Justin Leone: Kalifornische Weine sind gigantisch

Justin Leone: In seiner Weinbar “Sticks & Stones” in München fährt er ein fantastisches Programm mit Spitzenweinen aus aller Welt. Mike Krueger

Kalifornien war schon immer etwas cooler. Längst legt die viertgrößte Weinregion der Welt auch bei der Nachhaltigkeit vor. Denn neben Bio- und biodynamischen Weinen spielt in Kalifornien auch der Umgang mit den Menschen eine Rolle. Wie das schmeckt? Wir haben nachgefragt bei einem der besten Sommeliers Deutschlands!

Justin, du bist ein leidenschaftlicher Botschafter für kalifornischen Wein. Was zeichnet die Weine für dich aus?
JUSTIN LEONE: Langlebigkeit, Lebendigkeit, Komplexität. Ich bin immer wieder überrascht, wie frisch und lebendig kalifornischer Wein aus den 50er, 60er und 70er Jahren sein kann – oft deutlich mehr als vergleichbare Bordeaux-Jahrgänge.

Viele sprechen heute vom „neuen Kalifornien“ – was können wir uns darunter vorstellen?
Lange dachte man bei Kalifornien an etwas krass Holziges, Fettes und Alkoholisches. Das liegt daran, dass früher nur das große, kommerzielle Zeug nach Europa importiert wurde. Dieses Bild entspricht aber nicht der Realität. Für mich lässt sich Kalifornien nicht pauschalisieren. Mikroklima und Böden sind wahnsinnig komplex. Du kannst einen Cabernet aus den Mountains nicht mit einem Valley-Cabernet vergleichen, Napa nicht mit Central Coast und schon gar nicht mit Oregon, wo du diese dunkle, Cherry Cola-Stilistik hast, die auch sehr burgundisch sein kann. Die Berge im Napa wie Howell Mountain sind auch kein Wein-Disneyland mehr. Die Winzer dort machen kühle, elegante, fein strukturierte Weine, die für eine lange Lagerung gemacht sind.

Lässt sich ein Stilwandel beobachten?
Klar, es gibt auch in Kalifornien Winzerinnen und Winzer, die eine Revolution angezettelt haben: Raj Parr von Sandhi und Domaine de la Côte. Arnot-Roberts. Oder Marie-Rivers. Das ist die neue Schule. Das ist ganz großes Kino.

“Ich mag die Stilistik der alten Schule. Diamond Creek, Dunn, Heitz.” Mike Krueger

Über die Hälfte der Anbaufläche in Kalifornien ist mittlerweile nachhaltig zertifiziert, viele Winzer:innen arbeiten bio- oder biodynamisch. Wie schmeckt das „neue“ Kalifornien?
Viele Winzerinnen und Winzer fokussieren sich auf eine sehr trinkbare, frische Stilistik. Nicht auf diese breiten, kräftigen Weine von früher. Die Chardonnays von Arnot-Roberts sind schlanker als viele Burgunder, die Pinots von Raj Parr eleganter als viele Deutsche.

Kalifornien hat im Vergleich zu Europa relativ hohe Weinpreise.
Wein ist generell teurer geworden. Kalifornien misst sich einfach an der Konkurrenz und das ist absolut nachvollziehbar. Wenn Château Haut-Brion, für mich eines der besten Weingüter in Bordeaux, 1200 Euro pro Flasche verlangt, warum soll einer der besten Weine aus Kalifornien nicht genauso viel kosten? Warum werden die Burgunder für ihre hohen Preise gefeiert und die Kalifornier angefeindet? Das ergibt keinen Sinn. In Europa müssen wir verstehen, dass die Produktionskosten in den USA höher sind; allein deshalb, weil die Erntehelfer gut bezahlt werden. Was die Trauben kosten, ist absolut krank. Wobei der Preis jetzt wieder fällt. Der rückläufige Konsum der Generation Z hat viel verändert. Keiner ist mehr bereit, absurd hohe Preise zu bezahlen, egal wie gut die Weine sind. Das wird Kalifornien auch noch treffen.

“Die durchschnittliche Qualität ist in Kalifornien deutlich höher als in vielen europäischen Gebieten.” Mike Krueger

Preis-Leistung ist also gerechtfertigt?
Abgesehen von einigen wenigen Bullshit-Angeber-Weinen, ja. Die durchschnittliche Qualität ist in Kalifornien deutlich höher als in vielen europäischen Gebieten. Deshalb kostet der Wein auch mehr. Aber die Kalifornier sind bereit, das zu bezahlen. In den USA werden für eine Flasche Wein durchschnittlich rund 28 Dollar ausgegeben, in Deutschland 3 Euro. Das ist einfach nur peinlich. Die Weinabteilungen in den kalifornischen Supermärkten sind besser, als fast alle Weinläden, die ich in Deutschland kenne. Dort bekommst du auch Sachen wie Jordan, eine Ikone aus Sonoma, um 45 Dollar. Der Wein kann mit den ganz großen Namen in Bordeaux mithalten, die aber oft das Dreifache kosten. Du kannst im Supermarkt La Crema, Sonoma-Cutrer, Chalone oder Ferrari-Carano für unter 30 Dollar kaufen und die sind großartig. Die können auch noch 20 Jahre reifen.

Wie bringt man die Menschen zum kalifornischen Wein?
Eine ganze Flasche zu bestellen ist ein Commitment, das viele Gäste nicht eingehen wollen. Ich habe kalifornische Weine schon im Tantris immer in die Weinbegleitung eingebaut, anders waren sie nur schwer zu verkaufen. Im Sticks & Stones kann ich gar nicht genug davon haben: weil ich alles glasweise anbiete. Ich habe mittlerweile viele Stammgäste, die hauptsächlich Kalifornier trinken.

“Eine ganze Flasche zu bestellen ist ein Commitment, das viele Gäste nicht eingehen wollen. Ich habe kalifornische Weine schon im Tantris immer in die Weinbegleitung eingebaut.” Mike Krueger

Du hast den Übersee-Keller des Tantris damals sogar für Sticks & Stones aufgekauft.
Das stimmt. Weil das neue Team keinen Bezug zu Kalifornien hatte. Das wäre totes Kapital gewesen. Eine Weinkarte muss die Leidenschaft, Philosophie und Erfahrung des Sommeliers widerspiegeln. Wenn europäische Sommeliers die Chance haben, Kalifornien zu bereisen, dann verstehen sie auch, wie geil die Weine sind. Sie müssen eine Beziehung zum Land aufbauen. Zum Glück gibt es Sommeliers wie Julian Schweighart im Guido Al Duomo oder Florian Richter im Kronenschlösschen, die leidenschaftlich gerne kalifornische Weine kaufen und verkaufen. Meine größte Sorge ist allerdings, dass die Gäste aufgrund der aktuellen Weltpolitik sagen: Scheiß auf die USA. Das ist bei meinen Landsleuten in Kanada bereits der Fall. Die Leute lassen die Produkte einfach im Regal stehen. Das ist aber der falsche Weg. Die Winzer können nichts dafür. Wir sollten sie unterstützen, nicht alleine lassen.

Wer sind deine All-Time-Favorites?
Ich mag die Stilistik der alten Schule. Diamond Creek, Dunn, Heitz. Von der neuen Schule: Fisher Vineyards. Das ist mit Abstand eines meiner Lieblingsweingüter. Paul Lato, einer der allerbesten Pinot- und Chardonnay-Produzenten aus dem Central Coast. Rhys aus den Santa Cruz Mountains. Gigantische Pinots und Chardonnays. Man kann kalifornische Weine mögen, aber du kannst ihre Qualität, Power und ihr Potential erst verstehen, wenn du einen gereiften Wein aus einem großen Jahrgang auf der Zunge hattest. Diese Weine sind nicht nur jung, fruchtig und nett – die sind gewaltig.