Horváth, Berlin: Kein physisches Stück Fleisch, aber nackte Frauen auf dem Teller

Unsere Kolumnistin Eva Biringer ist immer auf der Suche nach den kulinarisch spannendsten Plätzen. Alle 2 Wochen schreibt sie darüber auf KALK&KEGEL. Dieses Mal war sie im Horváth in Berlin zu Gast - zutiefst beeindruckt vom noch konsequenter verfolgten tierfreien Fokus, aber auch zwiegespalten ob der nackten "Marianne".
Nackte Frauen auf Tellern finde ich an den allermeisten Orten inakzeptabel. Da hilft auch das Attribut Kunst nichts: Ich denke an Édouard Manets Gemälde „Das Frühstück im Grünen“, wo eine Entblößte zwei vollkommen Bekleideten gegenübersitzt, oder das japanische nyotaimori, wo Brüste als Servierplatten dienen. Sebastian Frank jedoch lasse ich das durchgehen, weil er die Sache mit Humor und Kontext angeht. Seine auf einem pompösen, selbstentworfenen Teller platzierte „Marianne“ besteht aus einer natürlich-süßlichen Pastinakencreme mit einem Überzug aus weißer Schokolade. Als Badesatz dient ein Sud aus Kirschblüten, Essig, Vanille und Zitrone. Zuckersüß ist diese Nackerte nicht, eher herb und komplex, mit koketten Säurespitzen. Der Humor: Neben das Hauptdessert hat der Service eine Mängelexemplarausgabe von „Geschichten aus dem Wienerwald“ gelegt, zusammen mit der Info, dessen Hauptprotagonistin stehe für Emanzipation.

Der Kontext: Deren Erfinder Ödon von Horváth ist Namensgeber des kleindimensionierten, vor einigen Jahren aufwendig sanierten Restaurants am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer. Bis 2021 ähnelte das Horváth mit seinem Holz-in-Holz-Look einem gehobenen Wirtshaus. Nun ist die scheinbar ausnahmslos von Mitarbeitenden unter dreißig bevölkerte Küche verglast, ebenso die Waschräume, der Gastraum wirkt klar und modern. Viel Aufhebens wurde um die Freilegung eines Wandgemäldes des Künstlers Jim Avignon gemacht, der meiner Meinung nach zurecht nicht in den Kunstgeschichtskanon einging, aber wer wäre ich, über den Geschmack anderer Leute zu urteilen?

Seit 2010 steht im Horváth ein Niederösterreicher am Herd. Zum ersten Mal begegnete ich Sebastian Frank auf einem weinseligen Pressetrip nach Kroatien, später hatte ich das Glück, mehrfach bei ihm essen zu gehen. Immer war ich begeistert von der klaren Formsprache, den wohldosierten Austriazismen, bei aller gebotenen Leckerheit (wer in meiner Wahlheimat lecker sagt, hat angeblich die Kontrolle über seinen Geschmackssinn verloren). Was mich ebenfalls beeindruckt, ist der bei jedem Besuch noch konsequenter verfolgte tierfreie Fokus. Zu achtundneunzig Prozent, so Franks Arbeits- und Lebensgefährtin Jeannine Kessler, sei das Menü vegetarisch. Als Grund nennt sie Sebastians privaten Permakulturgarten und dass sich die gemeinsame Tochter vegetarisch ernähre.

Seit 2001 lag im Horváth kein physisches Stück Fleisch mehr auf dem Teller – und das, obwohl der Koch aus dem „Land der Oberfleischfresser“ stammt (O-Ton Lucas Huemer, Koch der österreichischen Botschaft Berlin). Kessler ist übrigens nicht nur Geschäftsführerin, sondern auch eine hinreißende Gastgeberin, klug, informiert und in den richtigen Momenten ins Plaudern verfallend. Unterstützt wird sie vom gleichwohl charmanten Benjamin Roesch, der mir nicht zuletzt in Form eines geliehenen Fotokabels den Abend rettet.

Für meine Begleitung ist die Sache in dem Moment geritzt, als die nicht auf der Onlinekarte vermerkte Pilzpastete serviert wird, ein Signature, das es während der Coronapandemie sogar im Außerhausverkauf gab. Noch immer gehen die erdigen Kräuterseitlingaromen eine perfekte Liaison mit Madeira und Göller‘schem Apfelessig ein, zum Aufdippen dient ein ofenwarmer Butterstriezel mit Marillenkernbutter. Prater-Vibes sendet der Mini-Langos, Selbstdisziplin erfordern das Roggenbrot mit gesalzener Butter sowie der ebenfalls als Aufstrich gedachte Kartoffelstampf mit gerösteten Kartoffelschalen.

Dazu schenkt Noma-Abkömmling Miko Klages eine zu säurelastige Spontaneigenkreation aus Sauvignon-Blanc-Verjus und Wermutkraut ein, der einzige Fehlton in einer sonst starken alkoholfreien Selektion. Kurz darauf habe ich einen Tomatenwasserauszug mit einem Schaum aus Malzbier und Zitronensaft im Mark-Thomas-Glas, dann mit Kapuzinerkresse versetzten Zwetschgensaft, beides aufregend und den Tellern gekonnt Paroli-bietend.

Überraschender Lieblingsgang: eine rohe Ochsenherztomate vom südlich von Berlin gärtnernden Brudertrio Girrbach – die Sorte heißt ernsthaft German Gold –, angerichtet wie eine Tarte, mit einer geleeartigen Röstgemüsefüllung und Punkten von Tagetesgelee auf dem Rand. Schmeckt zimtig-muskatig und wie jene zur Adventszeit verkauften Dominosteine, mit einer unglaublich dichten Textur, Weltklasse.

Der mit pannonischen Aromen, Maisreduktion und gerösteter Gerste verfeinerte Eierstich lässt sich wohlig-leicht weglöffeln, während der anschließende Pilzgang die volle Konzentration erfordert. In Mandelöl gedämpfte, fleißarbeitsfein geschnittene Champignons, dazu glasige Zwiebeln, ein mit Mandelöl angereicherter Weißweinfond und eine Knoblauch-Gurken-Emulsion. Das Vorbild eines vegetarischen Muschelsuds ist gelungen, ebenso die flüssige Kombination mit oxidiertem Apfelsaft, gerösteter Hefe und Liebstöckel.

Gemüse über Nacht im Ofen vergessen, Signature erfunden, so die Kurzform des im Teigmantel gereiften Selleries, der im Horváth seit 2015, also dem Jahr, als der zweite Michelinstern kam, das Menü bereichert. Die zu Anschauungszwecken auf dem Tisch platzierte Knolle riecht nach Maggi, ein weiteres Exemplar wird über ein Potpourri aus gedämpften Selleriescheiben, gerösteter Selleriesaat sowie Püree, Béchamel und Sauce aus, richtig geraten, Sellerie gehobelt. Die Wiederholung im Hauptgang – eine Art Sellerieschnitzel mit Kürbismarzipanpüree, Spinat und Sliwowitz-Sauce – sei angesichts des folgenden Pre-Desserts verziehen.

„Mousse no chocolat“ nennt der zuvor im Dreisterner Le Coquillage tätige Souschef Paul Jahn seine Kreation. Dazu mixt er geröstete Steinpilze, belegt sie mit Steinpilzchips, pochierten Birnen und frischem Estragon, gibt ein Mohnpesto dazu sowie eine Nocke Estragoneis. Voilà, Schoko ohne Schoko, überraschend und doch intuitiv köstlich. Statt eines Süßweins reicht Klages dazu einen Mirabellen-Pflaumen-Saft mit Lakritz und Fenchelöl, der zum Glück kein bisschen nach Lakritz schmeckt, und in der Summe ein zwei-, wenn nicht drei-Sterne-Dessert ergibt.

Im Vergleich dazu ist die folgende Pastinakenfigurine doch eher hübsch anzusehen. Noch immer liegt das leicht zerfledderte „Geschichten aus dem Wiener Wald“ auf dem Tisch. Kurzer Lektürecheck: Die arme Marianne muss sich als Nackttänzerin verdingen, entgeht immerhin dem Schicksal als Prostituierte, bevor sie von einem Metzger weggeheiratet wird. Dazu passt dann jene Schweineblutpraline, die das Horváth als Petit Four serviert.
Horváth on Tour – Wien Edition
Von 21. Januar bis 1. Februar 2026 gastiert das Horváth im Wiener Herzig. Montag ist Ruhetag, dafür gibt es an den Samstagen und Sonntagen einen zusätzlichen Mittagsservice. Reservierungen sind bereits möglich.
Dinner
Mi / 21.01.2026 – Mo / 26.01.2026
Mi / 28.01.2026 – Sa / 01.02.2026
Lunch
Sa / 24.01.2026 & So / 25.01.2026
Sa / 31.01.2026 & So /01.02.2025
Adresse
Restaurant Herzig, Schanzstraße 14, 1150 Wien, Österreich
Menü 7 Gänge // 230 €
Weinbegleitung 7 Gläser // 150 €
Alkoholfreie Begleitung 7 Gläser // 110 €
Signature Gerichte können zusätzlich zum Menü bestellt werden.
Amuse Bouche, Petit Four & Wasser sind im Menüpreis inbegriffen
restaurant-horvath.de
instagram.com/restauranthorvathberlin
