Wieninger: Wir brauchen zukunftsfitte Weingärten und Entscheidungen

Fritz Wieninger, Stammersdorf, Wien

Wieninger: Wir brauchen zukunftsfitte Weingärten und Entscheidungen

Herbert Lehmann

Das Thema Klimawandel ist Fritz Wieninger ein persönliches Anliegen – und eines, das ihn tagtäglich begleitet. Wie er mit den Veränderungen umgeht, erzählt er im KALK&KEGEL-Interview.

Fritz, ihr bewirtschaftet biodynamisch. Sind eure Weingärten klimafit?
FRITZ WIENINGER: Ich habe auf Biodynamie umgestellt nicht um das Klima zu retten, sondern als Investment in eine bessere Weinqualität. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass die physiologische Reife mit der Zuckerreife bei uns heute eher zeitlich zusammenfällt, als das im konventionellen Weinbau der Fall ist, wo die Zuckerreife durch die Sonneneinstrahlung voranschreitet, die physiologische Reife aber hinten nachbleibt.

Das heißt durch die Biodynamie sind reife Weine mit moderatem Alkohol möglich.
FRITZ WIENINGER: Richtig. Das ist ein positiver Aspekt, der vor allem in warmen Jahren zum Tragen kommt, in denen die Säure zurückgeht, der Zucker aber nach oben schießt. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die kühlen Jahre seltener, und die warmen Jahre mehr und extremer werden.

Wie bereitet ihr euch auf diese Wetterextreme vor?
FRITZ WIENINGER: Vielerorts werden Unterlagsreben verwendet wie vor 30, 40 Jahren, als der Ertrag wichtiger war als Reife. Aus Qualitätsgründen haben wir früh auf Unterlagsreben mit weniger Ertrag und mehr Zucker umgestellt. Davon müssen wir wieder wegkommen. Wenn wir neue Weingärten auspflanzen, kommen Unterlagsreben zum Einsatz, die ein langsames Reifen ermöglichen. Wir denken damit bereits 10 bis 20 Jahre voraus.

Es heißt, dass manche Sorten aussterben werden, zum Beispiel der Grüne Veltliner. Wie siehst du das?
FRITZ WIENINGER: So schnell geht das nicht. Es gibt schon noch Schräubchen, an denen man drehen kann, etwa bei den Lagen. Empfindliche Sorten sollten in Zukunft auf Nordhängen und in höheren Lagen ausgepflanzt werden – sofern diese zur Verfügung stehen. Südlagen sollten wir eher meiden oder für fittere Sorten wie den Riesling verwenden, der Hitze sehr gut verträgt. Man darf nie vergessen: Wenn wir heute einen Weingarten auspflanzen, dann wird dieser die nächste Generation ein Leben lang begleiten. Deshalb müssen wir unsere Entscheidungen gut abwiegen und auf die Zukunft ausrichten. Wir können Weingärten nicht nach 30 Jahren wieder ausreißen – denn erst dann beginnen sie, gute Qualität abzuliefern.

An welchen Schräubchen drehst du noch?
FRITZ WIENINGER: Bisher war es üblich, große Bäume nicht zu nah an den Weingarten zu pflanzen. In Zukunft werden wir in den Weingärten Bäume sehr wohl wieder zielgerichtet auspflanzen und aufforsten, um partiell Schatten zu bekommen und die Hitze erträglicher zu machen. Die Rebe ist zwar hitzeliebend, aber bei zu viel Sonneneinstrahlung sinkt die Qualität.

Welche Möglichkeiten gibt es im Bereich Bewässerung?
FRITZ WIENINGER: Ich sehe das Thema differenziert. Es gibt Gebiete auf dieser Welt, die trocken sind, und trotzdem will man dort keine Bewässerung – weil man viel falsch machen kann. Ich bin aber der Meinung, dass eine kluge Bewässerung Vorteile für die Rebengesundheit und Rebenleistung bringt. Klug heißt gezielt einschalten und Regen imitieren, und lange vor der Ernte ausschalten, damit sich die Beeren nicht mit Wasser vollsaufen und eine mindere Qualität bringen. Die Wachau hat uns das auf ihren Urgesteinsterrassen schon vor Jahren vorgelebt. Die Qualität wäre erbärmlich, hätten sie nicht mit der Bewässerung begonnen. Trockene Standorte gibt es aber nicht nur in der Wachau, sondern unter anderem bei uns in Wien, beispielsweise an der Südseite des Nussbergs.

Beim Thema Wasser ist aber auch der Hummus-Aufbau wichtig. Hummus wirkt wie ein Schwamm, der Wasser und Nährstoffe aufsaugt und der Pflanze langsam zur Verfügung stellt. Dazu braucht es eine dauerhafte Begrünung und Komposteinbringung.

Du hast es schon erwähnt: Es gibt Sorten – aber auch Stile –, die mit den Klimaveränderungen kein Problem haben; die sogar davon profitieren. Wie steht es um den Gemischten Satz?
FRITZ WIENINGER: Ich kann in der Ausgestaltung des Gemischten Satzes sehr gut auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Sorten eingehen. Ich kann spätreife, säurebetonte Sorten anteilsmäßig erhöhen, Frühsorten hingegen reduzieren oder weglassen. Manche kommen bei mir gar nicht mehr zum Einsatz, wie Bouvier oder Müller-Thurgau. Dafür ist wiederum Platz für andere Sorten; die sollen sich aber nicht mit zu hoher Reife im Wein breit machen.

Kommen auch PIWI-Sorten in Frage?
FRITZ WIENINGER: Absolut. Ich denke sogar, dass es ein Zukunftstrend sein wird, stärker in Richtung PIWI-Sorten zu gehen, vor allem für die Einstiegsweine. Mein Ziel ist es, einen Gemischten Satz aus PIWIs nachzubauen, der geschmacklich so ist, wie wir in kennen. Dazu haben wir bereits versuchsweise unterschiedliche Sorten angepflanzt, um ihren Geschmack zu ergründen. Donauriesling und Donauveltliner wurden in Wien für den Gemischten Satz DAC bereits zugelassen. Ich sehe hier eine praxistaugliche Lösung mit Sorten, die zum Teil reinsortig nicht so spannend sind und die wir kaum bis gar nicht mehr spritzen müssen. Wenn man von der Biodynamie beseelt ist, sollte es das Ziel sein, Pflanzenschutz wegzulassen.

Apropos Versuch: Du hast kürzlich zwei Weingärten übernommen. Was machst du mit ihnen?
FRITZ WIENINGER: Wir arbeiten in diesen Weingärten nach dem Prinzip des Minimalschnitts, das heißt die Reben werden wenig bis überhaupt nicht beschnitten. Die Trauben tragen kleine Beeren, die krankheitsresistenter sind und mit geringerer Reife geerntet werden können. Vielleicht könnte das auch ein Schräubchen sein, mal sehen. Wir leben von der Veränderung und vom Versuchen. Das muss nicht immer wissenschaftlich sein. Ich sehe ja selbst: Kann ich damit oder nicht? Ergibt das die Qualität, die ich mir vorstelle, oder nicht? Wenn ich warte, bis mir die BOKU einen wissenschaftlichen Artikel vorlegt, bin ich in Pension. Die Geduld habe ich nicht.

Veränderung heißt ja nicht zwingend, alles umzukrempeln.
FRITZ WIENINGER: So ist es. Ich bin ein Freund der gemäßigten, aber zielgerichteten Veränderung. Keine Veränderung ist ein Rückschritt. Das Klima würde sich auch ohne die Menschen verändern. Und: Wir müssen die Bedenken der Jungen ernst nehmen. Es liegt an uns, Schritte zu setzen als Basis für die nächste Generation, die nach uns in den Arbeitskreislauf hineinfällt. Das ist auch ein Appell an die Politik, anstatt anlassorientierter und nur auf die nächste Wahl ausgerichteter Entscheidungen ernsthafte und zukunftsfitte Veränderungen vorzunehmen. Das gilt auch für die Forschung. Es geht nicht mehr um Ertragssteigerung, sondern darum, Reife zu reduzieren und Säure zu erhöhen. Und das nicht mittels Spritzmitteln, nach denen die Wissenschaft gerne sucht. Das kann nicht die Zukunft sein, davon müssen wir wegkommen.

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