Saahs: Mein Plädoyer für Reife

Saahs: Mein Plädoyer für Reife

Die „Jungweinwelle“ ist inhaltlich ein alter Hut, hat sich in den Köpfen der Gäste aber gut festgesetzt. Was es braucht, um reifen Weißweinen eine Bühne zu geben.

Es ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält: „Weißwein hat – anders als Rotwein – weniger Lagerpotential und sollte jung getrunken werden.“ Was wir in diesem Fall entgegnen? Dass sich die Zeiten längst geändert haben. Man muss nur ein wenig über den Tellerrand (des deutschsprachigen Raumes) blicken und findet immer mehr Weine, die entweder ohne Jahrgang oder eben etwas reifer angeboten werden. 

Bei uns am Nikolaihof war es schon immer üblich, Weine im Holz oder auf der Flasche reifen zu lassen und erst später auf den Markt zu bringen. Wenn wir heute mit unseren Kunden kosten, herrscht aber nach wie vor oft Erstaunen darüber, wie reiferer Wein schmeckt – schließlich gibt es ja immer ein „bekanntes Geschmacksbild“ oder eine gewisse Erwartung in Bezug auf den Geschmack eines Weines. Und da Reife nun mal Geruch und Geschmack beeinflusst, entspricht der Wein dahingehend eben oft nicht dem „bekannten“ Bild beispielsweise eines Grünen Veltliners oder eines Rieslings. Doch wir nehmen durchaus eine gewisse Offenheit wahr. Höchste Zeit also, reiferen Weißweinen eine Bühne zu geben.

Reife als Bildungsauftrag

Das wichtigste Rüstzeug dafür ist Wissen. Um die Qualität und das Potential eines reifen Weines besser einschätzen und ihn dem Gast ausreichend sicher empfehlen zu können, braucht es aus unserer Sicht die Auseinandersetzung mit dem Winzer und dessen Philosophie bzw. Herangehensweise. Wie sieht und bewirtschaftet er seine Weingärten? Was ist ihm dabei wichtig, wo setzt man Prioritäten? Wie lautet das Credo im Keller? All dies sind Faktoren, die neben dem „Jahrgang“ selbst (Wie war das Weinjahr generell, sprich Klima- und Wetterereignisse und daraus Resultierendes?) einen Einfluss auf die Qualität und somit auf das (Lager)Potential eines Weines haben. Sich dieses Wissen anzueignen, bedeutet viel (Recherche)Arbeit, keine Frage. 

In gewisser Weise haben wir gegenüber unseren Kunden und Gästen aber einen Bildungsauftrag. Dazu gehört auch, sie immer wieder aufs Neue zu überraschen. Warum nicht zur Abwechslung mit einem 10 Jahre in der Flasche gereiften Hefeabzug? Wein ist – im besten Fall – ein lebendiges Medium, das sich mit der Zeit entwickelt. Darum sollte er auch die Chance bekommen zu zeigen, was in ihm steckt.

*Aufgezeichnet von unserer Autorin Sonja Planeta