Duell auf Augenhöhe: Deutschland vs. Burgund

Zwei große europäische Terroirs im Vergleich

Aufstellung für eine spektakuläre Verkostung mit entsprechender Jahrgangstiefe. Juliane Fischer

Einst war bester Rheingauer oft so teuer wie feinster Bordeaux und Burgunder. Dass auch heute die deutschen Rieslinge sich nicht hinterm Kupferberg verstecken müssen, zeigt eine spektakuläre Verkostung: „Hermannsberg” trifft auf den klingenden Namen „Bâtard-Montrachet”. Unsere Autorin Juliane Fischer war mit dabei.

Wir wollen untersuchen, wie sich die Jahrgangsunterschiede auf zwei großen europäischen Terroirs darstellen. Welche Rolle spielen Machart, Stil und Philosophie? Wie verhält sich Riesling neben Chardonnay? Wie variieren die Jahrgänge? Wie entwickeln sich Tiefe und Komplexität? Wann ist der beste Moment, solche Weine zu genießen? Und: Kann ein deutscher Riesling neben den kostbarsten Burgundern bestehen? Ein klares Ja. Auf der einen Seite das Gut Hermannsberg, auf der anderes der klingende Name Bâtard-Montrachet.

Diese Weinauswahl wäre ohne den Sammler der Grand Crus, den Weinhändler Max Gerstl, nicht möglich gewesen. Außerdem aus der Schweiz angereist ist Weltmeister-Sommelier Marc Almert. Er stellt quasi nicht nur die Jahrgänge nebeneinander, sondern auch die Neutralität her. Wobei: Der Restaurantleiter, der ihn geprägt hat, ist Burgunder, gibt er zu. Das ist definitiv ein Spezialgebiet und neun Jahrgänge von Bâtard-Montrachet öffnen zu können, zweifellos eine Seltenheit. Denn die Grand Cru Lage ist mit 11,97 Hektar eine der kleinsten in Burgund, und sie ist auf mehrere Weingüter aufgeteilt. Den größten Anteil hält mit 1,8 Hektar die Domaine Leflaive. Bei manchen Jahrgängen weichen wir auf die unmittelbar angrenzenden Lagen Bienvenue-Bâtard-Montrachet und Chevalier Montrachet aus, 2013 stammt aus dem Haus Ramonet. Der polarisiert zum Beispiel mit seinem Duft nach Liebstöckl, Majoran, Zimtrinde, Tabakblatt, aber gibt sich extrem komplex und vielschichtig, vor allem aber breit und cremig. Mit dem Umami-Gaumen ist er recht appetitanregend. Was würde Marc Almert dazu servieren? – Alles was „Dreckiges” ist. Mit Seeigel in der Soße oder wenn Gäste beim Fleischgang auch beim Weißwein bleiben wollen. Mit diesem Wein kannst du auch mit Röstaromen arbeiten.

Weltmeister Sommelier Marc Almert führte durch das spannende Tasting. Im Hintergrund Gut Hermannsberg Kellermeister Karsten Peter. Juliane Fischer

Hermannsberg 2011 zum Beispiel liefert eine Dichte sondergleichen, tropische Früchte, aber auch Marille, viel Extrakt. Es war eines der wärmsten Jahre. Diese Hitze riecht nach Blütenhonig und Sonne. Ähnlich viel „soler“ gab es 2015, einem schmeichelhaften Wein, der lange braucht, um seine innere Balance zu finden. Es war ein Jahr, wie es diese Sorte mag: Man muss schwitzen bei der Weingartenarbeit und frieren bei der Vesper. „Wir haben bei 25 Grad im T-Shirt geschwitzt, aber in der Nacht kühlte es auf fünf Grad runter”, erinnert sich Carsten Peter, Kellermeister des Gut Hermannsnberg. Der Wein ist reif, aber zugänglich, die Säure noch griffig und prägnant mit tollem Charme. „Es hat fünf Jahre gebraucht, um zusammenzufinden. „Jetzt beginnt die Einheit!” freut sich Peter. 

Finesse und Frische

Und so geht es dahin mit vielschichtigen Beobachtungen. Die Parallelen zwischen der Nahe und der Côte d’Or, die doch mehr als 300 Kilometer südlicher liegt, lagen auf der Hand, denn man konnte sehen: In kühlen Jahrgängen bestechen Finesse, Eleganz und Frische. Die warmen Jahre brauchen umso mehr Zeit zum Entwickeln. Insofern waren sich alle einige: Große Weißweine können und sollen reifen dürfen. Das gilt für die Burgund-Ikonen ebenso wie für die deutschen Riesling-Persönlichkeiten. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich die Trinkempfehlung von Leflaive gelesen habe”, schildert Marc Almert. Ab 2010 geben sie fünf Jahre mehr, aber trotzdem ist das Trinkfenster jetzt schon seit zwei Jahren vorbei. Die Runde widerspricht. 

Unsere Autorin Juliane Fischer in der hochkarätig besetzten Verkostungsrunde.

Ist die Herkunft einer Lage über eine komplette Dekade nachzuvollziehen? Der Weingeologe James E. Wilson sagte einmal als er vor den Montrachet-Lagen stand: „Nicht das, was man an der Oberfläche sieht, macht den Wein aus, sondern vielmehr das, was darunter liegt.” Hier befindet sich eine geologische Eigentümlichkeit, eine Verwerfung, die das Beste aus den beiden Schichtenpaketen von Beaune und der Cote de Nuits zusammenbringt – verschiedene Arten von Mergelböden.

Beim Hermannsberg besticht die stabile Philosophie. Karsten Peters Handschrift ist klar, der Wiedererkennbarkeitswert hoch. Bei den Franzosen schwankt der Charakter ein bisschen je nach verändertem Holzeinsatz, Verschluss und Weinmacher. Der klare Regiewechsel bei Leflaive nach Anne Claude bedeutete weniger Schönungszusätze, Umstellung von Casein auf Fischeiweiß, außerdem auf Diam-Korken und mit weniger Batonage und Holzeinsatz. Daneben steht der Hermannsberg hier im Heimspiel mit kontinuierlicher Aussagekraft da. Allen Weinen gemein ist eine grandiose Langlebigkeit, eine feine Säure und große Grazie. 

Was schön ist: Diese Weine eröffnen eine Debatte über Wein und die Welt. Darüber wie viel Wein kosten darf, woraus sich der Wert von Wein ergibt, wer sich welchen Wein leisten können soll. Und, dass sich das Klima viel rasanter gewandelt hat, als uns bisher bewusst war. Der letzte Erntetag im 2010er-Jahr war nämlich der 21. November. Und bis zum Christtag hingen noch ein paar Süßweintrauben.

Das Gut Hermannsberg

Juliane Fischer

Hier könne man höchstens tot übern Gartenzaun hängen, hört man über Niederhausen, das 600-Einwohner-Dorf an der Nahe. Es muss dieser angebliche deutsche Humor sein. Andererseits: Keine Stunde später schwärmen alle vom sternenklaren Nachthimmel. Das ist halt der Vorteil an der weniger dicht besiedelten Gegend. Wenig Menschen, viele Reben. Wie lange das hier schon geht, belegen antike Rebmesser, Werkzeug, Feldflaschen und Weinkrüge von der Nahemündung aus der Römerzeit. Die ersten schriftlichen Hinweise für Weinbau an der Nahe sind aus dem 8. Jahrhundert. Da geht es um Güterübertragungen an Kloster. Die weitverbreitete Meinung, dass der größte Teil der Rebflächen Adel und Kirche gehört hat, trifft aber nicht zu. Christine Dinse aus der heutigen Eigentümerfamilie von Gut Hermannsberg hat eine Statistik von 1792 ausgegraben: Die Dorfbewohner besaßen 90,8 Prozent der Weinberge, liest man in der umfangreichen Chronik. Und man staunt bei der Lektüre über den Begriff „naturrein” aus 1892 und über unrentablen Kupferabbau, Gefangene, die einen Vulkan zum Weinberg umgraben und das Rieslingbekenntnis.

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Aber beginnen wir von vorne. Beginnen wir vor etwa 120 Jahren. Da hieß das hier noch Staatsdomäne Niederhausen-Thalböckelheim. Preussen gründete eigene Weingüter, die den Winzern als Vorbild dienen sollen. Die Arbeiter trugen bis zu 15 Meter hohe Felsen und Kuppen ab. Aus dem verworfenen Gelände entstand die Lage Kupfergrube. Sie gilt heute als bekannteste Riede. Das Gutsgebäude schmiegt sich an den mächtigen steilen Hang. Die Traubenannahme erfolgt in einem mit Kupferschindel bedeckten Quader. Von da geht es runter in den Keller. Am Fuße des steilen Hermannsbergs zieht sich das enge Flusstal durch die Landschaft. Da führt die Luitpoldbrücke über die Nahe und zum kleinen Weindorf Oberhausen, wo vermutlich – geht es nach den Einheimischen – auch das mit dem Gartenzaun gilt.

Eine der Besonderheiten an Gut Hermannsberg: Die Weine wurzeln eigentlich nur auf VDP.Große Lagen. Sieben sind es an der (märchenhaften) Zahl. Die heute namensgebende Lage, die Riede Hermannsberg, ist keine 200 Meter von der Kupfergrube entfernt, näher am Fluss und ganz anders.

Der letzte spürbare Präklimawandelwein

Der Hermannsberg-Riesling ist nicht vordergründig, sondern übt elegante Zurückhaltung. Er lässt die anderen machen, wartet ab. In sich gelassen nimmt er dann Anlauf und brilliert nach zehn Jahren. Die „Kupfergrube” kommt schon länger erst nach fünf Jahren auf den Markt, auch beim Hermannsberg wird es zukünftig so sein. Aktuell ist jetzt also „2016 Hermannsberg Niederhausen GG”. Er hat auch bei der Verkostung am meisten Stimmen erhalten. Es war wettertechnisch der letzte wirklich klassische Jahrgang. Der letzte spürbare Präklimawandelwein. Er begeistert durch pure Eleganz. „Gegen Ende der Saison gab es viel Niederschlag”, berichtet Karsten Peter. Als vor nun 12 Jahren die Familie Reidel das Unternehmen kaufte, war er gleich mit von der Partie.

https://gut-hermannsberg.de

 

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