Petra und Oliver Lucas: Sie haben uns gefragt, ob wir verrückt sind

In Wien führten sie sehr erfolgreich das Spitzenrestaurant „grace“. Um ihren Lebenstraum zu erfüllen, sind sie nun aber in die Südsteiermark gezogen, um dort eine „Frühstückspension“ zu eröffnen. Aber natürlich nicht irgendeine. Wir waren dort.
Inmitten der sanften Hügel der Südsteiermark, wo die Weinreben in der Sonne glänzen und die Luft von frischen Kräutern erfüllt ist, steht ein Gebäude mit einer bewegten Vergangenheit. Hier haben sich die beiden Spitzengastronomen Petra und Oliver Lucas niedergelassen. Die ehemalige Volksschule, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde, erlebte nach dem Krieg einen Wiederaufbau, der nicht nur die Mauern, sondern auch die Gemeinschaft stärkte. Heute, nach Jahren des Stillstands, erstrahlt das Haus als exklusives Erholungsrefugium – „The Old School Guesthouse“ – unter der liebevollen Obhut von Petra und Oliver Lucas.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1947, als die lokale Gemeinschaft beschloss, ihre zerstörte Schule wieder aufzubauen. Mit unermüdlichem Einsatz und einem starken Gemeinschaftsgeist wurde das Gebäude 1949 wiedereröffnet und diente bis zur Schließung im Jahr 2012 den Kindern aus den umliegenden Bauernhöfen.Petra und Oliver kauften das historische Gebäude und verwandelten es in ein einladendes Refugium für Reisende. „Hier sind Sie wirklich ein Gast in unserem Zuhause“, betont Petra. Gemeinsam mit ihrem adoptieren Dackel Frank leben sie unter einem Dach mit ihren Gästen und schaffen so eine familiäre Atmosphäre.
Das Frühstück im „The Old School“ ist kein gewöhnliches Buffet. Stattdessen zelebriert Oliver, der lange als Sous-Chef im Steirereck tätig war, ehe er mit Petra das Lokal „grace“ in Wien eröffnete, jeden Morgen ein mehrgängiges Festmahl, das frisch in der offenen Küche zubereitet wird. „Wir möchten unseren Gästen nicht nur Nahrung bieten, sondern ein Erlebnis“, erklärt Oliver. An bestimmten Abenden können Gäste ein dreigängiges Abendessen genießen – eine kulinarische Reise durch die Aromen der Region.

Der Wintergarten bietet atemberaubende Ausblicke auf die Gärten und die hügelige Landschaft – ideal für ein gemütliches Frühstück oder intime Abendessen. Die offene Küche fungiert als Herzstück des Hauses, wo sich Gäste versammeln können, um zu plaudern und gemeinsam Zeit zu verbringen.
Die Lounge im ersten Stock vereint modernes Design mit Gemütlichkeit und lädt dazu ein, sich zurückzulehnen oder mit einem Buch zu entspannen. Die nach Süden ausgerichteten Gärten bieten charmante Plätze zum Verweilen und Genießen der steirischen Sonne. Petra und Oliver lernten sich 2006 in London kennen, wo sie beide im Four Seasons Hotel arbeiteten. Nach Stationen in Wien verwirklichten sie 2016 ihren Traum mit dem Bistro „grace“. Der Ruf von Petras Heimat führte sie schließlich zurück in die malerische Landschaft der Südsteiermark, wo jetzt mit ihrem Herzensprojekt „The Old School“ starteten.

Das Guesthouse ist unser Lebenstraum
Wie habt Ihr diese einzigartige Liegenschaft gefunden?
Petra: Ich bin aus der Gegend und meine Mutter hat uns immer informiert, wenn es etwas zu kaufen gab. Wir haben zu dieser Zeit in Wien eine Wohnung gesucht und das war nicht ganz so einfach und auch ziemlich kostspielig. Als wir das Haus angeschaut haben, waren wir mehr als beeindruckt. Die großen Räumlichkeiten mit den hohen Decken, die Klassenzimmer, die noch voll ausgestattet waren – das war wirklich traumhaft. Und mit den 600 Quadratmetern Fläche auch verhältnismäßig ein Schnäppchen zu den Immobilien in Wien.
Das war im Jahr 2014 – warum seid ihr nicht sofort eingezogen?
Petra: Wir hatten immer den Hintergedanken, es mal zu einem Gästehaus umzubauen bzw. ein spezielles Gästehaus daraus zu machen, denn 600 Quadratmeter sind für zwei Personen zu groß.
Oliver: Wir wollten eine Frühstückspension mit Kochschule eröffnen. Aber zu dem Zeitpunkt war ich noch im Steirereck tätig und Petra wollte ihr Studium fertigmachen. Der Plan für den Umbau der Schule war da, aber wir waren 2014 noch nicht bereit dazu, diese große Unternehmung zu machen, denn wir wussten, das ist schon eine größere Sache. Petra war zu dem Zeitpunkt 7 Jahre nicht mehr in der Gastronomie tätig und wir haben beide gesagt, wir machen uns mal mit einem kleinen Projekt in Wien selbstständig, arbeiten hier zusammen, haben weniger Risiko und wenn es aufgeht, dann gehen wir in die Steiermark.
Petra: Und so eröffneten wir das „grace“. Wir wussten aber schon bei der Eröffnung, dass wir das Lokal zwischen 5-10 Jahre führen wollen, es waren dann 7. Wir wären vielleicht noch länger in Wien geblieben, aber Corona hat diese Entscheidung sicherlich mit beeinflusst.

Wie schwer war es, das gut laufende Restaurant „grace“ zu schließen?
Petra: Schwerer als gedacht. Es war für uns zwar immer ein „Business“, da wir uns langfristig in der Steiermark gesehen haben und unsere Steuerberaterin hat auch gefragt, ob wir verrückt sind, dass wir den gut laufenden Betrieb in Wien aufgeben. Aber das Guesthouse war und ist unser Lebenstraum. Schlimm und emotional war es vor allem, als wir bei unseren Mitarbeitern und Stammgästen gesehen haben, wie viel ihnen das „grace“ bedeutet hat. Umso schöner ist es, wenn sie uns jetzt in der Steiermark besuchen kommen.
Ihr sagt selbst das Guesthouse ist mehr als nur ein Hotel oder eine Frühstückspension. Was meint ihr damit?
Oliver: Also wenn man im Wörterbuch eine Definition sucht, dann ist ein Guesthouse ein Ort, wo der Gastgeber auch selber wohnt. Es ist persönlicher und weniger förmlich als ein Hotel. Die Leute sollen sich so fühlen, als wären sie nicht nu im Haus zu Gast, sondern bei uns! Wir sind quasi rund um die Uhr da. Ich bin die meiste Zeit in der Küche durch die man übrigens durchgehen muss, wenn man in den Pool bzw. in den Garten gehen will. Petra ist die Seele des Hauses und im Garten oder an der Rezeption zu finden. Und unser Dackel Frank läuft herum und holt sich die Streicheleinheiten ab, die er braucht.
Petra: Diese Gemütlichkeit war uns auch bei der Einrichtung wichtig. Es soll nicht wie ein Hotel wirken, sondern eher wie ein gemütliches Landhaus, wo unser Geschmack und unser persönlicher Stil zu erkennen ist. Es geht um die Kleinigkeiten. Wir sind beide von ganzem Herzen leidenschaftliche Gastgeber und freuen uns, besondere kleine Momente für unsere Gäste zu schaffen, die sie in einem Hotel einfach nicht bekommen.
Oliver: Petra quatscht gerne mit den Gästen und verbringt viel Zeit mit ihnen. Das passiert auf so einer persönlichen Ebene in keinem Hotel.
Petra: Wie er mich darstellt (lacht). Ich plaudere natürlich nur mit Gästen, die das auch wirklich wollen.

Was ist eurer Meinung nach ein guter Gastgeber und wie schafft ihr es, die persönliche Privatsphäre zu wahren, wenn dauernd Gäste im Haus sind?
Oliver: Das mit der Privatsphäre wissen wir selbst noch nicht so genau (lacht). Wir haben von Mai bis November durchgehend geöffnet. Dass wir in dieser Zeit viel im Einsatz sein werden und müssen, ist uns durchaus bewusst. Daher machen wir auch nur zweimal die Woche ein Abendessen, für das sich Gäste anmelden können. An den anderen 5 Tagen in der Woche müssen bzw. dürfen die Gäste die Restaurants, Buschenschanken und so weiter der Umgebung erkunden. Und dann haben wir ja auch vielleicht das Haus hin und wieder für uns alleine.
Petra: Die Frage, was einen guten Gastgeber ausmacht, ist nicht so einfach zu beantworten. Ein guter Gastgeber muss Spaß daran haben, Gastgeber zu sein.
Oliver: Wir haben 15 Monate hart gearbeitet und Geld investiert und Petra achtet wahnsinnig auf ihre Sachen. Aber man darf als Gastgeber nicht zu heikel sein. Der Gast muss sich wohlfühlen. Und wir müssen als Gastgeber locker, nicht zu steif und förmlich sein. Wenn man selbst nicht alles all zu ernst nimmt, sind auch die Gäste entspannter.
Petra: Als wir vor 11 Jahren auf dem Weingut meines Onkels in der Südsteiermark geheiratet haben, hatten wir nicht vor die perfekte Hochzeit zu schmeißen. Und die Leute reden heute noch davon. Uns waren gutes Essen, gute Musik und ein guter Wein wichtig. Es gab keinen Ablauf, keine gestellten Fotos. Alles war total unkompliziert und vor allem authentisch. So sind wir!
Du hast es gerade angesprochen, in der Hauptsaison ist das Haus durchgehend geöffnet. Aber auch Off-Season gibt es spezielle Angebote?
Oliver: Genau. Da bieten wir Kochschul-Wochenenden an. Ich wollte immer eine andere Art des Kochkurses anbieten. Beim klassischen Kochkurs gehst du hin, kochst ein Menü, isst es, bekommst eine Schürze und gehst wieder. Ich hab als Teenager einmal einen Kochkurs im Savoy Hotel in London geschenkt bekommen. Da waren 60 Teilnehmer, einer hat vorgekocht, alle haben zugeschaut. Das war zwar ein Erlebnis, aber man hatte danach nicht das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Ich will ein Erlebnis bieten und gleichzeitig soll man hier auch was lernen. So sind die Wochenenden entstanden. Jedes Wochenende hat ein Überthema, zum Beispiel Gemüse, Saucen, Fleisch. Gäste kommen am Freitag an, da gibt es ein gemeinsames Abendessen wo wir auch das Thema bzw. die Themen des Wochenende besprechen. Am nächsten Tag geht es los. Mein Ziel ist, dass wir im Team neue Fähigkeiten entwickeln und unsere Gäste etwas mit nach Hause nehmen können. Die Kurse werden wir im Zeitraum November bis Januar und März bis April anbieten.

Was waren denn die größten Herausforderungen bisher?
Petra: Sicherlich der Umbau und die Tatsache, dass man mit 40 auf einmal wieder bei den Eltern einzieht. Das würde ich niemandem empfehlen. (lacht)
Oliver: Wir wollten während der Umbauarbeiten immer vor Ort sein und auch mitmachen. Das war dann doch etwas zu viel. Wir haben 7 Tage die Woche durchgehend gearbeitet. Angefangen haben wir im April 2023 – wobei wir Ende März das „grace“ in Wien zusperrten – und fertig waren wir im Juni 2024. Es war nicht alles so einfach, denn das Gebäude ist Denkmalgeschützt, wodurch man eingeschränkt ist, was Änderungen betrifft. Und im Inneren war es nun mal immer noch eine Schule. Das war nicht wirklich charmant, abgesehen von den schönen großen und hohen Räumen. Dennoch haben wir versucht einige der Möbelstücke des alten Gebäudes zu restaurieren und im Guesthouse zu integrieren. Zwei alte Schultische etwa haben wir abgeschliffen und neu lackiert. Die sind in Petras Büro und an der Rezeption zu finden. Außerdem haben wir alte Schulbriefe entdeckt, die wir eingerahmt und aufgehängt haben. Wir wollen schon zeigen, dass dies mal eine alte Schule war. Und da wir ja auch Kochkurse anbieten, sozusagen an ausgewählten Wochenenden eine Kochschule sind, bleibt der Schul-Gedanke dem Haus erhalten.

Umso schöner, dass trotz der vielen Arbeit nun alles geschafft ist. Was macht euch besonders stolz und glücklich?
Petra: Wenn wir abends Zeit haben und gemeinsam mit Frank spazieren gehen. Du gehst ein paar Schritte hinaus und hast diesen atemberaubenden Blick auf die Natur.
Oliver: Die Südsteiermark ist für mich einer der schönsten Plätze auf der Welt – und das will was heißen, ich war wirklich viel unterwegs. Aber das ist nicht selbstverständlich und das schätzen wir sehr.
Petra: Und was mich auch stolz und glücklich macht ist die erste Reaktion der Gäste und Einheimischen. Viele kommen neugierig und wollen sich das Haus anschauen. Und wirklich jeder ist begeistert. Nicht nur vom Haus und der Location sondern auch vom Konzept.
Oliver: Wir sind und bleiben leidenschaftliche Gastgeber und machen das gerne. Wir wollen schöne Momente schaffen. Und wir freuen uns, wenn unsere Gäste dann später mit diesen Momenten verbinden.
Fazit:
„The Old School Guesthose“ ist mehr als nur ein Gästehaus; es ist ein Ort voller Geschichte, Gastfreundschaft und kulinarischer Höhepunkte. Hier wird jeder Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis – geprägt von herzlicher Betreuung und einer tiefen Verbundenheit zur Region. In diesem ehemaligen Schulgebäude finden Besucher nicht nur Ruhe und Erholung, sondern auch einen Platz, an dem Geschichten erzählt werden und Erinnerungen entstehen können.

Lisi Brandlmaier wurde 1989 in Thalheim bei Wels geboren und studierte Bildungswissenschaften, Germanistik, Französisch und Italienisch an der Universität Wien. 2011 startete sie ihre journalistische Karriere beim Portal typischich.at der Styria Media Group. 2013 wechselte sie zur VGN Medien Holding in die Onlineredaktion des Magazins Woman. 2015 übernahm sie die Leitung des Gourmet-Ressorts sowie im Anschluss zusätzlich die Leitung des Lifestyle-Ressorts für die Print- und Onlineausgabe des größten österreichischen Frauenmagazins. Zusätzlich engagierte sie sich beim Aufbau von Woman TV, entwickelte eine eigene Kochsendung und produzierte zahlreiche Shows mit namhaften Köchinnen und Köchen. Von 2021 bis Ende 2023 war sie Chefredakteurin und Digital-Chefredakteurin (ab 2022) bei Falstaff, dem größten Magazin für kulinarischen Lifestyle.
