Krug-Tasting zurück in die 90er: Offenbahrung oder Marketingsprech?

Das Fundament von Krug: die Grande Cuvée, ein Mehrjahrgangschampagner, der aus bis zu 200 Einzelweinen aus mehr als zehn Jahrgängen zusammengesetzt wird. Jürgen Schmücking

In den Prunkräumen der Hofmeisterei Hirtzberger wurden Krug-Jahrgänge bis zurück in die 1990er-Jahre verkostet. Ein Abend voller Überraschungen – und ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass der Erfolg des Champagnerhauses weniger auf Effekten als auf Kontinuität und Verlässlichkeit beruht.

In Reims, in einem unscheinbaren Gebäude nahe der Kathedrale, lagern einige der rarsten und teuersten Schaumweine der Welt. Das Haus Krug produziert keine Einstiegsweine. Die Grande Cuvée liegt oft weit über dem, was für andere Häuser die Prestige Cuvées, die Flaggschiffe sind. Wer mehr will, bekommt auch mehr – bis hin zu den richtig teuren Weinen für die beiden Einzellagen Clos du Mesnil und Clos d’Ambonnay. Ein Konzept, das bei den Kund:innen gut ankommt. Es hat mit Kontinuität zu tun. Krug macht seit 1843 nichts anderes, und es funktioniert.

Wer Krug verstehen will, sollte mit den Weingärten beginnen. Jürgen Schmücking

Das Fundament des Hauses ist die bereits erwähnte Grande Cuvée, ein Mehrjahrgangschampagner, der aus bis zu 200 Einzelweinen aus mehr als zehn Jahrgängen zusammengesetzt wird. Die 160ième Édition, Basis-Jahrgang 2004, zeigt, was dieses Konzept leisten kann: Getrocknete Früchte, Zitrus, Nuss, ein Hauch Rauch – alles geordnet, alles präzise. Kein Wein von überwältigender Tiefe, aber von einer Verlässlichkeit, die man selten findet. Die 173ième Édition, auf Basis des Jahrgangs 2015, ist zugänglicher, frischer, mit mehr Apfelcharakter und einem leichteren Stand. Freilich auch um einiges jünger. Im direkten Vergleich punktet 160 mit etwas tieferer Komplexität.  Zwei Editionen, zwei Persönlichkeiten – und doch beide unverkennbar Krug.

Das Haus Krug produziert keine Einstiegsweine. Die Grande Cuvée liegt oft weit über dem, was für andere Häuser die Prestige Cuvées, die Flaggschiffe sind. Jürgen Schmücking

Wer Krug verstehen will, sollte mit den Weingärten beginnen. Das Haus besitzt rund 20 Hektar in Ambonnay, Aÿ, Le Mesnil-sur-Oger und Trépail, arbeitet aber mit deutlich mehr Vertragswinzer:innen. Jede Parzelle wird separat vinifiziert – in kleinen Eichenholzfässern, nicht des markanten Barriquetons wegen, sondern weil sie klein genug sind, den Wein einer einzelne Parzelle aufzunehmen.

Der Vintage 1995 zeigt, was passiert, wenn alles passt. Jürgen Schmücking

Der Vintage 1995 zeigt, was passiert, wenn alles passt. Samtige Textur, mandelig, in der Nase heller Blütenhonig und rosa Grapefruit, genau jetzt in perfekter Trinkreife. Die Collection 1995, gleiches Traubenmaterial, aber jahrzehntelang länger auf der Hefe gereift und später degorgiert, ist ein völlig anderer Wein: Kakao, Orangenmarmelade, Madeleine, bitter-zitrusfrischer Abgang. Vielleicht eine Spur weniger Kraft als in seiner Jugend, dafür mehr Patina, mehr Komplexität. Krug nennt das die zweite Offenbarung. Das klingt nach Marketingsprache, beschreibt aber zutreffend, was im Glas passiert.

Durch das Tasting führte Sommelière und Champagne-Liebhaberin Elena Rameder.

Die beiden Einzellagen sind die logische Konsequenz des Parzellen-Ansatzes – weitergedacht bis zur absoluten Konsequenz. Der Clos du Mesnil, 1,84 Hektar Chardonnay im Zentrum von Le Mesnil-sur-Oger, seit 1698 von Mauern umgeben, seit 1979 separat abgefüllt. Der 1998er zeigt sich heute mit reifen weißen Pfirsichen, Gewürzen, feiner Textur und einer Weichheit, die man von diesem Terroir nicht unbedingt erwartet. Kein großes Gerüst, kein Kraftpaket – eher ein Wein, der überzeugt, indem er nicht auffällt. Der Clos d’Ambonnay wiederum, 0,68 Hektar Pinot Noir am Rand des Dorfes Ambonnay, erst 1994 gekauft, erst 1995 erstmals als Einzellage vinifiziert. Der 2006er, bislang nur als Clos de Mesnil-Pendant wenig beachtet, entwickelt sich langsam zu einem der interessantesten Jahrgänge dieser Cuvée: Dunkle Kirsche, Graphit, feine Kräuterwürze, ein Gaumen von bemerkenswerter Eleganz. Kein Schwergewicht, aber von hoher Präzision.

Der 1998er Clos du Mesnil zeigt sich heute mit reifen weißen Pfirsichen, Gewürzen, feiner Textur und einer Weichheit, die man von diesem Terroir nicht unbedingt erwartet. Jürgen Schmücking

Krug gehört seit 1999 zu LVMH. Was das bedeutet, wird in der Szene unterschiedlich bewertet. Die Qualität blieb stabil, das Sortiment wurde nicht verwässert, die Preise stiegen – aber das taten sie auch anderswo. Was sich geändert hat, ist die Reichweite. Krug ist heute internationaler, sichtbarer, begehrter. Ob das dem Wein nützt, ist eine andere Frage. Der 1996er Vintage, der beste Jahrgang des Hauses seit Langem, wurde noch unter den Vorzeichen der alten Familienführung gelesen. Dass er heute langsam in seine Reife kommt – Toast, Karamell, Nuss, Zitrusfrische, eine Länge ohne Ende – hat mit LVMH nichts zu tun. Das ist der Jahrgang, das Handwerk und die Arbeit von Generationen.

Krug ist heute internationaler, sichtbarer, begehrter. Jürgen Schmücking

Die hier beschriebenen Weine (und noch ein paar andere) wurden Mitte März 2026 in der Hofmeisterei Hirtzberger im Rahmen der Veranstaltung A Night for Krug Lovers während des Wachau Gourmet Festivals verkostet. Moderiert wurde das Tasting von Elena Rameder, 3-Hauben-Koch Erwin Windhaber schickte sechs sensationelle Gänge dazu.

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Copyright: Jürgen Schmücking