Cookies Cream, Berlin: Ist der Kochwechsel geglückt?

Unsere Kolumnistin Eva Biringer ist immer auf der Suche nach den kulinarisch spannendsten Plätzen. Alle 4 Wochen schreibt sie darüber auf KALK&KEGEL. Dieses Mal war sie im vegetarischen Sternerestaurant Cookies Cream in Berlin zu Gast, wo seit Mai 2026 ein neues Duo den kulinarischen Ton angibt.
Grüne Sauce, it’s a thing. Eine aus sieben Kräutern bestehende Frankfurter Spezialität, die zu gekochten Eiern und Salzkartoffeln ebenso serviert wird wie zu Tafelspitz. Gleich zwei Mal begegnete mir dieses handfeste Gericht in den letzten Tagen. Einmal beim Telefoninterview mit dem Dreisternekoch Jan Hartwig, als dieser gerade unterwegs war zur Michelinsterneverleihung in, schöner Zufall, Frankfurt am Main. Auf welchen Teller eines Kollegen er gerade am meisten Lust habe, lautete meine Frage, Sven Elverfelds Tafelspitz mit Wachtelei, confierter Kartoffel und grüner Sauce seine Antwort. Das andere Mal in einem Berliner Hinter-Hinterhof gelegenen Ausgehrestaurant. Von allen Tellern holte mich dieser dank geometrischer Schönheit (wenn auch nicht ganz so mondrian-artig wie die Elverfeldversion) und geschmacklicher Balance am meisten ab: Radieschen, roh und mariniert in Paprika und Rosenwasser, in einer aus Kräuterallerlei bestehenden Tofusauce, dazu eine Nocke süßlich-scharfes Dijonsenfeis. Zum Auftunken diente nicht nur das exzellente Sauerteigbrot der Berliner Bäckerei Domberger, sondern auch die lokale Antwort auf Krupuk, umweltfreundlich hergestellt aus Brotresten. Der Titel des Gangs: Abendbrot.

Stimmt, Brot können meine Landsleute, vegetarische Exzellenz aber auch, wie das seit 2018 mit einem Stern ausgezeichnete Cookies Cream einmal mehr bewies. Der von einem blinkenden Kronleuchter erhellte Eingang ist selbst für Einheimische nicht leicht zu finden, nach dem Klingeln passierten wir Garderobe und Bar, wo neuerdings auch das extragroß portionierte Signature Dish inklusive Aperitif serviert wird, dazu später mehr. Den oberen Stock prägen Betonwände, kussmundfarbene Sessel, eine Flughafenszene des Künstlerduos Fischli & Weiss und das vermutlich meistfotografierte Gemälde der Stadt mit dem Schriftzug: ficken. Ein nie das Geschehen übertönender Down-Tempo-Elektro und ein durchweg junges, internationales Serviceteam perfektionierten das Setting.

Zu meiner Berlinbeginnerinnenzeit war im selben Gebäude ein Club untergebracht, geblieben ist das im Untergeschoss liegende Crackers, wo Unkompliziertes wie Eisbergsalat mit Arancini und Spargel-Onsenei serviert wird. Einige Zeit lang kochte dort der aus dem süddeutschen Freiburg stammende Patrick Ziegert. Nach einem Abstecher an den Arlberg, zum Rote Wand Chef’s Table, über den der Deutsche nur lobende Worte findet, ließ er sich wieder von Heinz „Cookie“ Gindullis einstellen, dieses Mal im Cookies Cream. Unterstützung bekommt er vom Head of Culinary Development Viktor Gerhardinger, zuvor Souschef im Wiener Mraz & Sohn. Ziegerts Menü ist ein dezidiert saisonales, bei dem auch Omnivoren auf ihre Kosten kommen; rund die Hälfte der sieben Gänge ist zudem problemlos veganisierbar, so wie die köstliche, zu Beginn gereichte „Butter“ mit Brennnesseln und fermentiertem Spargel. Nicht nur als optisch blass empfand ich hingegen den ersten Kohlrabigang, trotz gut abgeschmeckter Buttermilch-Dillöl-Sauce.

Ähnliche Bedenken hatte ich beim Folgenden, denn mal ehrlich: Spargelsuppe? Ausgerechnet die belegte in meinem Ranking den zweiten Platz. Der Deutschen Lieblingsgemüse aus dem nahegelegenen Beelitz wurde zu einer tiefgründigen Essenz entsaftet, dazu gab es fermentierte Spargelspitzen, süßglasierte Haselnüsse und punktiertes rauchiges Erbsenpüree. Ja, Spargel können meine Landsleute! Die große weite Welt aber auch, wie Ziegerts mit Kakao verfeinertes, in seiner Umamilastigkeit beinahe an Brühwürfel erinnerndes Auberginenfilet bewies, dem er Zwiebelpüree, einen Gelbe-Bete-Chip und eine Art Kürbiskernölmole beiseitestellte, jene aus unzähligen Zutaten bestehende Wundersauce, nach der ich seit meiner Mexikoreise süchtig bin. Lediglich der Zucchinisalat brachte weder texturellen noch geschmacklichen Mehrwert. Ganz im Gegensatz zum begleitenden Proxy, einem mit Lavendel, Blaubeeren, fermentierter Roter Bete und Chili verfeinerten Feral.

Entgegen dem Klischee beschäftigte sich dieses „Clubrestaurant“ schon früh mit alkoholfreien Alternativen, und so war ich nicht überrascht, dass auch bei meinem inzwischen vierten oder fünften Besuch in den Gläsern Spannung herrschte. Etwa die Hälfte war hausgemacht, der mich mit seinen Wintergewürzen an alkoholfreien Glühwein erinnernde, Sencha-basierte Granny-Smith-Apfelsaft mit Granatapfelpüree ebenso wie der Kohlrabi-Pastinaken-Lapsang-Drink, dessen Rauchnoten gekonnt jene der Ofen-Panko-Karotte mit Mangold und Paprika-Karotten-Creme auffingen. Kein Fan war ich vom Tomaten-Fenchelsamen-Paprika-Saft, weil zu gemüsig, meine Begleitung hingegen kürte diesen zu ihrem Favoriten, was einmal mehr beweist, wie unterschiedlich Geschmäcker sind.

Dazu der Hauptgang: frittierter Austernpilz mit Balsamico-pochierten Kartoffelwürfeln und Kartoffel-Safran-Schaum, dessen Herzhaftigkeit von den dazu servierten Roma-Salat-Pilz-Tacos pariert wurde. Satt war ich da längst, konnte mir aber keinesfalls das gegen Aufpreis bestellbare Signature Dish vom Ex-Cookies-Koch Stephan Hentschel entgehen lassen, im Mund zerfallende Parmesanknödel in sicher-nicht-veganer-Buttersauce, behobelt mit schwarzem Sommertrüffel. Allein dafür würde ich mich in die Erdgeschossbar setzen. Perfekt dazu passte der Arensbak Red, eine der wenigen empfehlenswerten Weinalternativen auf dem Markt.

Die Süße des anschließend servierten Kokoswassers mit Himbeerpüree und Sauerkirsche brauchte das Erdbeerdessert mit seinen sauren und zu rohen Rhabarberwürfeln unbedingt und auch die Menge der Macadamia-Mascarpone-Creme war nicht ausreichend, um aus einem Obstsalat einen befriedigenden Abschluss zu machen. Aber, hey, es kam ja noch ein perfekter Schokotrüffel und ein Glas wermutartigem Gnista. Essen ist das neue alte Ausgehen! Als absolut fair empfand ich zudem den Menüpreis von 140 Euro, zumal ich wenig später dasselbe in einem veganen, sternelosen Restaurant hätte bezahlen müssen, dessen Fermentationsmenü meine Begleitung und mich nicht nur hungrig, sondern auch bauchgeschädigt in die Nacht entließ – aber das ist eine andere Geschichte.
COOKIES CREAM
Behrenstraße 55, 10117 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 18:30-23:00 Uhr, Freitag und Samstag 17:00-23:00 Uhr
cookiescream.com
