Fukagawa, Berlin: Ein Abend mit Überlänge und einigen Irritationen

Unsere Kolumnistin Eva Biringer ist immer auf der Suche nach den kulinarisch spannendsten Plätzen. Alle 4 Wochen schreibt sie darüber auf KALK&KEGEL. Dieses Mal war sie im Fukagawa Fine Dining in Berlin zu Gast, wo reichlich Sitzfleisch gefragt war.
„Ich sitz’ schon seit ‘ner Stunde ziemlich dumm/Allein um einen Kneipentisch herum“ – so beginnt der Song „Kreuzberger Nächte“ und beschreibt an diesem Freitagabend meine Stimmung recht genau. Meine Dinnerbegleitung hat sich nämlich beim Treffpunkt geirrt. Während ich einen Artikel über die grotesk vielen, mit dem Rechtsnationalismus sympathisierenden deutschen Jugendlichen lese (rund dreißig Prozent), sitzt sie eine Tür weiter bei Tulus Lotrek. Wobei ich gerne warte, wenn ich es so nett habe wie in diesem mit Orchideengestecken dekorierten, kerzenbeschienenen Souterrainlokal. Vorne befindet sich die Bar, dahinter zwei halb-voneinander-getrennte Räume, was die Akustik, anders als in der im Lied besungenen Kneipe, erträglich macht, auch wenn ich auf die nachdenkliche Hotelkettenlobbyplaylist verzichten könnte.

Im hintersten Raum sind drei von vier Tischen besetzt, einer von einem sich über die Berlinale austauschenden Journalistenduo, einer von einer Foodkritikkollegin, deren auf ihrer Jacke befestigte Paillettensonne mich den ganzen Abend lang anstrahlt, und schließlich ein offenbar fine-dining-firmes älteres Paar, das besser als der Service weiß, wie die Herstellerin der Keramikteller heißt, nämlich Stefanie Hering, nicht Sabine. Dass der freundlich-bemühte Service auch bei anderen Fragen bisweilen ins Schwimmen gerät, stört mich nicht, ebenso wenig wie die zugegeben ungewöhnliche Begrüßung mit Handschlag. Fairerweise muss man sagen, dass es das Fukagawa unter Führung des Chefkochs Leonardo Tsubasa Donati erst seit wenigen Wochen gibt.

Als meine Freundin schließlich eintrifft, geht es gemächlich los mit einem heißen, mit Binchotan-Kohle getunten Bonito-Auszug und einer mit Yuzugel gefüllten Praline, deren Inhalt sich bei einer von uns auf das Tischtuch ergießt (wenn es heißt „in einem Bissen“, beiße ich eigentlich immer ab, in diesem Fall nur nicht, weil meine Freundin die Vorkosterin war). Beides ist köstlich und gibt dem Service zufolge die Linie des Menüs vor: Ramen. Nachvollziehbar, weil es in Berlin bereits zwei weitere Restaurants namens Fukagawa gibt, beide der japanischen Nudelsuppe verpflichtet, beide hochgelobt. Nummer drei widmet sich nun also dem Fine-Dining, in Form eines epischen Neun-Gänge-Menüs, das wir keckerweise noch um zwei Extrateller erweitern.

Die folgen dann auch direkt nach einer weiteren Runde Snacks (Tsukemono genanntes, eingelegtes Mini-Gemüse und hausgebackenes Baguette und Milchbrötchen mit Koji-Butter), was von der Reihenfolge her keinen Sinn ergibt, nicht zuletzt, weil dadurch die Getränkebegleitung erst nach beinahe einer Stunde Tischzeit startet. Das erste Add-on sind zwei Scheiben Hamachi mit Limettencreme und sonnenuntergangsfarbener Sardinenreduktion, dazu ein Mini-Cornet, gefüllt mit Hamachi-Tatar und einer Creme aus Natto, jenem fädenziehenden Sojabohnengatsch, den man entweder liebt oder hasst, wobei das eigentlich ultraintensive Aroma hier komplett untergeht. Die Fischqualität ist, wie im ganzen Menü, solide, aber nicht herausragend, die Kombination insgesamt nichts, woran ich mich am nächsten Tag erinnern werde.

Vom zweiten Extragang, dem einzigen, bei dem das behauptete Ramenmotto klar erkennbar ist, wird mir zunächst die vegetarische Version serviert, und bei aller Liebe, diese „Kaviar des Feldes“ genannten Sommerzypressensamen sind nun wirklich keine ebenbürtige Alternative. Also noch mal von vorn: eine kleine Portion bissfeste Ramen-Nudeln in Pilz-Dashi mit einer okay-großen Portion echtem Kaviar. Das macht trotz seiner grenzwertigen Salzigkeit Spaß, ist aber mit fünfundvierzig Euro auch sehr selbstbewusst bepreist. Für die übrigen neun Gänge werden rund hundertsechzig Euro fällig, achtzig weitere für die Teebegleitung.

Gegen das tollkühne Ramenaroma können die mit Karottensauce, Eiskrautsalat und Sakura-Vinaigrette kombinierten Schwarzwurzeln nur verlieren – wobei es sich möglicherweise um ein Versehen handelt, dass uns die Extragänge zuerst serviert werden –, dazu gibt es einen in der Puppenstubentasse servierten, erdigen Pu-Erh-Tee. Es folgt ein zwölf Tage beschatteter Sencha, eine gute Wahl zu den Jakobsmuscheln mit Kerbel und Shiso-Vinaigrette, von denen vor allem der mollig-warme Geschmack des schwarzen Knoblauchs auf der Zunge bleibt. Auf den Blauflossenthunfischgang war ich besonders gespannt: dreierlei Filets, vom Rücken und Bauch, dazu eine Creme aus Aubergine und Ingwer. Überraschenderweise gewinnt nicht das normalerweise besonders edle, hier jedoch grob-sehnige Otoro-Stück, sondern der gehackte Chutoro vom Mittelbauch. In der Puppenstubentasse befindet sich derweil Hojicha, ein gerösteter Grüntee, der bei vielen als der neue Matcha gilt.

Meine Freundin, ihres Zeichens vollzeitarbeitende Mutter, zeigt erste Ermüdungserscheinungen, woraufhin ich sie behutsam hinweise, dass wir noch mindestens vier Gänge vor uns haben, woraufhin sie erst mal eine rauchen geht. Derweil denke ich über das Ramenmotiv nach und stelle fest, dass es keines gibt. Löblich ist hingegen, dass das vegetarische Menü, von dem ich als Pescetarierin einen guten Eindruck habe, ein komplett eigenständiges ist, also nicht einfach, wie vielerorts üblich, Fleischgänge vegetarisiert werden.

Für meine Freundin gibt es als Nächstes Wachtel, für mich Gyoza mit Sencha-Sauce und einem köstlichen Chip, der sich auf Nachfrage als „Stärke mit Wasser“ herausstellt. Leider fällt der Hauptgang aus persönlichen Geschmacksgründen bei mir komplett durch: dreierlei Rote Bete, einmal trockengereift, einmal als Püree, einmal als Reduktion, dazu erneut der nach Verzicht schmeckende „Kaviar des Feldes“. Auch wenn man, wie meine Freundin, Rote Bete liebt, bleibt zu kritisieren, dass hier mindestens eine weitere Komponente fehlt. Immerhin gefällt der Sencha, dieses Mal in einer nicht-beschatteten Variante.

Bevor meiner Freundin endgültig die Augen zufallen, folgt der Zuckerschub. Zunächst eine Crème Brûlée, die dank Chili und Togarashi-Gewürzmischung aufregend anders schmeckt, dann eine Art Sake-Eis mit schwarzem Sesam, Mangocremeux und Passionsfruchtgelée, ein aufwendiger, optisch gelungener Teller, dessen einzelne Komponenten allerdings nicht wirklich zueinander finden, zumal das Sake-Eis für mich als Abstinenzlerin zu alkoholisch ist. Bei den Petit fours – Vanillecreme-Eclair, Brownie und zweierlei Miso-Pralinen, wobei die dunkle Variante klar gewinnt – hat meine Freundin schon die Uber-App geöffnet, es ist nämlich bereits Mitternacht. Fünf Stunden sind schon eine Ansage – und ich weiß jetzt endlich, von wem das Lied „Kreuzberger Nächte sind lang“ stammt, einer Band mit dem kuriosen Namen Gebrüder Blattschuss.
FUKAGAWA FINE DINING
Fichtestraße 31, 10967 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag-Samstag, 17:00-23:00 Uhr
fukagawa-finedining.de
instagram.com/fukagawaberlin
