Die neue Weißwein-Frische aus Kalifornien

Vollmundig, kraftvoll, komplex: So kennen und lieben wir kalifornischen Rotwein. Aber wir verraten euch jetzt etwas: Auch die Weißweine des Golden State zählen zu den besten der Welt.
„Man merkt ganz klar, dass bei den kalifornischen Weißweinen eine Frische-Bewegung im Gange ist, die Weine schlanker werden und die Alkoholwerte nach unten gehen. Amerikanisches Holz verwendet kaum noch jemand, dafür gibt es viel mehr europäische Eiche, in erster Linie französische. Du findest aber genauso Chardonnays, die im Betontank oder in Amphoren ausgebaut werden“, so Maximilian Wilm. Er ist General Manager und Sommelier im Restaurant „Kinfelts Kitchen and Wine“ in Hamburg und bester Sommelier Deutschlands 2019. Die Weinkarte im Kinfelts umfasst mittlerweile rund 70 kalifornische Weine, „wobei wir bewusst nach anderen Rebsorten und Stilen suchen, um Blockaden aufzubrechen, im Weißwein- wie im Rotweinbereich.“

Mehr als 100 verschiedene Rebsorten werden in Kalifornien angebaut, darunter alte Bekannte und zahlreiche „neue“ Rebsorten, an die bis vor einigen Jahren noch keiner gedacht hat. Die geografische Vielfalt, verschiedene Mikroklimata, aber auch die Experimentierfreude der Winzer:innen machen’s möglich. Letztere resultiert oft aus den Herkünften der Familien: Viele von ihnen sind vor Generationen aus Europa immigriert und haben neben ihren Lebenskulturen auch die Vorliebe für bestimmte Weine mitgebracht. Gerade junge Weinmacher:innen haben zudem vermehrt Berufserfahrungen in den Weinbauregionen der Welt gesammelt und dabei Rebsorten kennengelernt, deren Eignung sie jetzt in Kalifornien ergründen. Erlaubt ist, was gefällt – nicht nur den Winzer:innen, sondern vor allem den Weintrinker:innen.

Spannend: Besonders im Fokus stehen seit geraumer Zeit Weißweinsorten, die mittlerweile rund 40 Prozent der Gesamtrebfläche ausmachen. „Das Weinwissen ist oftmals auf Chardonnay beschränkt. Viele wissen gar nicht, dass es in Kalifornien noch zahlreiche andere weiße Rebsorten gibt, die Spaß machen“, erzählt Maximilian Wilm.
Stilwandel
Unangefochtene „Queen of Whites“ ist in Kalifornien trotz allem Chardonnay, dessen Stilistik sich in den letzten Jahren jedoch stark verändert hat. Für viele Winzer:innen gehören die Weine zwar weiterhin ins Holz, dieses steht aber nicht mehr im Vordergrund, sondern dient gekonnt als Stilmittel zur Stabilisierung und für ein komplexeres Mundgefühl mit Schmelz. Kürzerer Fassausbau und größere Fässer nehmen zu. Kendall-Jackson und Black Stallion Estate Winery liefern hier Paradeweine. Schlankere, elegant-frische und weniger burgundisch anmutende Chardonnays findet man hingegen bei Kistler Vineyards, Ridge Vineyards, Schug Winery, DuMOL, Ramey Wine Cellars, Matthiasson Wines und Littorai Wines.

Ebenfalls im Wandel ist Kaliforniens zweitwichtigste Rebsorte Sauvignon Blanc. Die kalifornischen Winzer:innen demonstrieren erfolgreich durch verschiedene innovative wie auch klassische Ausbaustile, welche Vielfalt der Wein zulässt, der im Golden State eine lange Tradition hat. An ihrer Spitze steht Robert „Bob“ Mondavi. Bereits in den 1960er Jahren hat es sich der Winzer aus dem Napa Valley zur Aufgabe gemacht, das Potenzial des Sauvignon Blanc voll auszuschöpfen und ihn in Eichenfässern auszubauen, um ihn vom Image eines süßen, bedeutungslosen Weines wegzubringen. Bis heute ist Mondavis Fumé Blanc ein kraftvoller, trockener Sauvignon Blanc, der keineswegs nur vom Holz geprägt ist, sondern vielschichtige Fruchtfacetten und spannende Gewürz-Noten mitbringt. Wilm: „Bei kalifornischen Sauvignons hast du selten diese quietschgrüne, stachelbeerige Neuseeland-Stilistik. Die meisten, die ich kenne, gehen in Richtung karge Loire-Stilistik, ähnlich wie Sancerre und Pouilly-Fumé, oder sie erinnern an weiße Bordeaux.“

Vorzeige-Sauvignon Blancs findet man bei Twomey, Merryvale Vineyards und St. Supéry Estate Vineyards and Winery. Sauvignons im Bordeaux-Stil gibt es von Lail Vineyards aus Napa Valley („Für den Top-Wein Georgia würde ich viele, deutlich teurere weiße Bordeaux sofort stehen lassen“, sagt Wilm.), frische, kühle Vertreter aus Single Vineyards bei Arnot-Roberts. „Der Ascona Vineyard ist ein extrem spannender, kühler, klarer, fast schon salziger Sauvignon Blanc. Das geht in eine Richtung, die man aus der Steiermark kennt, ist aber noch puristischer.“
Rhône-Stile
Besonders gut etabliert haben sich in Kalifornien auch Weißweinsorten von der Rhône, darunter Grenache Blanc, Marsanne blanche, Roussanne und Viognier, der in verschiedenen Regionen ideale Terroirs gefunden hat – nicht zuletzt, weil die Traube erstaunlich widerstandsfähig gegen Trockenheit ist. Durchlässige, sandige Lehmböden, trocken heiße Tage und kühle Nächte bringen bereits seit den 1980er Jahren großartige Weine hervor. Ein Faible für Rhône-Sorten haben beispielsweise Daou Vineyards, Hope Family Wines und Tablas Creek Vineyard, das für seine Nachhaltigkeitsinitiativen sowohl mit dem California Green Medal Environment Award als auch mit dem Community Award ausgezeichnet wurde. Zudem war Tablas Greek das weltweit erste ROC-zertifizierte Weingut. (Mehr über Kalifornien als weltweit führende Weinbauregion in Sachen Nachhaltigkeit lest ihr hier.)

„In Santa Barbara gibt es rund um den Ballard Canyon eine Ecke, in der extrem spannende Rhône-Rebsorten vinifiziert werden“, weiß Sommelier Maximilian Wilm. „Mein Lieblingsweingut in dieser Region ist Stolpman Vineyards. Die haben einen sortenreinen Roussanne – mit rund 18 Euro übrigens ein absoluter Preis-Leistungsknaller –, der an einen weißen Châteauneuf-du-Pape erinnert; ein Wein, mit einer unglaubliche Öligkeit, aber trotzdem einer Frische am Gaumen. Den Top-Wein von Stolpman, L‘Avion, ebenfalls ein Roussanne, setze ich Kolleg:innen gerne blind vor, als Augenöffner, um zu zeigen, was in Kalifornien möglich ist.“
Exotische Klassiker
Doch es sind keineswegs nur Sorten von der Loire (Chenin Blanc!) oder der Rhône, die auf dem Vormarsch sind. Auch italienische, deutsche und österreichische Rebsorten finden in Kalifornien großen Anklang. Graham Tatomer aus Santa Barbara ist einer der wenigen auf Weißwein spezialisierten Winzer:innen in Kalifornien. Seine Vorliebe für Grüner Veltliner und Riesling rührt aus seiner Zeit am Weingut Knoll in Dürnstein in der Wachau, doch auch für Albariño hat Tatomer in der Vergangenheit ein Händchen bewiesen. Jerry Lohr (J. Lohr Vineyards & Wines; California Green Medal Leader Award Gewinner 2020) lässt mit Ribolla Gialla aufhorchen, ebenso Matthiasson Wines („Ein Orangewein, aber qualitativ pikobello sauber.“). Wente Family Estates überzeugt mit Riesling, LangeTwins Family Winery and Vineyards mit Grüner Veltliner.

Kleiner Sidestep: Wente ist jenes Weingut, das als erstes Elektrotraktoren eingeführt und damit die Kohlenstoffemissionen um 87 Prozent gesenkt hat. 2022 gab’s dafür den California Green Medal Leader Award. LangeTwins wiederum setzen auf Biodiversität und Artenvielfalt. Die neue Generation der Familie Lange rodete 13 Hektar Weinberge, schuf stattdessen einen Lebensraum für Wildtiere und konnte durch die Anpflanzung von einheimischen Eichen und Gräsern die Gesundheit des angrenzenden Flusses wiederherstellen. Die California Green Medal Jury honorierte die Nachhaltigkeitsbemühungen des Weinguts 2024 ebenfalls mit dem Leader Award.

Einen spannenden Riesling aus dem Potter Valley macht auch Chateau Montelena, das in erster Linie für Chardonnay und Cabernet bekannt ist. „Man sollte bei Riesling und Grüner Veltliner keine Vergleiche mit Europa ziehen. Wenn ich es doch tun müsste, finde ich kalifornische Grüne Veltliner oft opulenter als man sie aus Österreich kennt, und sie haben ein bisschen weniger Säure. Es gibt auch Veltliner, die sehr frisch gemacht sind, die dann aber meistens sehr flach auf der Brust sind“, so Wilm. Auch Rieslinge seien in der Regel etwas breiter „mit mehr zitrischen Note, was darauf hinweist, dass die Weine aufgesäuert wurden. Wenn ich kalifornischen Riesling mit Europa vergleichen müsste, dann am ehesten mit einem elsässischen Riesling, nur trocken ausgebaut.“

Fazit: In der kalifornischen Weißweinwelt wird es nie langweilig! Dafür sorgen unterschiedliche klimatische und geologische Bedingungen sowie die stetige Auseinandersetzung der Winzer:innen mit den Besonderheiten ihrer einzelnen Terroirs.
In Partnerschaft mit California Wines.
