Kirnbauer: Nachhaltigkeit ist nicht immer ein Zurück-zum-Pferd

Das Weingut K+K Kirnbauer ist bio und denkt Nachhaltigkeit radikal technisch: Photovoltaik, Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft, weniger Überfahrten, HVO100 statt Diesel – und im Keller Hightech bis zur optischen Beeren-Selektion. Ein Interview über Markendisziplin, Skepsis gegenüber entalkoholisiertem Wein und ein Plädoyer gegen Rivalitäten innerhalb der österreichischen Weinbranche.
Viele setzen „nachhaltig“ automatisch mit „bio“ gleich. Ihr habt das bewusst hinterfragt. Warum?
MARLENE & MARKUS KIRNBAUER: Ist eine nachhaltige und eine biologische Bewirtschaftung wirklich kompatibel? Bio bedeutet oft: mehr Arbeitsgänge, mehr Traktor-Fahrten, mehr Aufwand. Mit Klimawandel und der Überlegung, wie wir insgesamt sinnvoll wirtschaften, haben wir diese Frage letztlich bejaht – und uns vor rund sieben Jahren auch biologisch zertifizieren lassen. Und das bedeutet bei uns nicht automatisch weniger Technik. Im Gegenteil: Wir machen uns die Technik zunutze, um nachhaltig zu agieren.
Wie gelingt das?
Unsere Philosophie ist: Qualität und Klimaschutz durch Technologie und Innovation zu fördern – das ist für uns zukunftstauglicher als pseudo-romantische Rückwärtsbewegungen. Der Fokus liegt zum Beispiel darauf, die Anzahl der Traktor-Durchfahrten zu minimieren. Das erreichst du durch klügere Geräte, bessere Planung – und insgesamt weniger Treibstoff-Verbrauch. Wenn du mit Verbrennungsmotoren arbeitest, brauchst du eine Lösung, die wirtschaftlich tragfähig ist. Seit Kurzem nutzen wir HVO100 – „Hydrotreated Vegetable Oil“. Überspitzt: von der Fritteuse in den Tank. Der Preis ist ungefähr gleich wie Premium Diesel, die Performance ist gut – und es ist ein Schritt, um den CO₂-Fußabdruck zu reduzieren.

Diese Logik wird im Keller fortgesetzt?
Bei der Ernte ist wichtig, dass die Beeren als Ganzes angeliefert werden. Wir arbeiten mit einer optischen Selektiermaschine, die im Grunde jede einzelne Beere „anschaut“: Sie fotografiert, scannt, erkennt Farbwerte und trennt – ob das eine Beere ist oder ein Blatt, ein Stiel, ein Fremdkörper. Eine Maschine wird nicht müde. Das ist für Qualität extrem relevant.
Erntet ihr dann maschinell oder per Hand?
Das entscheiden wir situativ und je nach Sorte. Wenn es trockene Jahre sind, die Beeren dickschalig und stabil, ist maschinelle Ernte möglich. Sind die Beeren dünnschalig, wird händisch geerntet. Das ist keine Ideologiefrage, sondern eine Qualitätsentscheidung im Einzelfall.

Aktuell sprechen viele von „Rotweinkrise“. Spürt ihr das?
Die Rückgänge sind spürbar, ja – aber wir können sie im Moment gut abfedern. Es hilft, wenn du über Jahre eine Marke aufgebaut hast. In unsicheren Zeiten greifen Menschen eher zur vertrauten Marke – zu dem, wo sie wissen, was sie bekommen.
Also weniger „Punkte“, mehr Marke?
Absolut. Früher haben Konsumenten Jahr für Jahr ihre dicken Guides gewälzt. Heute ist das anders. Wir bauen stark auf Emotionen und besondere Momente – weniger auf Bewertungen, Punkte, Medaillen. Die Leute können sich selbst ein Bild machen.

Was suchen Konsument:innen aktuell – und wie verändert das einen Weinstil?
Es gibt schon eine Bewegung weg vom opulenten, fetten Stil, den wir nie aktiv verfolgt haben. Viele suchen etwas Dazwischen: nicht dünn als Dogma, aber auch nicht alkoholisch überladen. Und ja: Weißwein hat’s aktuell leichter. Bei Rot ist „leicht“ mit 12 % Alkohol aus unserer Sicht in vielen Fällen schlicht nicht machbar, wenn es wirklich gut sein soll. Und ganz ehrlich: unter 13 Volumenprozent ist es ein „roter Wein“ – erst dann beginnt „Rotwein“. Trotzdem spielen Trinktemperatur und Stil eine große Rolle. Auch kräftigere Weine funktionieren, wenn man sie klug serviert.
Wird in Zukunft mehr alkoholfreier Wein getrunken?
Zu unserer Philosophie passt es jedenfalls nicht. Ich habe viel probiert – und selten etwas, das mich wirklich überzeugt hat. Traubensaft oder Traubensaft mit Soda: ja, gerne. Wir haben auch schon richtig gute alkoholfreie Spritz-Varianten gebaut – mit Traubensaft, Oximel, Tonic etc. Aber „Alkohol rausnehmen und wieder zurückbauen“ fühlt sich für uns nicht stimmig an.

Bedeutet Nachhaltigkeit auch wirtschaftlich zu bleiben?
Natürlich. Es geht um Jobs, Familien, Mitarbeiter:innen. Nicht jeder kann mit einem Pferd durch die Zeilen fahren und das als „cool“ verkaufen. Du musst Löhne und Rechnungen bezahlen. Deshalb suchen wir Lösungen, die ökologisch sinnvoll und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sind. Nachhaltigkeit ist für uns kein nostalgischer Rückzug, sondern ein Weg, mit Technologie, Innovation und konsequenter Qualitätsarbeit verantwortungsvoll zu wirtschaften – ohne die Realität von Betrieben, Menschen und Märkten auszublenden.
