Amador, Fahringer und der Jedermann: Nur Rückschläge bringen dich weiter

Ein Gespräch über Hochmut und das Scheitern. Am Tisch sitzen drei Menschen, die in den Medien oft als Held oder Heldin bezeichnet werden. Aber fühlen sie sich auch so? Wir sprechen mit Österreichs jüngster Haubenköchin Viktoria Fahringer sowie mit Schauspieler- und Jedermann-Star Philipp Hochmair und dem 3-Sternekoch Juan Amador, der verrät, dass seine Reise als Held am Herd bereits ein exaktes Ablaufdatum hat.
Seid ihr Helden?
PHILIPP HOCHMAIR: Für mich ist ein Held jemand, der Außergewöhnliches leistet. Jemand, der herausragt.
JUAN AMADOR: Ich tue mir mit dem Begriff „Held“ etwas schwer. Ja, in der Außendarstellung mag das zutreffen, aber es gehört mehr dazu. Ein Team, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, viel Fleiß, Konsequenz und ein wenig Glück spielen ebenfalls eine Rolle. Heldentum klingt romantisch, doch es erfordert auch harte Arbeit. Ich würde mich selbst nicht als Held bezeichnen – aber ihr dürft das gerne tun! Im Ernst: Ein Held ist für mich eher jemand, der oder die außergewöhnliche Leistungen vollbringt, wie Menschen bei der Feuerwehr oder im medizinischen Bereich. Aber sicher keine Köchinnen oder Köche.
VIKTORIA FAHRINGER: Es geht nicht nur darum, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen, sondern auch einen echten Mehrwert für andere zu schaffen – oft sogar ohne direkten Bezug zu sich selbst. Ansonsten ist man einfach jemand, der in seinem Fachgebiet wirklich gut ist. Feuerwehrleute und Ärzt:innen sind außergewöhnlich kompetent und professionell in ihrer Arbeit. Sie leisten einen wesentlichen und wichtigen Beitrag für andere. Das soll nicht heißen, dass unser Essen oder deine Kunst, Philipp, nicht ebenfalls von Bedeutung sind. Aber für mich liegt hier ein klarer Unterschied in der Definition. Daher würde ich mich nicht als Heldin bezeichnen.
Demnach sind Held:innen für euch eher im Alltag zu finden, als in euren Berufen? „Held der Festspiele“, „Heldin der Küche“ – das ist doch oft in den Medien zu lesen…
PHILIPP HOCHMAIR: Es ist faszinierend, das Wesen des Heldentums zu erkunden, während ich die Rolle eines Helden verkörpere. Dennoch fühle ich mich persönlich nicht als Held. Selbst das Einspringen am Domplatz war für mich ein bedeutendes Erlebnis, doch ich habe es nicht als heldenhafte Tat wahrgenommen, wenngleich ich als Held gefeiert wurde (Anmerkung: Philipp Hochmair ersetzte den erkrankten Tobias Moretti in der Rolle des Jedermanns 2018 bei den Salzburger Festspielen). Für mich war es ein wirklich gelungenes Experiment. Wir haben das große Privileg, das tun zu dürfen, was wir lieben – und dafür wird enormer Aufwand betrieben. Es erfordert einen ständigen Kampf, um das zu verwirklichen, was uns am Herzen liegt. Helden hingegen sind oft Menschen, die außergewöhnliche Leistungen erbringen müssen, um andere zu retten oder zu unterstützen.

„Hochmut kommt vor dem Fall“ – Heldentum und der damit verbundene Stolz bzw. die Selbstüberschätzung liegen oft dicht beieinander. Ist die Gefahr „abzuheben“ ein Berufsrisiko?
VIKTORIA FAHRINGER: Wenn ich an gefallene Helden denke, kommt mir Ikarus in den Sinn – er ist einfach ein Stück zu hoch geflogen. Das Problem war, dass er vergessen hat, wo er gestartet ist. Es ist entscheidend, nie zu vergessen, wo man herkommt. Jeder von uns hat klein angefangen; ich erinnere mich daran, wie ich am Anfang nicht einmal wusste, wie man Schnittlauch richtig schneidet und mein Messer falsch hielt. Meine ersten Fischgerichte sahen katastrophal aus! Man lernt nie aus. Daher stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Punkt gibt, an dem man „oben“ angekommen ist – selbst wenn man bereits an dieser Spitze steht.
PHILIPP HOCHMAIR: Für mich liegt der Schlüssel darin, die Aufgabe als das eigentliche Ziel zu betrachten. Wenn man sich auf die Aufgabe konzentriert, bleibt der Fokus klar. Es geht nicht um das eigene Wohlbefinden oder persönliche Empfindungen, sondern darum, alles dem Werk unterzuordnen. Das Ziel, dieses Werk zu schaffen, ist größer als das individuelle Glück. Diese Perspektive erdet mich auf natürliche Weise.
JUAN AMADOR: Das finde ich sehr spannend. Persönlich habe ich auch Rückschläge erlebt und im Nachhinein betrachtet war es gut so. Die Rückschläge bringen dich weiter. In einer Phase wurde ich vielleicht zu sehr gelobt und verlor dadurch meinen Fokus. Es ist wichtig, weiterzumachen und mit den gesammelten Erfahrungen nimmt man sich selbst nicht mehr so ernst. Die Aufgabe bleibt das Wichtigste – auch im Team. Ich habe 25 Menschen um mich herum. Ohne sie wäre ich nichts. Viktoria hat recht: Es ist enorm wichtig zu wissen, woher man kommt und vor allem auch zu verstehen, wie es nicht funktioniert – viele wissen das oft nicht.
VIKTORIA FAHRINGER: Man sollte für sich selbst definieren, wohin man wirklich möchte – unabhängig davon, was die Welt da draußen einem vorschreibt. Das treibt mich persönlich an: herauszufinden, wo ich angefangen habe und wohin ich will. Ich reflektiere ständig über meine Entwicklung und frage mich: Bin ich glücklich mit dem Fortschritt? Es ist wichtig, den Status quo regelmäßig neu zu bewerten und zu definieren: Ist das gut für mich oder nicht? Diese Selbstreflexion begleitet mich derzeit ganz wesentlich.
Juan und Viktoria – ihr habt ein Team, das mit euch arbeitet und euch unterstützt. Wie ist das in der Schauspielerei?
PHILIPP HOCHMAIR: Da brauche ich natürlich auch ein großes Team und viele Leute, die das vorantreiben. Ein Film entsteht ja nicht aus mir selbst, sondern durch die Arbeit vieler Personen mit den unterschiedlichsten Aufgaben. Ich komme gerade vom „Blind ermittelt“-Set, wo 40 Leute alle möglichen Aufgaben erfüllen – vom Produktionsfahrer über Requisiteure, Masken- und Kostümbildner bis hin zu Drehbuchautoren, Regieassistenz, Kamera und so weiter. Ohne sie gäbe es keinen Film. Ich bin zwar dann das Gesicht, das man im Fernsehen sieht, aber das ist eine Konsequenz aus ganz vielen Zusammenhängen. Da muss man sich einfügen, demütig und vor allem geduldig sein. Da komme ich mit dem Druck, den ich mir selber mache, nicht sehr weit.

Pusht der Druck oder wird man in seinem Tun und Schaffen eingeschränkt?
JUAN AMADOR: Ich habe nie Druck – also im unerwünschten Sinne negativen Druck gespürt – ganz im Gegenteil. Ich sehe es vielmehr als ein Geschenk. Als ich nach Wien gezogen bin und das Restaurant Amador eröffnet habe, wollte ich eigentlich nicht mehr in diese Richtung gehen: drei Sterne, der Beste der Besten zu sein. Es ist passiert. Aber dann haben wir alle Parameter aufgestellt, um wieder in dieser Liga zu spielen. Was hast du für Vorteile? Ich kriege die besten Leute, das beste Team. Die wollen alle zu uns. Wir haben die besten Gäste, die kommen aus der ganzen Welt und wollen bei uns essen. Und wir haben Kontakt zu den besten Lieferanten weltweit. Das ist doch ein Geschenk. Und dann ist das auch eine Verantwortung und ein schönes Gefühl, wenn das Restaurant jeden Tag voll ist und die ganze Welt hier speist. Das ist nichts Negatives und ich habe auch vor dem vermeintlichen Druck keine Angst. Warum? Weil wir im Vorfeld alles machen, damit keine Fehler passieren. Über Geschmack lässt sich streiten – gut. Aber technische Fehler sind bei uns komplett ausgeschlossen, weil wir fokussiert arbeiten und alles vorab besprechen.
PHILIPP HOCHMAIR: Aber die Angst, dass das aufhört, dass es irgendwann doch das letzte Mal sein kann, die ist bei mir durchaus da. Wenn ich zum Beispiel an „Siegfried und Roy“ denke – der Tiger schlägt einmal zu und es ist alles aus. Diese Frage, wie lange geht das noch beschäftigt mich. Ist das heute das letzte Mal oder geht es noch zehn, 20 Jahre so weiter.
JUAN AMADOR: Es ist interessant, was du sagst, weil ich meinen Ausstieg bereits vorbereite. Der Tag wird kommen und ich weiß das auch schon.
PHILIPP HOCHMAIR: Du hast dein Datum im Kopf?
JUAN AMADOR: Ich habe ein Datum im Kopf. Das habe ich schon vor vier Jahren festgelegt und richte jetzt alles auf diese Nachfolge aus und ich will mich auch in eine neue Rolle hineindenken und so auch mehr Freiraum schaffen für andere Projekte und andere schöne Dinge, die es im Leben gibt. Ich habe für mich eigentlich schon mehr erreicht, als ich mir je gewünscht hätte und ich weiß, dass ich nicht mehr besser werden kann. Also trete ich zur Seite, einen Schritt zurück und bereite meine Übergabe vor.
PHILIPP HOCHMAIR: Ein sanfter Ausstieg sozusagen?
JUAN AMADOR: Genau. Ich klinke mich aus und bereite mich darauf vor. Mir ist dabei nur wichtig, dass mir niemand etwas wegnimmt. Das ist vielleicht sogar mit ein bisschen Angst verbunden. Aber im Grunde kann eigentlich nichts passieren.
Viktoria, wie geht es dir damit. Wie viel Druck spürst du in deinem Tun?
VIKTORIA FAHRINGER: Seit nunmehr zehn Jahren bin ich in der Küche tätig. Aufgewachsen im Wirtshaus meiner Eltern, kann man sagen, dass ich ein echtes „Gasthauskind“ bin. Als ich schließlich in den Familienbetrieb einstieg, stellte ich das traditionelle Konzept – ein klassisches Wirtshaus mit einer hohen Gästeanzahl von 40 bis 50 Kuverts zu Mittag und Abend, sieben Tage die Woche – völlig auf den Kopf. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen, und die „feine“ Küche war ursprünglich nicht mein Ziel. Ich habe von Beginn an ganz allein in der Küche gearbeitet, und es war schon ein kleines Wunder, dass ich mit 21 Jahren meine erste Haube erhielt – von einer zweiten ganz zu schweigen. Jetzt, mit 26 Jahren, ist es mir wichtig, nicht nur als die jüngste Haubenköchin Österreichs wahrgenommen zu werden. Trotz vieler Erfolge, die ich mittlerweile feiern durfte, möchte ich nicht auf diese eine „heldenhafte“ Errungenschaft reduziert werden.

Das bedeutet im Grunde, dass man nicht auf eine Leistung, die erste Haube oder den dritten Stern reduziert werden sollte. Wie war das für dich, Philipp, als du 2018 als „Retter“ der Festspiele gefeiert wurdest?
PHILIPP HOCHMAIR: Meiner Meinung nach ist es gut, dass es eine Assoziation gibt, die man zu jemandem hat. Es ist doch im Grunde toll, wenn man etwas geleistet hat und die Leute einen zuordnen können. Um das überhaupt zu erreichen, muss man schon viel und hart gearbeitet haben und wenn neue Erfolge, Projekte und Assoziationen dazukommen, freue ich mich. Aber ich kann damit leben, dass man sagt, dass ich ein Held war, weil ich über Nacht am Domplatz eingesprungen bin. (lacht)
Kann jeder ein Held oder eine Heldin sein?
PHILIPP HOCHMAIR: Davon bin ich überzeugt. Diese Vorstellung kann eine große Motivation sein und zeigen, dass alles möglich ist. Jeder sollte die Chance haben, seine Träume zu verwirklichen – auch wenn das nicht immer einfach ist. In meiner Schauspielschulklasse waren wir zwanzig Leute, aber nur vier von uns haben es wirklich geschafft. Es gibt nur begrenzten Platz an der Spitze. Mein erster Gedanke ist daher: Habt keine Angst, euch selbst zu verwirklichen!
VIKTORIA FAHRINGER: Für mich war es entscheidend, in den letzten Jahren persönliche Ziele zu definieren und herauszufinden, was mir wirklich wichtig ist. Oft wird uns von außen suggeriert, was erstrebenswert ist und wie wir leben sollten. Das hat mich manchmal unglücklich gemacht, weil ich nicht das Glück gefunden habe, das ich erwartet hatte. Es geht darum, für sich selbst klarzustellen: Wo will ich im Leben hin? Was macht mich von Herzen glücklich? Glück bedeutet für mich Zufriedenheit – am Ende des Tages zu wissen: Heute war ein guter Tag oder auch nicht, aber ich habe das getan, was ich gerne mache. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und einen Plan zu entwickeln, ist essenziell.
JUAN AMADOR: Erfolg und Glück sind eng miteinander verbunden. Es reicht nicht aus, erfolgreich zu sein – man muss auch glücklich sein. Ich war lange Zeit erfolgreich, aber innerlich unglücklich. Es ist wichtig, bei sich selbst zu bleiben und einen Plan zu verfolgen – dabei alle mit ins Boot zu nehmen. Ich bin immer da für mein Team – nicht, weil sie ohne mich scheitern würden, sondern weil ich sicherstellen möchte, dass wir gemeinsam motiviert bleiben. Man muss Teil von etwas Größerem sein, alleine schafft man das nicht. Ich lasse mich von Kritikern nicht beeinflussen, solange wir an dem festhalten können, was wir tun und daran glauben, machen wir weiter so. Viele Menschen sind erfolgreich, aber unglücklich – das sind zwei verschiedene Dinge! Ich freue mich über Auszeichnungen, aber danach denke ich oft: Bin ich jetzt zufrieden? In mir schlummert immer eine latente Unzufriedenheit – vielleicht aus Angst vor Stagnation oder Nachlässigkeit. Diese Unzufriedenheit treibt mich an – sie ist mein Motor.
Also eine positive Unzufriedenheit darf durchaus vorhanden sein, um sein Ziel zu erreichen?
JUAN AMADOR: Eine glückliche Unzufriedenheit.
PHILIPP HOCHMAIR: Eine kreative Unzufriedenheit!
VIKTORIA FAHRINGER: Man sollte sich nicht in einen Strudel ziehen lassen und immer wieder hinterfragen: Ist das der richtige Weg für mich? Auch wenn es kitschig klingt – man muss auf sein Herz hö ren. Ob du eine Heldin bist, kannst nur du für dich allein definieren.

Lisi Brandlmaier wurde 1989 in Thalheim bei Wels geboren und studierte Bildungswissenschaften, Germanistik, Französisch und Italienisch an der Universität Wien. 2011 startete sie ihre journalistische Karriere beim Portal typischich.at der Styria Media Group. 2013 wechselte sie zur VGN Medien Holding in die Onlineredaktion des Magazins Woman. 2015 übernahm sie die Leitung des Gourmet-Ressorts sowie im Anschluss zusätzlich die Leitung des Lifestyle-Ressorts für die Print- und Onlineausgabe des größten österreichischen Frauenmagazins. Zusätzlich engagierte sie sich beim Aufbau von Woman TV, entwickelte eine eigene Kochsendung und produzierte zahlreiche Shows mit namhaften Köchinnen und Köchen. Von 2021 bis Ende 2023 war sie Chefredakteurin und Digital-Chefredakteurin (ab 2022) bei Falstaff, dem größten Magazin für kulinarischen Lifestyle.