MGM: In der Gastro braucht es mehr Gemeinschaft, weniger Konkurrenz

In München formiert sich eine neue, starke Kraft für mehr Sichtbarkeit der Frauen in der Gastronomie. Münchner Gastro Mädels

Das Kollektiv "Münchner Gastro Mädels" lässt mit Forderungen für mehr Sichtbarkeit und Unterstützung für Frauen in der Branche aufhorchen. Doch wer steckt dahinter und was sind die Ziele? KALK&KEGEL hat nachgefragt.

In der Gastronomie fehlen die Frauen. Oder sie sind da, aber nicht sichtbar. Woran liegt das?
DÓRA BANKÓ: So hart es klingt, aber es ist nicht leicht eine Frau zu sein – und noch schwieriger ist es, in der Gastro eine Frau in Führungsposition zu sein, vor allem wenn man sich selbst nicht verlieren will. Meinungen und Ideen von Frauen werden oft nicht gehört oder ernst genommen, und im schlimmsten Fall werden sie von Männern aufgegriffen und als Eigenleistung ausgegeben. Wie reagiert man darauf, ohne als “schwierig” abgestempelt zu werden? Es ist ein ständiger Machtkampf.

KATHARINA MOTZEK: Es gehört zu unserem Alltag, dass wir uns viel mehr beweisen müssen. Das liegt daran, dass Männer ihr Selbstbewusstsein stärker nach außen kehren. Wir Frauen sind auch selbstbewusst, aber bedachter in unseren Aussagen und Forderungen und strebsam, ohne dieses Macho-Gehabe. Unsere Selbsteinschätzung ist wesentlich realistischer. Was wir lernen müssen, ist Selbstvertrauen, sodass wir unser Selbstbewusstsein besser zum Ausdruck bringen können.

Dóra Bankó: “Dieses klassische “Mann gegen Frau” und “Küche gegen Service” muss unbedingt aufhören. Wir sind eine Einheit und unsere gemeinsame Aufgabe ist es, den Gast glücklich zu machen.” Münchner Gastro Mädels

Ist dieses “sich beweisen müssen” ein internes Thema gegenüber Vorgesetzten und Kollegen oder betrifft das auch den Gast?
KATHARINA MOTZEK: Ich hatte erst diese Woche wieder die Situation im Restaurant, dass ein Herr zu mir gesagt hat, er möchte gerne den Sommelier sprechen. Ich habe ihm dann meine noch jüngere Kollegin geschickt.

Kurz weg- und wieder hindrehen.
KATHARINA MOTZEK: Auch das haben wir alle schon gemacht. Aber so etwas passiert. Es ist unser Alltag. Es fehlt die Sichtbarkeit für das, was wir tagtäglich leisten. Oft werden wir gefragt, was wir sonst noch so machen oder was wir studieren: “Wie, nur Gastronomie?” Ja, nur Gastronomie. Das ist unsere Liebe und Leidenschaft. Darum ist es wichtig zu wissen, dass man damit nicht alleine ist und es die Möglichkeit gibt, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken. Damit man beim nächsten Mal besser mit solchen Situationen umgehen kann.

Eine Weinreise in die Champagne gab den entscheidenden Anstoß für MGM. Mittlerweile umfasst das Kollektiv 35 Frauen. Münchner Gastro Mädels

Wie habt ihr als Gruppe zusammengefunden?
DÓRA BANKÓ: Den Wunsch nach einem Gastro-Netzwerk in München hatten meine Freundin und Kollegin Bernadette Abel und ich schon 2021 während unserer gemeinsamen Zeit im Käfer-Restaurant Green Beetle. Wir waren oft auf Weinverkostungen und bei Veranstaltungen, bei denen wir Gleichgesinnte getroffen haben, aber es war nie wirklich Zeit, sich auszutauschen. Im November 2024 organisierte Vinaturel eine Weinreise in die Champagne für insgesamt neun Personen, davon fünf Frauen. Wir kannten einander nur flüchtig oder gar nicht. Aber während dieser Reise haben wir uns getraut, Fragen zu stellen, die wir Männern vermutlich nicht gestellt hätten. Ich persönlich muss dazu sagen, dass ich ursprünglich absagen wollte, weil ich von der Fachkompetenz der anderen eingeschüchtert war. Aber es hat sich herausgestellt, dass jede von uns Fragen und Unsicherheiten hat und wir einen Safe Space brauchen, in dem wir auf Augenhöhe über unsere Probleme sprechen können; ohne Selbstdarstellung, ohne Vergleiche, ohne Macho-Getue wie “heul nicht rum” oder “da muss man eben durch”. Sondern mit einer unterstützenden Atmosphäre, in der auch Fragen wie “ist das normal” oder “muss ich das mitmachen” gestellt werden können, ohne dass man verurteilt wird.

Katharina Motzek: “Es fehlt die Sichtbarkeit für das, was wir tagtäglich leisten. Oft werden wir gefragt, was wir sonst noch so machen oder was wir studieren: Wie, nur Gastronomie?” Münchner Gastro Mädels

KATHARINA MOTZEK: Wir haben uns zuerst gegenseitig in den Restaurants besucht, um zu schauen, wer wo wie was macht: Tische, Gläser, Servietten, Weinkarte, Kalkulation, Reservierungssysteme, Abrufsystem mit der Küche – all das. Dann haben wir angefangen, in unserem Umfeld darüber zu sprechen. Mittlerweile sind wir 35 Frauen.

JANA LUZ: Wir haben eine WhatsApp-Gruppe für den schnellen Informationsaustausch; unsere Schwarmintelligenz. Wenn jemand Unterstützung braucht im Service oder Mitarbeiter:innen für ein Catering sucht, schreibt sie es in die Gruppe – mindestens eine von uns kann immer aushelfen. Oder wenn Fragen zu bestimmten Situationen auftauchen, wie “Was tun, wenn dem Gast die bestellte Flasche nicht schmeckt?” oder “Ist alkoholfreier Wein für Kinder geeignet?”. Wir organisieren gemeinsam Veranstaltungen, Reisen, vereinbaren Treffen, um uns Neueröffnungen anzuschauen, oder schicken uns gegenseitig Gäste, wenn wir selber ausreserviert sind.

Jeden dritten Sonntag im Monat gibt es einen MGM Stammtisch: “Wir bringen Menschen zusammen. Es entstehen Freundschaften. Wir sind stark und machen einander noch stärker.” Münchner Gastro Mädels

Um auf die fehlende Sichtbarkeit zurückzukommen: Was braucht es, um die Wahrnehmung zu ändern?
KATHARINA MOTZEK: Wir müssen lauter werden; das Schweigen brechen und mit unseren Themen an die Öffentlichkeit gehen. Nicht nur untereinander jammern, sondern wirklich versuchen, Dinge in der Gastronomie zu bewegen und zu verändern.

DÓRA BANKÓ: Zum Beispiel das Thema Lohnstandards. Warum reden wir nicht offen darüber, wer welches Gehalt für wie viele Wochenstunden bekommt? Und wie das mit Urlaubsanträgen und Krankenstand läuft? Jeder kämpft für sich, anstatt sich zu vernetzen. Wir brauchen eine starke Gewerkschaft, die uns unterstützt und in arbeitnehmerrechtlichen Fragen berät. Es braucht Netzwerke, es braucht Austausch, Podcasts – einfach mehr Präsenz. Und das nicht nur für uns Frauen. Es gibt tatsächlich viele Männer, die gut finden, was wir mit MGM geschaffen haben, und am liebsten gleich dazugehören möchten, weil dieser Austausch auf Augenhöhe in der Branche schlichtweg fehlt.

Jana Lutz: “Wir lieben und leben diese Branche und wollen das gemeinsam feiern, uns gegenseitig empowern, das Selbstbewusstsein stärken und unser Wissen weitergeben.” Münchner Gastro Mädels

Würde das die Branche auch für den Nachwuchs wieder attraktiver machen
KATHARINA MOTZEK: Die Gastro ist eine anstrengende Branche, darüber brauchen wir nicht reden. Aber sie so zu gestalten, dass sie für Menschen, die frisch in die Gastronomie kommen, attraktiv ist, davon sind wir weit entfernt. Es fehlt an Informationen und Einblicken: Wie ist es wirklich in der Gastro, was passiert da? Wir waren in der Berufsschule in Frankfurt, haben Vorträge für die Abschlussklasse gehalten und vom Gastro-Alltag erzählt. Der Besuch war ziemlich ernüchternd. Auf die Frage, warum sie die Ausbildung machen, haben nur drei von 25 Schüler:innen geantwortet, dass sie es aus Leidenschaft machen. Aber dieses Problem hat die Branche seit Jahren.

DÓRA BANKÓ: Wir machen das alle, weil wir richtig Bock draufhaben. Aber man muss Grundlagen schaffen und sich gewerkschaftlich organisieren, um gewisse Missstände sinnvoll lösen zu können. Die Branche muss lukrativ werden. Als 30-jährige Frau in der Gastro kann ich bereits 20 Mitarbeitende haben, verdiene aber nur einen Bruchteil von dem, was ich in einem mittelständischen Unternehmen bekommen würde. Es braucht bessere Löhne, mehr Wertschätzung, mehr Entwicklungsmöglichkeiten, mehr Motivation, mehr “Mentor-Systeme”, mehr Verständnis für einander. Dieses klassische “Mann gegen Frau” und “Küche gegen Service” muss unbedingt aufhören. Wir sind eine Einheit und unsere gemeinsame Aufgabe ist es, den Gast glücklich zu machen. Das schaffen wir nur gemeinsam. Und ja, MGM ist ein weibliches Kollektiv, weil wir irgendwo anfangen müssen, eine Basis zu schaffen. Dafür brauchen wir einen vertrauten Kreis. Und was wir in diesem Kreis lernen, geben wir nach außen an alle weiter, egal ob Mann oder Frau.

Das Ziel von MGM ist es, Frauen aktiv zu unterstützen und den Austausch und die Kommunikation zu fördern. Münchner Gastro Mädels

Wie wollt ihr als Kollektiv zu Problemlösungen beitragen?
JANA LUZ: Die Gastro ist noch immer eine männerdominierte Branche. Als Frau hat man aber teilweise andere Probleme als Männer: Wie komme ich nachts sicher nach Hause? Wie gehe ich mit betrunkenen Männern um? Was, wenn ich nachts alleine den Laden zusperren muss? Wir wollen Sichtbarkeit und Unterstützung für Frauen in der Gastronomie bieten. Wir lieben und leben diese Branche und wollen das gemeinsam feiern, uns gegenseitig empowern, das Selbstbewusstsein stärken und unser Wissen weitergeben.

KATHARINA MOTZEK: Uns geht es darum, aktiv zu unterstützen und den Austausch und die Kommunikation zu fördern. Wir haben – leider – langjährige Erfahrung im Umgang mit Sexismus, Übergriffigkeit und Respektlosigkeit durch männliche Kollegen, Vorgesetzte und Gäste, aber auch mit stutenbissigen Kolleginnen. Diese Erfahrungen wollen wir mit jüngeren und unerfahrenen Kolleginnen teilen und durch Workshops konkrete Hilfestellungen geben. Für mehr Gemeinschaft und weniger Konkurrenz.

DÓRA BANKÓ: Wir wollen uns auch im Bereich Personalführung einsetzen und vernetzen: Vieles in der Gastro ist “learning by doing”, Personalführung können die wenigsten. Oft sind es die besten Köche oder Sommeliers, die Restaurants eröffnen, und nicht die besten Führungskräfte. Wir wollen aber lernen, doch dazu fehlt es an Informationen und Schulungen. Es ist eine Hardcore-Aufgabe, jemanden zu führen. Viele tun es ohne Qualifikationen. Mit einer einfühlsamen und engagierten Personalführung wäre es auch durchaus möglich, Frauen nicht mehr an andere Branchen zu verlieren – vor allem jene, die nach ihrer Elternzeit wieder in die Gastro zurückkehren wollen. Mütter haben es oft nicht leicht, wenn dieser Wiedereinstieg mit zeitlichen Einschränkungen einhergeht.

Dóra Bankó: “In unserer “Bubble” existiert kein Konkurrenzkampf, sondern ausschließlich Unterstützung, und das in allen Lebenslagen.” Münchner Gastro Mädels

Nehmt ihr noch weitere Frauen auf?
DÓRA BANKÓ: Das Kollektiv wächst kontinuierlich und grundsätzlich kann jede Frau aus der Branche dazukommen, die das Gefühl hat, alleine zu sein. Jeden dritten Sonntag im Monat treffen wir uns zum Stammtisch, der auch zum Kennenlernen dient. Wir reden bei diesen Treffen aber nicht nur über die Gastro, sondern bringen Menschen zusammen. Es entstehen Freundschaften. Wir sind stark und machen einander noch stärker. Wir suchen und finden Lösungen, wie wir unseren Beruf in Zukunft gemeinsam schöner gestalten können. In unserer “Bubble” existiert kein Konkurrenzkampf, sondern ausschließlich Unterstützung, und das in allen Lebenslagen. Wir haben einander bereits durch Arbeitslosigkeit, Trennungen, aber auch bei neuen Geschäftsideen begleitet. Der Plan ist, in Zukunft ein eingetragener Verein zu sein.

Wenn ihr die angesprochenen Probleme priorisieren müsstet, welches müsste an erster Stelle gelöst werden?
KATHARINA MOTZEK: Die Sache mit dem Selbstbewusstsein. Wir sind alle selbstbewusst, wir müssen nur noch lernen, wie man es nach außen lebt und vermittelt. Weil das im Umkehrschluss eine Lösung für viele andere Probleme ist, die damit einhergehen.

DÓRA BANKÓ: Das sehe ich genauso. Ein selbstbewusstes und selbstsicheres Auftreten würde viel mit uns selbst machen, aber auch eine große Wirkung auf andere haben. Und für mehr Verständnis sorgen: Was macht eine Frau aus, wo liegen die Unterschiede in Bezug auf einen männlichen Angestellten und ganz wichtig: wo dürfen keine Unterschiede mehr gemacht werden?

MGM: “Wir suchen und finden Lösungen, wie wir unseren Beruf in Zukunft gemeinsam schöner gestalten können.” Münchner Gastro Mädels

MÜNCHNER GASTRO MÄDELS
Das Netzwerk für Gastronominnen

Ein Auszug aktueller Mitglieder:

  • Sophie Riepenau (Bayern-Vertrieb Vinaturel)
  • Verena Ziesel (eigenes Restaurant, Gasthaus Schauer, Possenhofen)
  • Alena Büker (zuletzt im Komu**)
  • Katharina Motzek (zuletzt Serviceleiterin Pop-up Schloss Deidesheim, aktives Mitglied bei Proudtokellner)
  • Bernadette Abel (zuletzt Restaurantleiterin Sparkling Bistro*)
  • Dóra Bankó (zuletzt Restaurantleiterin June*, Chiemsee)
  • Lena Angerer (Vertrieb Weinfurore)
  • Jana Luz (Restaurantleiterin Malva)
  • Veronika Wollandt (Vertrieb Die Weinleserin)
  • Claudia Mikschowsky (Restaurantleiterin MIND*, Markt Indersdorf)
  • Anneke Schäl (Guest Relations Manager DO & CO)

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