Lydia Haider: Meine Wiener Beislkultur

Apollonia Theresa Bitzan

Lydia Haider ist eine radikale und sprachgewaltige Stimme der deutschsprachigen Literatur. Ihre Texte schreibt sie überall, aber am liebsten in ihrem Stammlokal, dem Schmauswaberl. Für KALK&KEGEL geht sie auf Lokaltour, um herauszufinden, wo es sich überall noch so schreiben lässt – eine Hommage an die Wiener Beislkultur.

Wo ich schon überall geschrieben hab, das kannst du dir gar nicht vorstellen: tanzend in Clubs und auf Festivals in Menschenmengen, wo mir Leute ringsum das Getränk gehalten und geschaut haben, dass mich niemand umstößt oder ich versehentlich jemand erstech mit dem Bleistift; halbtot auf irgendwelchen Afterhourn in der Ecke irgendwelcher Keller irgendwelcher Bildender Künstler tausende Seiten in mein Notizbuch rein nächtelang durch; mit blutenden Fingern (nicht mein Blut); neben schlafenden Kindlein oder schlafenden Typen; auf meinem eignen Sarg (echt – aber halt mein Performancesarg); ich schreib auch manchmal beim Geschlechtsverkehr oder inmitten eines Rudels ausgehungerter Wölfe, die schon auf das Zerfleischen warten; ich schrieb auch schon live, was die größte Challenge (einmal in einem Kunstprojekt ausprobiert und das ist hard: die Veröffentlichung passiert ja im Moment der Niederschrift); das ärgste Schreiben war und bleibt aber jenes im völligen Rausch und in dem Sein, dass der Körper nicht mehr gehorcht, das Gehirn aber ganz da ist (und wenn ich dann das Notizbuch oder den Laptop zuklappe, instant vom Sessel runterkipp – das Schreiben allein erhält mich am Leben).

Apollonia Theresa Bitzan

Und ja, was soll ich sagen: Das liegt auch daran, dass ich als Mutter und vielbeschäftigte Kunstschaffende so viel zu tun hab, dass ich oft gar nicht mehr zum Schreiben komme. Ich muss aber. (Godmother Jelinek hat es mir befohlen: Nie aufhören zu schreiben, Lydia! Und also ist es auch so.) Und dann das Gefühl: Ich muss sesshaft werden. (Sonst verende ich versehentlich wo in der Gosse und das ist schlecht – Kinder; und Nobelpreis räusper.) Ich brauch ein Stammlokal zum Schreiben, wo ich mich sicher fühl und wo gleichzeitig so sehr die Post abgeht, dass ich nie und nimmer und nicht im entferntesten das Gefühl haben könnt, etwas zu versäumen. Und wo gehts am Ärgsten zu und wo sind die härtesten Leut von Wien am Start und wo treffen dicke Fäuste auf Staranwälte und Kunstbrunzer auf Untergrundchefes? Ja da beantwortest die Frag eh schon selbst.

Apollonia Theresa Bitzan

Wahrlich ich sage euch: So beginnt also die lange kurze Geschichte von der Produktionsprozesswahrheit. Da ist sie leicht wie schwer erklärbar und doch muss es sein: Diese meine Angelegenheit ist Schaffensschweinen klar und Logik ist was für Schwache. Sag das an die nächste Wand und freu dich, dass du lebst, mein Freund. So beginnt ein Text. Und so ist es. Denn hier tut sich das Wesen im Eig’nen von Wahnsinn und menschlichem Rückhalt bestehend wiederum ausschließlich aus Wahnsinn, so sich dieser hier in/im Menschen findet, sammelt und aufbauscht, aufstachelt und sich gegenseitig irrsinnigst übertrumpft wie nirgends sonst: im Lokal.

Apollonia Theresa Bitzan

Und das spürst du, das spürt jede Sau, du spürst jede Sau. Und es geht solcherart ganz und gar durch dich durch und gibt dir die Narrenfreiheit. Der Narr: Das bin ich. Der Narr unter Narren noch viel schöner. Der Narr ist die Nullerkarte im Tarot ergo solch Narr immer außerhalb steht und die Freiheit ausschließlich und über die Maßen bei diesem liege und sei. Daher (und he ich scheiß auf Tarot, nur dass das klar ist) sucht der 0815-Durchschnittsmensch auch den Narren so sehr: um sich dann mit diesem in der Freiheit zu fühlen. Der Mensch strebt hierzu in seinem ganzen Wesen, in dieser damness Drecks- und Suchensweise, bei allem Sicherheitsbedürfnis (das ich nicht abspreche noch will noch je könnte), bei all der Sicherheitsverwerfung und -aufwerfung des Menschheitsgeschlechts sei die Frag nach Freiheit umso schärfer ins Direkte gestellt und stell dir das Produkt folglich rein: Warum gehst du in ein Lokal?

Apollonia Theresa Bitzan

Ja weswegen suchest du und egal wessen deinesgleichen sei es doch auf der großen Such nach einer kleinen Tür in der Zubetoniertheit und Abgeschlossenheit des trägen und faden Menschheitsgeschlechts. So ist es doch, nicht wahr? So siehe: Du suchst auch mit einem kleinen und verbrunzten Afterworkdrink (so wird das genannt) die Tür im Sein nach einer Entlastung, nach einem Ablass, nach einer Erfahrung, nach Sprach und nach Körper (von dir), nach Spiegelung und nach Wert, nach Erhöhung und nach Grenz, nach Bestätigung und einem kleinen Fuß in der Tür, wie sie es für dich noch nicht gibt. Denn dazu musst du in ein – welches auch immer – Lokal gehen.

Apollonia Theresa Bitzan

Und jetzt he so siehe erneut: Dies ist vielfältig. Manche brauchen, qua Geburt, qua Klasse, qua Geschlecht, qua Beruf oder Fetzenhinigkeit (sic!) im Hirn mehr von was und manche weniger. Was trennt das eine vom andren oder eh nichts oder doch? Wir werden sehen. Ich verlasse meine Komfortzone, mein Stammlokal, das Schmauswaberl, und gehe raus in die Welt und in Lokale und schau, wie frei sie dort sind und was sie dort verweilen lässt und warum ich denn solcherorts nicht zu produzieren also zu schreiben gedenke. Mein Plan heißt: Gehe in sechs Lokale auf einen (oder mehrere) Drinks und versuche, dort zu schreiben. Und ich wandle also: ins Café Stadtbahn, in die sogenannte Bibliotheque des Sans Souci, ins Café Andrea, in die Skybar im Steffl, ins Romantika und ins Barflys.

Apollonia Theresa Bitzan

Anmerkung/Exkurs: Seit Jahren geh ich über den Winter ins Spa im Sans Souci und über den Sommer ins Schönbrunnerbad, um die Menschheit und meinen Schindluder-Lebensstil zu verdauen, zu verdauen mich und das Wesen Mensch, worüber ich als Schriftstellerin seit einem Jahrzehnt schwer genötigt bin, zu schreiben (falls jetzt wer rechnet: davor Studium, Doktorat und zwei Söhne im Alter jetzt volljährig). Erzähl mir doch nicht, dass ich als Proletenkind und Hardcorearbeiterin – an den Seinszuständen des Ganzen der Welt ist es eine Überbürde – nicht das Recht auf größtmögliche Versorgung und Luxus hätt noch habe da. Mein nächstes Buch heißt Kosmoproletin, aber nur, weil ich das Geld und die Zeit zur Kosmopolitin nicht hab, du Lustiger. Sicher schmerzt das ab und an, dies hakt sich rein in mein niederes Sein und wo ich Jelinek im Ohr hab, beruhigt sie mich und spricht: Es wird schlimmer, sobald du alt bist. Und bald bin ich alt. Und sie hat Recht.

Apollonia Theresa Bitzan

Kosmo hin oder her: Ich wollte und will nach wie vor die hiesig österreichischen Zustände ergründen und ganz in sie reinkriechen und sie verstehen und damit das Weltliche (umgekehrt) darüber erklären – bottom up und nicht top down, Arschgeigen tun das andersrum. Nur: Wer tut es so und das sage ich dir: Wer tut den solches im Moment in der ö. Geschicht von Kunstschweinen, ja recht wenige. Und kurz erzähl ich dir von der Begegnung mit einer, die ich künstlerisch liebe und zu deren Musik ich ständig schreibe (Anm.: ich kann nur zu Musik schreiben; daher sitze ich in Lokalen so gut wie immer mit Kopfhörern übers Notizbuch gebeugt – falls du mich ansprichst und ich nicht aufmerke, ist es aus diesem Grund) und diese Musikerin kommt unverhofft rein in mein Lokal (=Schmauswaberl) und ich sehe sie und bin ganz euphorisch und bezeuge meine Fanschaft und wir diskutieren über das Schaffen und über Österreich und was glaubst du, wie ich mich (ehrlicherweise und deppert halt) Pfaffe und Nazi und Schwarzer Block und Kreisky nenn dabei, denn es ist halt so, dass ich all das sehe und alle sein will und alles verstehen nur kann, wenn ich mit allen und auch alle bin), nur mag sie das relativ wenig und es artet auch aus fast zur Schlägerei mit ihr. Wer kann das sein. Ein Narr. Doch am End vereinbaren wir einen Auftritt zusammen im Morast. Vielleicht merkst du hier schon, worum es mir im Schaffen geht.)

Apollonia Theresa Bitzan

So verlasse ich also das Schmauswaberl und gehe hinaus und schau zu allererst ins gute und traditionsreiche und künstlerisch vielversprechende Café Stadtbahn (wo es seit acht Jahren mit Genoss*innen eine Lesereihe (Blumenmontag) zu organisieren gilt – ich kenne von daher das Lokal recht gut und geh aber erstmals hin ohne Organisationsauftrag) und setz mich rein und denke nach und beginn zu schreiben und das funktioniert hier sehr ähnlich wie im Schmauswaberl und es ist ein – nenn es doch wie es ist – Freudensein von Auflösung und Wahrheit wie Respekt und wenn wer fragt, welchen sollen wir töten (Brechts Seeräuberjenny spielt im Hirn drin ist’s nie still), so ist die Antwort freilich alle (wenn dann): bist umgeben von Leuten, die sich nicht scheuen anzusprechen und zu benennen, was das Arschlochgebilde Welt dir vorzusetzen sich denkt und ausgesprochen hat es vermutlich nicht einmal eine Trauerweide, wie sie nie vor dem Lokal könnte stehen, denn hier fahren KFZe auf und ab in einer Vielspurigkeit, dass du speiben möchtest und solche haben Platz und kein Baum und keine Rauchperson hat das hier und die wertlosen Weltvernichtungswappler in den Autokutschen da drin scheuen sich nicht, einfach weiterzufahren und keinen Millimeter Platz herzugeben noch kannst du sie rausreißen aus den Dreckshütten und verdreschen oder legal unterbinden he sagst du endlich, was du sagen willst: dass es mich SS, mich Super Sau, drängt und ich was anders machen will und was ich bin hast du nicht begriffen als eine Verwerfung sei sie zuhin und auf mich kannst ausschließlich dein Anliegen werfen sehr und wirf so wirf doch endlich.

Apollonia Theresa Bitzan

Es fühlt sich an dem Wurfe gleich. Ja wo es spricht, dass es zu werfen sei, da sei es also auch zu werfen den ersten Stein und den letzten auch und in der Gemeinheit hat noch niemals wer von diesem letzten Stein was gesagt. Aber sagen tut sich viel. Ich aber sage euch: SAU bedeutet eigentlich: Sine Auto Undfleisch. SAU. Heute muss man eine Sau sein. (Anm.: „Sine“ heißt „ohne“.) Höret dies ihr Einwohner dieses Erdenflecks: ohne Fleischfressen und ohne Autofahren. Und das auch zu sagen. Sonst geht alles unendlich bald und viel zu früh vor die Hunde (siehe Weltuntergang und Klimakatastrophe und Massensterben und Irrsinn von Grenzziehung und noch mehr Tod und Sterben generell alles hin). Fresset und fahret weiter. Und wir werden sehen. (Bitte ladet mich in 20 Jahren erneut zu einem Bericht genau darüber ein <3 danke.)

Apollonia Theresa Bitzan

Nachdem ich gesehen, dass es sich im Stadtbahn recht gut schreibt, nun denn, so wandle ich weiter: In der Bibliotheque des Sans Souci schreibt es sich ebenso angenehmst. Ich kenne und liebe den Geruch hier (programmiert auf Erholung seit je – siehe oben), die Drinks sind einer Personalisierung ähnlich und von daher dem Denken nah, die Wörter laufen raus, es ist alles gut hier, der Bleistift fährt und führt mich raus und rein in die Welt des Wahrheitsabfalls. Allein das Wort bringt Grillen der Verzweiflung derb in meines Hirn (hier gehts jetzt um die Bezeichnung Bibliotheque; das Zitat ist Hamlet, aber in der richtigen Übersetzung und heute wird sowas nicht mehr derartigst übersetzt, denn da müssten sich alle aufhängen).

Apollonia Theresa Bitzan

So bedenkt mein Freund (Hamlet) die Abbildung deiner Sprach und macht ja meine und deine Wirklichkeit da ist die in und durch und mit sich ganz Französisch (was soll ich da noch sagen). Ein bewusster Günter Brus (zu diesem Mauki habe ich eben eine Messe im Aktionismusmuseum gefeiert) sagt es so: „Speiübel ist mir und gonorrhoisch. Ich breche schon fließend französisch.“ Das muss reichen. Der Ort ist toll. Es schreibt sich gut. Nur: Kann man denn in Österreich (worüber ich schreibe) das Wort Bibliothek nicht so nennen und schreiben, wie es hier ist? Ich verzweifle fast und verberge meine Tränen.

Apollonia Theresa Bitzan

Ich geh weiter ins Andrea in den 5. Bezirk in der Reinprechtsdorferstraße. Das ist ein Traumort, wo ich immer wär, würd ich nicht schon mit dem Schmauswaberl verheiratet sein und die Kinder dort mit offnen Mündern auf mich warten, sie zu versorgen und mit Worten zu laben, um mich wiederum selbst an ihrer Liebe und ihren Worten zu laben. Das Andrea ist eine Stätte der Hochachtung des Rausches und seiner Träger*innen und das zu jeder Tageszeit. Ein befreundeter und sehr begabter Bildender Künstler verkehrt hier und die Stammgäste haben keine Angst vor Kunstschweinen. Das ist selten und eine ganz besondere Auszeichnung, für uns. Hier regiert das Gegenseitige. Die Chefin lässt uns beim Fotografieren alle Freiheit (denn diese Wasser-zu-Wein-Wandlung wurd von der unvergleichlichen Apollonia T. Bitzan abgelichtet und damit schonungslos festgehalten) und wir geben ihr Tipps zur Raumgestaltung (die sie eh selbst auch erkannt eigentlich).

Apollonia Theresa Bitzan

Letztlich lädt sie uns sogar auf alle Drinks ein. Sie erzählt, dass hier früher Schriftsteller gesessen, schon am Vormittag, und geraucht wurd und Kaffee getrunken und später sich auch das Hochprozentige einverleibt (oder auch am Morgen schon) und dass die dann aber nach dem Rauchverbot weggeblieben sind. Ich verstehe das, leider. Wenn man zum Schreiben rauchen will oder muss (das hatte ich bei meinem vierten Buch), dann ist es echt beschissen, wenn man dazu vom Text weg und hinausgehen muss. Da kann man gleich zuhause bleiben, denn das killt jeglichen Schreibfluss und dann muss man vielleicht auch noch mit Trotteln vertrottelte Gespräche führen beim Rauchen vor der dann nur mehr zugetrottelten Tür, die einen noch weiter rausreißt aus der Dreckshochkulturschreiberei. Furchtbar kompliziert. Ich hab damals auch begonnen, mehr zuhaus zu schreiben und dann später einfach mein Rauchverhalten angepasst ergo eingeschränkt und von der Schreiberei entkoppelt (ja auch das geht: dreimal die Woche in Analyse auf der Couch arbeite ich intensiv an meinen Arbeitsprozessen und deren Einfluss auf die Kunst und schaue, dass ich möglichst frei bin und mich möglichst anpasse; neoliberal? vermutlich ja, verdammt).

Apollonia Theresa Bitzan

In den Morgenstunden geht es weiter ins Steffl in die Skybar auf einen Smoothie und auf einige Prosecco, um zu schauen, was da geht schreibtechnisch heast hui mit Blick auf den Stephansdom schon ideal für den Text, den ich gerade schreib (irgendwann muss ich es ja sagen: es ist ein Text für den Wiener Beschwerdechor, und ich will es denen nicht leicht machen bzw. will ich das, was ich grad wirklich zu sagen habe, in einen Text bringen und hoffe, dass mir das gelingt; der Text wird am Ende von der hiesigen Leser*in zu lesen sein). Hier kann man schreiben und denken und alles ist möglich, wenn man so will. Bei mir nicht – mir fehlen die Menschen, die ganze Bandbreite des Österreich. Aber sonst ist alles toll. Ja kauf dir alles. Aber Menschen (um Vielfalt in ein Lokal zu bringen) kann man nicht kaufen. Oder schon? Es haut mir langsam das Inwendige auswendig.

Apollonia Theresa Bitzan

Ich schau weiter ins Romantika, wo ich zu unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten schon war und immer war es gut und auch gut, um zu schreiben: sehr liebe Chefin, getränketechnisch alles da, Musik auch, die Menschen hier wie logisch zu allem bereit (und das ist gut), die ganze Gegend hier im 16. strotzend vor Widerstand und dem Sinn, zusammen zu sein und nicht auszugrenzen, denn ausgegrenzt wird keine Sau. Hier sind sie ja der Sau noch viel näher und gleich. Denn hier wird gearbeitet, hier wird verarbeitet, hier wird sich nicht angeschissen, hier geht was weiter, hier wird nicht nur „geredet“, wie es heißt. Hier könnte auch ein erster Stein fliegen (und sind sie in der Geschichte auch schon des öfteren) und es ist nur eine Frage von nützlichem Kräfteverteilen, ob der Mensch hier auch saufen kann in Ruhe oder sich fürchten muss, dass er aufgrund von Klasse, Geschlecht oder Herkunft nicht mehr in Sicherheit und zickzack-Gang nachhaus gehen kann.

Apollonia Theresa Bitzan

Der Ritt ist noch nicht vorbei: Es geht ins Barflys, wir sind schon viel zu spät dran, unser Tisch längst weggegeben, aber: Wir dürfen uns direkt ins Separee setzen, wo mich eine riesige Plattensammlung und eine Musikanlage erwartet, die ich genau jetzt brauch zum Schreiben (Oh heiliger Gott, hast du mein Flehen leicht erhört?). Sie bringen die Drinks, ich leg eine Platte auf und freu mich und tanz herum und sing und schreib dabei und glaub mich recht klar und da bin ich längst entfernt davon, lieb Freund, was denkst du. Ein alter Italiener, der hier seine zwanzig Zeitungen liest, steigt in meine Suche ein. Wir tauschen uns aus und ich wundere mich über die Sprach: Es geht doch noch einiges. Manchmal hauts mich in Latein rein. Und wir wissen, dass wir suchen. Ja: Geh in viele Lokale und du erlebst was. Geh immer nur in ein Lokal und du erlebst auch was. Nur was genau, das ist die Frage. Was willst du erleben und was ist deine Suche, liebe Leserin?! Ich stelle mir die Frage seit Jahren selbst. Was kann man überhaupt finden?!

Apollonia Theresa Bitzan

Am Ende gehe ich voller Freude und mit dem fast fertigen Text ins Schmauswaberl und setze mich auf meinen Tisch. Was bleibt zu sagen? Um ehrlich zu sein: Ich bin hier auch so gern, weil ich mir den Chef aufgerissen hab (bzw. eigentlich er mich). Ich bin hier auch so gern, weil Alpha und Omega hier nicht nur möglich, sondern diese Worte hier geboren. Es ist hoch und tief, es ist die absolute Einfachheit und so schwierig, es ist schirch und schön gleichzeitig, und es ist voll von Kunst und solchen Leuten mit Kunst drin und so viel Schrift in allem, dass selbst die Wände nicht nur mit Geschichte, sondern auch Geschichten inhärentes Sein so sehr dir herhauen, dass tausend Romane und Lyrikbände da rausgehen von selbst. Das ist es. Hier ist das Zentrum von einem Denken, dass sich durch Dichotomiefick aufhängt.

Apollonia Theresa Bitzan

Da schau ich gern zu dabei (im eignen Hirn desgleichen) wie sich der Obdachlose gemeinsam mit dem Burgschauspieler zu meinen Texten anspeibt, wenn sie diese meine Texte lesen und sprechen und sich darstellen. Und wer die Texte letztlich besser gesprochen, kann ich gar nicht beurteilen. Denn es ist groß, wo vermeintliche Gegensätze sich auflösen. Dann erst beginnt es, relevant zu werden in dem Leben drin. Doch: Daran werden wir als Menschheit noch arbeiten müssen. Recht viel Wasser wird die Donau noch hinunterzufließen haben, bis ein solches tatsächlich in die Köpfe und Körper eingeht unter ein Dach, dass dann auch schützen kann, was es zu schützen gibt: nämlich uns als Menschheit selbst. Gegenseitig, ohne Vorbehalte, egalitär.

An diesem Textende bleibt mir nur noch eins zusagen: Ich zitiere die Großmeister HGich.T, die es auf den Punkt bringen: „Alle sind besoffen. Alle saufen. Der Arsch ist offen. Alle hoffen, dass ein Wunder geschieht.“