder Bock mal bei einem Projekt von Anfang an dabei zu sein. Wenn man so einen Newcomer oder eine Newcomerin hat und mit dem oder der anfängt die ersten Songs zu schreiben bis zu dem Punkt, wo es funktioniert und abgeht. Und du dann immer noch mit dem gleichen Team arbeiten kannst, ist das ein cooles Gefühl, alles von Null an aufgebaut zu haben.

Wie zum Beispiel mit Julien Bam, mit dem wir angefangen haben Songs zu schreiben vor ein paar Jahren. Der war davor schon riesig als YouTuber. Aber zumindest diese musikalische Sache haben wir zusammen gestartet und aufgebaut. Dieser „Mach die Robbe“-Song, den wir gemacht haben mit dazugehörigem Tanz. Als das so durch die Decke ging, das war schon einer meiner größten Sachen. In Fernsehshows, auf allen Kanälen, in Antalya im Robinson Club haben alle Leute diesen Tanz nachgemacht, den wir halt komplett high aus einem Joke heraus erfunden haben. Das ist schon ein geiles Gefühl, wenn so eine Idee die Welle macht. Das gibt dir schon auch einen gewissen Rausch.

Dann lass uns mal über Rausch reden. An welchen erinnerst du dich gerne zurück?
An die besten kann ich mich wahrscheinlich nicht mehr erinnern (lacht).

Curly mit einem Teller in einer Restaurantküche, daneben eine lachende Köchin
Lenny Schmidt

Falco-Style…
Zu der Zeit, als ich noch viel live gespielt hab, waren die krassesten Räusche während oder nach dem Konzert. Auf der Bühne zu stehen, wenn der Vibe zwischen dem Publikum und dir geil ist, dann ist da schon schwer was anderes zu finden, das krasser kickt. Das ist schon ein arges Gefühl, eine krasse Droge.

Beim Rausch kommt’s ja auch immer sehr drauf an, mit wem du den hast. Wenn du nach dem Rausch fragst, denke ich eher an die Leute, mit denen ich zusammen war in dem Moment, als an den Rausch selber. Das beeinflusst sich immer sehr, mit wem man unterwegs ist. Ich hab einmal in New York aufgelegt und danach sind wir nach Brooklyn zu so einer Warehouse-Party. Und diese Kombination aus Auflegen-in-New-York und bewusstseinserweiternden Substanzen war heftig.

Für wen hast du da aufgelegt?
Ein Freund von mir hatte da schonmal gespielt. Ihn hab ich vorab schon mal supported auf einer früheren USA-Tour. Den haben sie jetzt wieder gebucht, mit mir als Support, in der Webster Hall in Manhattan, das war übergeil. Und danach sind wir überhigh bei Sonnenuntergang über die Brooklyn Bridge in dieses Warehouse gefahren. In der Nacht ist dann dreimal der Strom ausgefallen, so wie man sich das vorstellt.

Alles in allem einer dieser Abende, an dem alles gepasst hat. Da wachst du am nächsten Morgen auf und denkst, wah was war das! Halt alles so voll klischeemäßig, chique Quesadillas essen in der Location und danach auflegen. Und im Backstage alle überkrank high, der Dealer hat direkt in der WG vom DJ gewohnt.

Kurze Wege also. In welchem Jahr war das?
Boah… So genau kann ich dir das jetzt nicht sagen. Zweitausendzehn? Acht? Ein anderer kranker Rausch, den ich auch nie vergessen werde, war, als ich mit meiner verrückten Band damals eine kleine Tour – 4 bis 5 Konzerte – durch Berlin gespielt hab, u.a. auch im Kinski in Neukölln. Da hab ich noch in Karlsruhe gewohnt und war noch nie in der Hauptstadt.

Curly an einem gedeckten Restauranttisch mit Weingläsern
Lenny Schmidt

Nach dem Konzert im Kinski sind wir zum Feiern ins Golden Gate gegangen, bei der Jannowitzbrücke. Mein Homie hat auf der Tanzfläche nach 5 Minuten einen Handjob gekriegt. Und ich hab das falsche Bier getrunken. Da war irgendwie Liquid Ecstasy drin oder so. Dann saß ich auf dem Sofa neben der Tanzfläche und musste auf einmal so impulsiv kotzen, so crazymäßig im Strahl. Dann dachte ich „Shit, ich geh mal lieber raus“, bin dann aber in die falsche Richtung gelaufen und auf dem Klo gelandet. Da konnte ich mich nicht mehr bewegen und hab im Waschbecken gelegen. Die Leute haben sich so über mir die Hände gewaschen.

Irgendwann kam einer aus meiner Gang rein, hat mich gesehen und sofort Leute vom Club geholt. Die haben mich in den Backstage gebracht und schnell reagiert: „Das ist GHB, GHB, der braucht Vitamin C!“ Dann haben die Zitronen von der Bar geholt und mir ins Gesicht gehalten und ich dachte noch, wollen die mich verarschen? Das ist also dieses Berlin. Dann bin ich raus und als ich an der frischen Luft war, war das nach einer Viertelstunde wieder relativ chill. Das war auf jeden Fall ein kranker Rausch.

Am nächsten Tag war ich zum ersten Mal im Berghain, sah aus wie so der übelste Skater-Rapper und hatte ein Brötchen in der Hand. Und wir sind einfach reingekommen. Drinnen, Digger, treffen wir Leute, die am Vorabend auf unserem Konzert waren im Kinski. Die haben uns dann irgendwelche Drogen gegeben und wir waren überkrank lange im Berghain. Als ich dann wieder zu Hause in Karlsruhe war, dachte ich „Okay, schon ein anderer Swag da, in diesem Berlin“.

Warst du früher oft feiern?
Nein, nicht so richtig. Techno find ich schwierig. Mit meiner Freundin jetzt gehe ich ab und zu clubben. Aber davor war mir das immer bisschen zu langweilig. Die Mucke hatte mir zu wenig Melodie. Ich war dann eher vorm Club mit Leuten labern, anstatt im Club tanzen. Und dann hab ich so gemerkt, dass es irgendwie nur funktioniert, wenn alle druff sind. Ich dachte mir so, schon ganz nice, aber es kommt halt auf die Gang an, mit der du abhängst. Meine Freundin hat viele Feierfreunde und da sind wir ab und zu mal weg, aber jetzt nicht jedes Wochenende. Das ist mir inzwischen einfach zu stressig.

Mit zunehmendem Alter wird die Erholungsphase halt auch länger.
Wir machen auch Partys daheim, die 48 Stunden gehen. Da muss ich nicht in den Club für.

Curly trinkt vor einem Weinregal aus einer Flasche
Lenny Schmidt

Findest du, dass sich der Freundeskreis definiert durch die Musik, die du hörst? Oder hörst du die Musik, die deine Freunde hören?
Wenn man jünger ist, definiert sich das auf jeden Fall über die Musik. Je älter man wird, ist es nicht mehr so krass wichtig. Als wir jung waren, haben wir uns krass übers Kiffen definiert. Da ging es uns nur drum, wie high kann man werden. Wir hatten so einen Dude, bei dem wir uns nach der Schule jeweils getroffen haben. Da haben wir unsere Bongs gesammelt, sechs verschiedene. Doppelkopf hier, Glasacryl da.

Ich komm ja aus Rheinfelden, direkt an der Schweizer Grenze. Damals gab es noch Gras-Läden in Basel. Da sind wir mit unseren Rollern über die Grüne Grenze gefahren und haben einfach so ein 20-Gramm-Duftsäckli gekauft mit unseren gefälschten Kinderausweisen. Das war fast schon ein kleines Business. Ist ja alles verjährt jetzt, zum Glück.

Ihr habt‘s weiter verkauft?
Ne, eher so, dass wir selber umsonst kiffen konnten. In der Schule haben wir dann Geld gesammelt. Wir haben Deals mit den Dudes in der Schweiz gehabt. Wenn wir 10 Säckli kaufen, kriegen wir 12. Bei 20 gab’s 25. Einmal haben wir sogar 3 Kilo Schnittreste gekauft von denen. Bongfutter halt. Für 300 Euro!

Und da war so dieser Moment, als wir mit dem Roller über diese Kraftwerkbrücke mussten, eigentlich nur für Fahrräder. Manchmal stand da dann auch der Zoll. Wir standen also auf der anderen Seite und haben ne Münze geworfen, wer rüber fahren muss. Und natürlich hat‘s mich getroffen. Da war dann einfach ein gelber Sack vollgepackt mit Weed, den hatte ich zwischen meinen Beinen. In meinem Kopf hab ich die ganze Zeit „Da sind meine Sportsachen drin, da sind meine Sportsachen drin“ vor mich hin gesagt. Dann bin ich da rübergefahren, 200 Meter vielleicht, ein Haufen Weed zwischen meinen Beinen und Stress im Kopf: „Ich werd keinen Schulabschluss machen, meine Eltern werden mich verstoßen“, bla bla bla. Ich hatte Glück. Gehört zum Jungsein wohl dazu.

Wenn ich was mache, dann mach ich das halt meistens ein bisschen übertrieben.

Wie alt warst du da?
15, 16… Da sind wir zu meinem Homie nach Hause, haben Zeitungen auf dem Boden ausgelegt und das ganze Weed ausgebreitet. Das hab ich auch noch gefilmt mit dem Camcorder von meinem Vater. Wir dachten echt, wir sind die Pablo Escobars von Rheinfelden, die Könige der Welt! Digger! Dann haben wir das Weed auch noch gesiebt, um die Blüten rauszukriegen. Den Rest haben wir verkauft.

Man könnte also sagen: Der Rausch macht nicht den Rausch, sondern eher das Zusammensein, die Gang?
Ich find voll. Der Rausch alleine ist irgendwie sad. Der Rausch alleine hat eher mit Verdrängung zu tun. Klar, das hab ich auch schon gemacht als ich ne schlechte Phase hatte, dass man sich so krass wegballert. Es gibt mir auf alle Fälle vielmehr, mit anderen Leuten high zu sein. Mit Weed ist es vielleicht nochmal was anderes.

Curly lehnt an Weinkisten vor einem Weinregal
Lenny Schmidt

Aber eben, was so Saufen und andere Drogen angeht. Alleine rutscht das schnell in sone traurige Verdrängungs-ich-sitz-allein-im-Studio-und-schieß-mich-ab-Sache rein. Find ich nicht so sexy. Es muss immer noch so eine Balance sein zwischen Rausch und Keinrausch. Weil wenn man zu viel Rausch hat, wird’s irgendwann auch langweilig.

Weil es kein Rausch mehr ist, sondern nur noch Pegel halten?
Genau, und das ist irgendwie lame. Weil mit teurem Wein Pegel saufen, ist am Ende halt auch echt teuer.

War es dir irgendwann egal, wie teuer die Flasche Wein ist?
Ne, egal ist es mir noch nie gewesen. In einem guten Restaurant kannst du auch locker eine Flasche für fünf-, sechstausend Euro bestellen. Vierstellig hab ich erst einmal bestellt, da hab ich mich auch bisschen schlecht gefühlt danach. Über tausend Euro ist schon krass.

Flasht das anders, wenn du das dann trinkst?
Ja, wobei der Flash ist der Moment, das mit jemandem zusammen zu machen und zusammen zu genießen. Ich würd niemals so eine teure Flasche alleine bestellen, niemals. Zusammen diesen Geschmack zu erleben, das ist mir das Geld wert. Und nicht jetzt auf Instagram zu flexen.

Curly steht mit dem Handy vor einem Berliner Nightshop
Lenny Schmidt

Klar, alleine finde ich den Geschmack auch geil. Aber dann würde ich, während ich’s trinke wahrscheinlich jemanden anrufen, um dem zu erzählen, wie geil der Wein schmeckt gerade. Alleine kickt’s mich einfach nicht. Ich leiste mir viele schöne Klamotten für mich alleine, aber ich mach genauso gern Geschenke, als mir selber was zu gönnen. Das gibt mir mehr.

Gibt‘s eine Grenze nach unten, wenn du im Supermarkt Wein kaufst? Oder machst du das eh nicht mehr?
Ne, das mach ich nicht mehr. Am Anfang als ich im Supermarkt noch Wein gekauft hab, nahm ich jeweils die Flasche ganz unten, den Weißherbst Rosé für 3 Euro oder so. Da ging’s mir halt nur um den Rausch, nur um den Alkohol. Da hätte auch Alkohol 8 Vol.-% draufstehen können, das hätt ich auch gekauft. Da hab ich mit Wein noch überhaupt nichts assoziiert.

Und jetzt denke ich, bevor ich zehn Flaschen billigen Wein sauf, sauf ich lieber eine geile und hab dann mehr davon. Ich freu mich jetzt einfach, wenn ich im Restaurant die Weinkarte aufmache und bisschen was checke. Sachen zu finden, von denen ich weiß, dass die mir schmecken oder dass ich die jetzt mal probieren will. Das ist bisschen so ein Treasure Hunt, so eine Jagd, bei der man immer besser wird, seinen Geschmack immer weiter ausbaut. Das ist halt auch das Geile am Wein. Man baut sich da so eine individuelle Matrix auf, die man immer anpassen und auch vergrößern kann. Das macht das Ganze für mich noch attraktiver, als wenn ich jetzt Bier saufen gehe.

Wir dachten echt, wir sind die Pablo Escobars von Rheinfelden, die Könige der Welt!

Wie kam die Liebe zum Wein?
Auch da war es Steve, der mich zum ersten Mal ins Grill Royal mitgenommen und mir Cabi gezeigt hat. Und ich dachte, hö, das is ja wie Sprite! Das ist übergeil. Das war auf jeden Fall einer meiner Aha-Momente. Das hat mein Weinbild komplett auf den Kopf gestellt.

Oder wir haben eine Flasche von 1960 getrunken und ich dachte, wie krank, dass das schon so lange in dieser Flasche ist. Doppelt so lange wie ich lebe! Und jetzt trinken wir das! Wo das überall schon war! Das triggert mich immer wieder, darüber nachzudenken, aus welchem Jahr das kommt. Das gibt‘s bei Vodka oder Bier nicht, aber macht für mich dann halt diese Faszination für Wein aus. Dieses Geschichtliche, was dahinter steht und das zu verbinden mit der eigenen Historie. Das macht es für mich am Ende immer noch ein bisschen mystischer als andere Drogen.

Und im Backstage alle überkrank high.

Jetzt haben wir den Cabi-Curly, den Cosmo-Curly, welchen Curly kriegen wir als Nächstes?
Auf jeden Fall den Musik-Curly, der kommt jetzt wieder zurück. Nachdem ich jetzt vier, fünf Jahre keine Solosachen mehr veröffentlicht habe, merke ich so richtig, wie’s in mir brodelt, wieder auf die Bühne zu gehen und eigene Songs rauszulassen. Ich habe gemerkt, je länger man damit wartet, desto schwieriger wird es wieder zu starten. Und ich weiß, ohne jetzt arrogant zu klingen, dass ich auf der Bühne zu Hause bin.

Ich wollte einfach nicht alles gleichzeitig machen, weil wenn ich das mache, will ich es auch richtig genießen können. Jetzt kommt so der Zeitpunkt, an dem ich mich wieder auf mein altes Terrain zurückbegeben will. Weil diese ganze Weinsache, is ja schön und gut, aber ich bin da halt immer noch der Außenseiter, nicht so der Superexperte. Aber wenn du mir ein Mic und eine Bühne gibst, dann gibt‘s wenige, die mit mir ficken können! Curly kommt back, da freue ich mich sehr drauf, ich kriege direkt Gänsehaut, wenn ich drüber rede.

Curly betrachtet ein großformatiges Gemälde
Lenny Schmidt