Ton in Ton: Portugiesische Keramikindustrie stellt Weichen für die Zukunft

Wer an Lissabon oder Porto denkt, assoziiert die verfliesten Fassaden aus vergangen Tagen. Das Keramik dort Zukunft hat, fällt erst auf, wenn man in das Land eintaucht und dessen Bezug zu gebrannter Erde fühlt. KALK&KEGEL Co-Herausgeber Peter Eder war vor Ort.
Der Erde eine Form zu geben, diese beständig zu machen, ihr buchstäblich Glanz zu verleihen, war und ist ergreifend. Was jedoch einmal Handwerk war, ist längst der industriellen Fertigung zum Opfer gefallen. „Hand“ kommt bei Fliesen längst nicht mehr zum Einsatz. Die Maschine druckt, dreht, gießt, exakter als der Mensch. Er hat in einer Fabrik nur noch nach Fehlern zu suchen, aber auch dieser Job ist bald Vergangenheit. KI hat im Bruchteil einer Sekunde so viel Vergleich zum gewünschtem Ergebnis, dass auch die Qualitätskontrolle durch das menschliche Auge bald unnötig ist. Warum dann noch Tonnen schweres Zeug ins Land holen? Zum einen ist es die hohe Qualität das Materials, die Festigkeit und Haltbarkeit garantiert, und dann sind da die portugiesischen Formen und Farben, die Innen und Außen zum Blühen bringen. Letztendlich steckt in den Fliesen Geschichte, die Sonne, das Meer und das Land. Das traditionelle Handwerk wird zum Beispiel von Aleluia Ceramicas immer noch aktiv weitergegeben.

An wenigen Orten wird keramische Handarbeit in großem Rahmen noch praktiziert, sie ist schlicht zu teuer. Geht es aber um das Außergewöhnliche, die Kunstfertigkeit ab der Norm zu erreichen, ist Handwerk gefragt – fast egal was es kostet. Handgefertigte Fliesen, Geschirr oder Kunstwerke, deren Charme eben Handarbeit ausmacht, finden weltweit immer mehr Liebhaber. In Portugal wird in wenigen Manufakturen noch so gearbeitet wie eh und je. Künstler aus der ganzen Welt arbeiten mit Firmen wie Viuva Lamego (Fliesen) oder Vista Alegre (Tischkultur), um ihre Ideen in Steingut, Steinzeug oder Porzellan umzusetzen. Die Kunst des Möglichen wird dort durch die Beherrschung der Materialien, die Innovationskraft und Leidenschaft der Handwerker umgesetzt. Denn Keramik ist fester Bestandteil portugiesischer Kultur. Sie zeigt sich an den Fassaden traditioneller Gebäude genauso wie an aktueller Architektur. Azulejos, die handbemalten Fliesen in blau/weiß, die oft als Fliesenbilder portugiesische Städte prägen, stehen in unseren Gedanken für Tradition. Die Formen- und Farbenbracht sowie die Bildgewalt neuer Gebäude, die mit ihren Innen- und Außenwänden das neue Portugal repräsentieren, hat man hierzulande weniger am Radar.
Kulturgut
Die besondere Beziehung der Portugiesen zu Keramik kommt von den maurischen Kalifaten und Königreichen, die die Kultur der iberischen Halbinsel prägten. Die Mauren sind gegangen, ihre Kultur ist geblieben und hat die Handwerkskunst stark beeinflusst. Aufbauend auf dieser Tradition ist die portugiesische Keramikindustrie jedoch auf Zukunft ausgerichtet. Die (meist) Familienunternehmen des Landes haben einen Zug zum Tor, den viele Mitbewerber aus verschiedenen Gründen gar nicht haben können. Ein Grund ist die Größe mancher Unternehmen, die behäbig macht. Ein weiterer fehlendes Ohr am Markt. Vielleicht ist die jüngere Geschichte des Landes heute sogar ein Vorteil. Denn Portugal hat wohl einige Jahre verschlafen, die Zeit nach der Nelkenrevolution (1974) war ein langsames Erwachen der traumatisierten Nation. Spätestens aber ab der Jahrtausendwende hat das „junge Portugal“ das Ruder übernommen und mit bemerkenswertem Enthusiasmus wirtschaftliche Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen. Gebäude wie das neue Schiffsterminal am Pier des portugiesischen Hafenstädtchens Leixões, knapp drei Kilometer von Porto entfernt, stehen exemplarisch für diesen Aufbruch. Das Büro Luis Pedro Silva Arquitectos aus Porto plante den „Porto Cruise Terminal”.

Besonders Keramik verleiht diesem spektakulärem Bauwerk neben seiner Form seine beeindruckende Wirkung. 900.000 Stück Dreidimensionale, sechseckige, schräge Fliesen wurden auf 16.000 Quadratmetern Gebäudefläche verklebt. Die Fliesen wurden mit der Vorgabe, jede (schräge) Fliese muss gegengleich zur Nachbarfliesen verklebt werden, angebracht. Pro Mann waren so fünf Quadratmeter pro Tag möglich. Nach neun Monaten war das Gebäude verfließt (Fliese: Steinzeug/Hersteller: Vista Alegre).
Tischkultur
Weniger bekannt ist portugiesische Keramik in Sachen Tischkultur. Obwohl man davon ausgehen kann, schon von „portugiesischen“ Tellern gegessen zu haben. Die Stücke zeichnen sich durch Farb- und Formenreichtum aus, sind Exportschlager – weit über den europäischen Raum hinaus. Das Grundmaterial, die Tonerde, hat in Portugal wie erwähnt besondere Reinheit und Qualität. Der hell brennende Scherben, (so nennt man das Werkstück, auch wenn es noch ganz ist) wird ein zweites Mal, wie bei Fliesen auch, „glasurgebrannt“ und erhält so die endgültige Größe und Farbe. Anders als bei Fließen ist keramische Tischkultur in Portugal weitgehend Handarbeit. Das Geheimnis des Erfolges, liegt an der schnellen Adaption neuer Designideen, aber auch in der Veredlung der Rohware. Gegossene Stücke werden wie eh und je mit Gipsmodeln gefertigt, jedoch in größerer Stückzahl. Gedrehte Teller werden maschinell vorbereitet, anschließend mit Hand endgefertigt. Spezialistinnen glasieren, drucken Muster, bemalen, airbrushen oder bringen die Stücke zum Klingen. Zur Qualitätskontrolle wird jedes Stück wie eine Glocke angeschlagen – passt der Ton ist das Objekt in Ordnung – passt er nicht, wird es ausgesondert.

Es kommt nicht nur auf den Ton beim Ton an. Das Geschirr, von dem wir unsere Nahrung zu uns nehmen, hat einen besonderen Wert, den es auf Speisen überträgt und mit ihnen einen Gesamteindruck vermittelt. Unser Gehirn bildet sich, bevor wir Essen zum Mund führen, schon eine Meinung. Abhängig von Farbe, Form oder Haptik des Geschirrs, werden Speisen verschieden vorverarbeitet. So verringert ein roter Teller das Hungergefühl, von einem kleinen Teller isst man weniger – allein ein höheres Gewicht des Bestecks wertet Speisen auf. Diese Erkenntnisse gepaart mit dem Zeitgeist fließen in jede Geschirr-Produktion mit ein. So kann man an manchen Stücken „Vintage“ erkennen, an anderen „zurück zu den Wurzeln“ und wieder an anderen einen abgeschwächten aber doch „Hang zum Luxus“. Die Variabilität portugiesischer Handwerkskunst ist beeindruckend reich, reich an Zukunft.

Verkauf und Kooperationen