Weinhändler: Kalifornischer Wein ist ein Jungbrunnen

Martin Kössler ist einer der profundesten Kenner kalifornischer Weine. Mit seinem Unternehmen „K&U Weinhalle“ importiert er seit 1985 biologische, handwerklich erzeugte Weine aus dem Golden State. Im KALK&KEGEL-Interview spricht er über die aktuelle Weinkrise und warum Kalifornien als Gewinner hervorgehen wird.
Der Weinbau steht vor großen Herausforderungen. Wie geht Kalifornien damit um?
MARTIN KÖSSLER: Wichtig ist zu betonen, dass wir nicht von einem kalifornischen Phänomen sprechen, sondern von einer weltweiten Krise. Die Umsätze sind an allen Enden des Marktes um bis zu 30 Prozent eingebrochen. Gründe dafür sind die Anti-Alkohol-Bewegung, der Anstieg der Weinpreise um 30 Prozent seit Corona und der Generationswechsel auf Konsumentenseite: meine Generation stirbt langsam aus und die Jungen haben noch nicht das Geld, um da einzusteigen, wo wir Alten aufgehört haben. Anders als bei uns reagiert man in Kalifornien aber sofort darauf.
Was meinst du damit?
MARTIN KÖSSLER: Nehmen wir das Beispiel Alkohol und Zeitgeist. Du kennst Zinfandel, die zweitwichtigste Rotweinsorte in den USA. In Weinbaugebieten wie Lodi im Central Valley stehen bis zu 100 Jahre alte Rebstöcke. Weil der Markt aber einbricht und die junge Generation keine 15 Volumenprozent mehr trinken will, fängt man an, diese uralten Reben zu roden. Völliger Wahnsinn. Aber es gibt junge Weinmacher, die genau das aufgreifen, die Rebflächen kaufen und versuchen, daraus ganz tolle Weine zu machen.

Was erwartet sich die junge Generation von Wein?
MARTIN KÖSSLER: In den USA war Wein immer ein Statussymbol; je teurer und je mehr Punkte, desto besser. Der gewachsene, ehrliche Wein ist währenddessen unter die Räder gekommen. Aber ich glaube, da geht es wieder hin. Wein wird in Zukunft wieder wertiger. Gemacht von Winzern, die in kleinen Dimensionen arbeiten. In der Nische. Alles, was aufgeblasen ist, was nicht authentisch ist, wird verschwinden. Es gibt immer weniger Leute, die trinken, und die Jungen trinken anders, das merken wir bereits deutlich. Die brauchen keine großen Namen, keine Etiketten, keine Punkte. Davon sind die völlig frei. Die Jungen wollen Authentizität, die wollen wissen, was sie trinken, und keine anonyme Massenware.
Das heißt, es braucht neue Denkansätze?
MARTIN KÖSSLER: Genau so ist es. Wir müssen Wein neu denken, aber anders, als die meisten im Sinn haben. Wir müssen weg von der geschmäcklerischen Wahrnehmung des WSET, hin zu harten Fakten für Qualität, die uns die Klima- und Absatzkrise abfordern. Wenn wir sie nicht alle gemeinsam anders, ehrlicher, offener und vor allem kompetenter in größeren Zusammenhängen denkend vermitteln, wird sich der Wein auf dem Markt der Zukunft schwertun.

Ist Nachhaltigkeit die Zukunft?
MARTIN KÖSSLER: Kalifornien ist schon lange nachhaltig. Als wir vor rund 40 Jahren in Kalifornien zum ersten Mal auf Tour gingen, mussten wir schon nach wenigen Besuchen unsere arrogante Erwartungshaltung revidieren: In den Kellern stand zwar neueste Technik, sie wurde aber zu einer minimalistischen Umsetzung aufwendigen Handwerks draußen in den Weinbergen genutzt, die uns völlig neu war. Mit jedem Besuch mehr erlebten wir staunend, dass es nicht darum ging, Weine auf ein bestimmtes Geschmacksklischee hinzutrimmen – was wir unterstellt hatten –, sondern man überließ sie dank modernster Technik in lässigem, aber präzise kontrolliertem Nichtstun weitgehend sich selbst. Heute gibt es zahlreiche landwirtschaftliche Programme zum Schutz von Fisch und Vögeln, von Wasser, Boden und Luft. Man diskutiert längst die gemeinsame Einführung leichter Flaschen aus Recyclingglas. „Napa Green“, als größter Schutzverband im Napa Valley, ist auf 2500 Hektar Glyphosat-frei. Im angrenzenden Marin County ist die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche bereits Bio-zertifiziert und im boomenden Mendocino County ganz im Norden Kaliforniens sind über 25 Prozent der Rebfläche organisch zertifiziert. Viele Betriebe beteiligen sich inzwischen an Projekten zur regenerativen Bewirtschaftung der „Regenerative Organic Alliance“ (ROA).

Die Seite des Marktes, die wir beackern und die hoffentlich kommende Weintrinker-Generationen beglücken wird, wird Naturwein produzieren, allerdings kontrolliert, sauber, aus organisch regenerativem Anbau und mit viel Wissen um Mikrobiologie und Chemie realisiert. Genau da, in der kompetent umgesetzten, bewusst untechnischen Weinbereitung, war Kalifornien immer weltweiter Vorreiter, schon in den 80er Jahren – nach euren österreichischen Pionieren, ohne die es zu dem Phänomen gar nicht gekommen wäre. Aber es ging in Kalifornien, bis auf die ganz üblen Betriebe, schon damals sehr viel transparenter zur Sache als bei uns in der alten Welt.
Ist das heute auch noch so?
MARTIN KÖSSLER: Was ich an Kalifornien so schätze, ist diese Offenheit. Ich verdanke mein gesamtes Weinwissen Kalifornien. Ich habe dort ein Jahr studiert, und schon in der Wissenschaft gemerkt, dass der Austausch unter den Winzern wahnsinnig schnell ist. Wenn in Deutschland einer einen Fehler macht, heißt es, den sollen die anderen auch mal machen. In Amerika rufst du deine Kollegen an und schaust, dass sie den Fehler nicht machen. Dieses systemische Denken ist typisch amerikanisch. Dadurch sind die Lernkurven und Reaktionsmechanismen dort sehr schnell.

Hast du ein konkretes Beispiel?
MARTIN KÖSSLER: 2011 gründeten Jasmine Hirsch und Rajat Parr das Projekt „In Pursuit of Balance“ – mit dem Ziel, in Kalifornien Pinot Noir und Chardonnay zu fördern, die weniger auf maximale Reife, Kraft und Alkohol setzen, sondern auf Ausgewogenheit, Terroir und Eleganz. Sie haben Biologen, Geomorphologen und andere Wissenschaftler und Experten geholt und sind mit denen in die Weinberge rein. Nach 10 Jahren war das Projekt abgeschlossen. Was war passiert? Sie haben massiv begrünt. Weil sie festgestellt haben, dass Begrünung keine Wasserkonkurrenz für die Reben ist, sondern hilft, die Physiologie zu regulieren und die Wasserspeicherfähigkeit im Boden zu verbessern. Sie haben aufgehört mit Gipfeln und Grünlese, weil das für die Reben Stress bedeutet und in das Hormonsystem eingreift. Nach vier, fünf Jahren waren pH-Werte und Alkoholgehalt unten. Das Projekt hat zu einem ganz neuen Denken des Weinbaus geführt – und kam dann schnell nach Europa.
Ein anderes Beispiel: Rebgenetik. Die Kalifornier haben lange Zeit mit burgundischen Klonen gearbeitet, die mit dem kalifornischen Klima aber nicht gut zurechtgekommen sind. Also hat man viel Geld in die Hand genommen, die Klone wieder rausgeschmissen und ist zurückgekehrt zu eigenem, alten Pflanzmaterial aus den 60er-, 40er- und 30er-Jahren, das natürlich vermehrt und verbessert wurde. Heute ist Kalifornien in Sachen genetisches Material und Anpassung der Genetik an die Klimakrise und neue Wachstumsbedingungen weltweit führend.

Was bedeutet das alles für den Geschmack und die Stilistik kalifornischer Weine?
MARTIN KÖSSLER: Ich denke die Zeiten sind vorbei, in denen man für jemanden wie Parker, der über 30 Jahre hinweg den Weltgeschmack dominiert hat, rücksichtslos produziert. Die Kriterien des Geschmacks ändern sich. Kalifornien stand immer für fette Chardonnays und Cabernet Sauvignons. Heute sind die Chardonnays immer noch kalifornisch reif, aber sie haben Frische, Säure und Länge. Von der Sonoma Coast zwischen San Francisco und Mendocino kommen Pinot Noirs, die unglaublich gut sind und damit durchaus Burgund Konkurrenz machen.
Dein Resümee?
MARTIN KÖSSLER: Die Kalifornier sind durch die Klimakrise, durch diesen Systemneustart gezwungen, in die Weinberge zurückzugehen und Wein nicht vom Keller, sondern vom Boden aus zu denken. Das ist eine coole Entwicklung. Kalifornien ist wie ein Jungbrunnen. Der Mangel an Tradition ist dort nicht der Klotz am Bein, sondern die Triebkraft für Innovation. Wein wird deshalb nicht verschwinden, sondern sich in Qualität und Stil in zwei entgegengesetzte Märkte entwickeln.
In Partnerschaft mit California Wines.
