Somms können auch grandios nerven

Sommeliers und Sommelièren nerven. Gäste auch. Ob sie das dürfen, darüber macht sich unser Kolumnist Risto Rieger Gedanken. Er ist übrigens selbst im Weinverkauf tätig – und als pointierter Schreiber in der von ihm gründeten Facebook-Gruppe „Vin brutalement“.
Unlängst stieß ich bei der allmorgendlichen Lektüre diverser Tageszeitungen auf folgende, in eine Headline verpackte, vermutlich rhetorische Frage: „Darf ich dem Sommelier sagen, dass mir sein Geschwafel auf die Nerven geht?“ Eines schon mal vorweg: Nein, dürfen Sie nicht!
Diese Frage ist anmaßend und gleichermaßen hinfällig, wie die Fragen, ob bei meinem Smartphone ein Update ansteht, ob ich mit wenig Schlaf auskomme, ob ich noch jung bin, ob ich die Energie habe, mit kleinen Kindern zu spielen, ob ich bestimmte Lebensmittel aus meiner Wohnung verbannen sollte, ob meine Schlaflosigkeit vererbbar ist, ob ich einen Bestseller schreiben werde oder doch eher ein populistisches Pamphlet, um damit zu reüssieren, ob es an der Zeit ist, mein Testament zu machen, ob der Konsum von Pornografie meine Libido schwächt, ob ich mich darüber freuen soll, Briefe von meiner Bank zu öffnen oder WhatsApp-Nachrichten meiner Ex-Frau zu lesen, ob mein Geist ein wirklich ernst zu nehmender ist, ob mir die Größe und Form meines Penis gefällt, ob ich es jemals schaffen werde, meine Zukunft abzusichern, ob ich bereit dazu bin, mich zu ändern, ob ich singulär bin oder es nur spät nachts in angesoffenem Zustand lustig mit mir ist, ob es viel intensivere Denker als mich gibt?
Alpha-Mann
Gegenfrage: Darf ich als Sommelier dem unangenehmen Gast, der in der Regel ein sich als Alpha-Mann definierender Gast ist, sagen, dass mich sein arrogantes Geschwafel, das meist von impertinenter Ahnungslosigkeit assoziiert ist, nervt? Dass dieses Männlein der begleitenden Person, die sich in der Regel als Frau definiert, imponieren will und gleichermaßen den ausgebildeten Sommelier oder die Sommelière wie ein kleines, unwissendes Kind ausschauen lassen möchte? Einem Gast, der sich seiner Rolle als „Gast“ nicht bewusst ist und auf ganz dünnem Eis bewegt, das jeden Moment zerbersten könnte? Darf ein Sommelier bzw. eine Sommelière dem Gast sagen, dass er mal kurz innehalten sollte, weil ihm andernfalls jeden Moment der Status des Gastseins abgesprochen werden könnte?
Ja, das dürfen wir grundsätzlich. Jedoch gebietet es die Höflichkeit und Souveränität als Gastgeber:in darüber hinwegzulächeln und dem ungeliebten Gast einen möglichst unvergesslichen Abend zu bereiten. Wir sollten den Besuch eines ambitionierten Speiselokals wieder als das sehen, was er im besten Fall auch ist: ein Erlebnis. Sich fallen lassen in die Hände des Servicepersonals, der Expertise der Sommeliers und der Sommelièren vertrauen, denn diese, in der Regel überdurchschnittlich gut ausgebildeten Fachleute, machen sich durchaus vorher intensive Gedanken darüber, welcher Wein zu welchem Gang als Begleiter infrage kommt.
Respekt & Empathie
Nun bin ich freilich in der etwas komfortablen Lage, viele Restaurantbetreiber:innen und deren Sommeliers und Sommelièren persönlich zu kennen oder gar mit ihnen befreundet zu sein. Das vereinfacht die Problematik ungemein, denn diese Leute wissen ohnehin ziemlich genau, welche Weine ich präferiere und welche eher nicht. Richtig ist auch, dass Sommeliers und Sommelièren bisweilen tatsächlich grandios nerven können, wenn sie sich selbst mal wieder über den Wein erheben und mäandere Vorträge über Böden, Philosophie, An- und Ausbau halten, während das Essen noch kälter wird, als es ohnehin meist schon auf den Tisch kommt. Andererseits wird ja niemand dazu genötigt, die Weinbegleitung in Anspruch zu nehmen. Wenn ich den Mundschenk nicht kenne oder mir das vorgeschlagene Pairing nicht zusagt, nehme ich die Weinkarte zur Hand und bestelle mir eine Flasche Rot und eine Flasche Weiß nach meinem Gusto, die mich während eines mehrgängigen Menüs durch den Abend begleiten. Nebeneffekt: Man setzt sich nicht dem Risiko aus, jeden Moment durch übermotiviertes „Wein-Blabla“ sediert zu werden. Die Flaschen kommen an den Tisch und fertig. Problem gelöst, bevor es die Chance hatte, sich zu manifestieren.
Grundsätzlich jedoch gilt für beide Seiten, dass etwas mehr Respekt, Empathie und Rücksicht aufeinander die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, den Abend zu einem Erlebnis werden zu lassen.
