Mit diesem Wein schwebt Tamara Kögl zwischen Himmel und Hölle

Mit diesem Wein schwebt Tamara Kögl zwischen Himmel und Hölle

Tamara Kögl ist eine der wenigen Winzer:innen, die Grüner Sylvaner reinsortig ausbaut. Warum der Wein jeden überrascht, schreibt sie hier.

Grüner Sylvaner ist eine der ältesten autochthonen Rebsorten. Österreichweit gibt es laut ÖWM mit Stand 2023 noch 22,86 Hektar, davon 6,46 Hektar bei uns in der Steiermark. Kaum jemand baut Grüner Sylvaner noch reinsortig aus und auch ich war kurz davor, den Wein aufzugeben und unsere 40 Jahre alten Rebstöcke auszureißen. Die Sorte friert leicht ab, bringt unregelmäßigen Ertrag, ist anfällig für Pero, hat wenig Säure und lässt sich schwer pressen. Keine besonders überzeugenden Eigenschaften. Ich habe also lange experimentiert und den Wein am Ende dann doch immer wieder verschnitten.

Allerdings liegt es in meiner Natur als Winzerin, jedes Jahr ein Euzerl mehr aus meinen Weingärten herausholen zu wollen und mich persönlich weiterzuentwickeln. Wenn ich einen 40 Jahre alten Weingarten mit Potential habe, dann will ich dieses Potential auch nutzen. Und manchmal braucht es eben Zeit, bis man mit einem Produkt zufrieden ist. Die Lösung war schließlich die intrazelluläre Gärung, das heißt die Gärung findet hauptsächlich in den Beeren statt. Man kann sich eine gärende Beere so vorstellen wie eine süße Praline mit alkoholhaltiger Füllung, die jeden Augenblick platzen möchte. Erst dann werden die Trauben gepresst und fertig vergoren. Auf diese Weise baue ich Grüner Sylvaner seit dem Jahrgang 2021 reinsortig aus.

Als Winzerin liegt es in meiner Natur, jedes Jahr ein Euzerl mehr aus meinen Weingärten herausholen zu wollen und mich persönlich weiterzuentwickeln.

Der Wein heißt „Give & Take“, angelehnt an eine heidnische Erzählung über den Unterschied zwischen Himmel und Hölle. Sie handelt von einer Gruppe Menschen, die um einen reichlich gedeckten Tisch versammelt ist; in ihren Händen halten sie lange Löffel. In der Hölle hungern die Menschen, weil der Löffel zu lang ist, um ihn zum Mund zu führen. Im Himmel aber benutzen sie die Löffel, um einander zu füttern. Ich finde diese Parabel absolut zeitgeistig: Wir leben im Überfluss, stehen uns aber manchmal selbst im Weg. Dieses Bildnis habe ich mittels Linolschnitts zweier Menschen, die sich füttern, aufs Etikett gebracht.

Push-up

Mein Grüner Sylvaner Give & Take 2021 ist ein minimal invasiver, unfiltrierter Wein mit 4,5 g/l Säuregehalt. Das sorgt bei Verkostungen regelmäßig für Erstaunen, doch der Gerbstoff wirkt in diesem Fall wie ein natürlicher Push-up, der dem Wein Struktur und Würze verleiht. Ich finde es wichtig, sich auch jenen Rebsorten zu widmen, die wir praktisch nicht mehr haben. Das heißt nicht, dass man sie neu oder zusätzlich auspflanzen muss, aber die Rebstöcke, die man hat, sollte man nach Möglichkeit erhalten. Selbst wenn der Ertrag gering ist, überwiegt für mich einfach der emotionale Wert. Weine wie unser Grüner Sylvaner Give & Take sind das Salz in der Suppe. Für Leute, die nach besonderen Weinen suchen.

*Aufgezeichnet von Sonja Planeta

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