"Ich war hooked": Eine Kolumne über den Geruch

Eva Biringer: “Unglaublich, wie lange man seine Nase in einem Stück Stoff versenken kann.” Martin Dziuba

Unsere Kolumnistin Eva Biringer hat ein Näschen für gute Düfte. Aber auch für miese Gerüche. Was das mit Handseifen im Kopenhagener Fine-Dining-Schuppen zu tun hat, schreibt sie hier.

Es gibt viele Dinge, über die ich im kulinarischen Kontext bereits nachgedacht habe, Weichspüler gehörte vor meinem Besuch des Schloss Schauenstein nicht dazu. Bei meiner Ankunft fielen knödeldicke Schneeflocken, vor dem Kamin stand ein Stück Rüblikuchen. Woher, fragte ich mich kurze Zeit später in der freistehenden Badewanne liegend, kam bloß dieser betörende Duft? Aus den Handtüchern. Ich habe ihn noch heute in der Nase, unordinäre Vanille, Buchteln, Butter, Tonkabohne. Unglaublich, wie lange man seine Nase in einem Stück Stoff versenken kann. Auch sonst wurde im graubündnerischen Fürstenau nichts Olfaktorisches dem Zufall überlassen. Frisch geröstete Kaffeebohnen, bei Raumtemperatur lagernder Appenzeller, die Dörrbirnenravioli in der Casa Caminada. Was duftet tröstlicher als ofenwarmes Sauerteigbrot? Nada. Vom Drei-Sterne-Restaurant brachte der günstig stehende Wind Vorahnungen des Abendmenüs, während das vegetarische Oz Spitzkohl verbrennen ließ und mit dem maximalen Trompetenpilzröstaroma experimentierte. Ich war hooked.

Dosierung

Unser Riechorgan ist ziemlich anfällig für Verführung. In „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ setzt der Duft einer in Lindenblütentee versenkten Madeleine eine wahre Erinnerungsflut in Gang. Duftstoffe beeinflussen die Partnerwahl und alles, was wir riechen, verknüpft unser Gehirn mit einer Emotion. Das macht sich die Parfumindustrie zunutze. Fun fact 1: Wer viel Fleisch isst, steht auf orientalische Noten wie Moschus und Jasmin, während diese Pescetarier an Schweiß erinnern. Fun Fact 2: Frauen, die nach Pampelmuse duften, wirken sechs Jahre jünger. Früher favorisierte ich einen ziemlich brachialen Raffaello-Duft, später dann Escada, deren verschiedene Flakons eigentlich alle gleich riechen, nach Himbeerkonfitüre. Statt des kürzlich von McDonald’s lancierten Pommesdufts gebe ich Gourmand Coquin den Vorzug, übersetzt schelmische Naschkatze, mit seinen angeblichen geräucherten Tee-Noten, für mich eindeutig Crème Brûlée und Baba au Rhum. Dass er vor Restaurantbesuchen selten zum Einsatz kommt, habe ich von meinem Ex-Partner J. gelernt. Er hat ja so recht! L’Occitane, Le Labo & Co, von anderen Gästen im Übermaß aufgetragen, haben mir schon komplette Tasting-Menüs versaut. Noch weniger verstehe ich, wenn der Service beim Auf- und Abtragen eine Wunderbaumwolke hinter sich herzieht, wie das kürzlich in einer Berliner Weinbar der Fall war. Wobei: Die Dosis macht den Duft. Irma Renner vom Gasthaus Adler in Großdorf trägt Byredos Rose of No Man’s Land, mit Anklängen von rosa Pfeffer, und unterstreicht damit ihre Grandezza fern jeder Aufdringlichkeit.

“Unverständlich, warum manche Restaurants so furchtbar aufdringliche Handseifen benutzen.” Martin Dziuba

Die Behauptung, der Mensch könne eine Billion Gerüche unterscheiden, erwies sich als Rechenfehler, wahr ist hingegen, dass wir 80 bis 90 Prozent des Geschmacks von Essbarem über die Nase aufnehmen. Es gibt Speisen, die nach wenig riechen, und trotzdem Gaumenorgasmen in Gang setzen, das Pistazieneis von Grom beispielsweise. Das Gegenteil sind lasziv-duftende Mogelpackungen, die im Mund dann einfach nur abstinken. Gilt auch für Getränke. Je länger ich darüber nachdenke, desto unverständlicher ist mir, warum manche Restaurants so furchtbar aufdringliche Handseifen benutzen. Selbst wenn nach dem Brotgang nur noch mit Besteck gegessen wird, kommen sich Hände und Nase doch zwangsläufig nah genug, dass ein Seifengeruch empfindlich stört. In einem Kopenhagener Fine-Dining-Tempel trübte ein nach ultramaskulinem Moschus miefendes Hygieneprodukt alles, was nach den handgetauchten Jakobsmuscheln mit Rote-Bete-Gel kam. Die nächste Eskalationsstufe ist erreicht, wenn man den Seifenspender mit dem seit der Coronapandemie allgegenwärtigen Desinfektionsmittel verwechselt. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Im tasmanischen Van Bone kam ich nicht umhin, die Gastgeberin nach ihrem Parfum zu fragen. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem nach Rosmarin und Ringelblume duftenden Produkt um den Hand Sanitiser von Richmond Botanicals Co. (der übrigens meiner Meinung nach auch bei Singapore Airlines zum Einsatz kommt). Steht aktuell relativ weit oben auf meiner Wunschliste – wobei ich es bis heute versäumt habe, Caminadas Edelweichspüler zu importieren. Falls Sie neugierig geworden sind: Er stammt von dem Winterthurer Unternehmen Steinfels.