Zwischen Kult und Klima: So tickt der Mastermind von Opus One

Autor Lucas Palm traf Michael Silacci zum Interview in Wien. Ute Watzlawick

Michael Silacci gilt als eine der prägendsten Figuren des kalifornischen Rotweins: Seit rund 25 Jahren lenkt er als Winemaker die Geschicke des Kultweinguts Opus One – und machte es durch Innovationen, die heute zeitgemäßer denn je sind, zukunftsfit. Als Kenner der internationalen Weinwelt und Gastronomie weiß Silacci aber auch: Ein „Weiter wie bisher“ wäre in Zeiten wie diesen das Ende. Im Interview mit KALK&KEGEL stellt sich das Gesicht des „ersten kalifornischen Kultweinguts“ daher auch den unangenehmen Fragen.

Immer wieder lesen wir vom Rückgang des Weinkonsums, wovon Rotwein wiederum besonders stark betroffen ist. Wie steht ein Kultweingut wie Opus One in Zeiten wie diesen da?
MICHAEL SILACCI: Natürlich geht dieses Phänomen nicht spurlos an uns vorbei, aber als Opus One sind wir in der Position, uns weiterhin behaupten zu können. Die Sache ist eher die: Gerade jetzt dürfen wir uns nicht ausruhen und davon ausgehen, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Wir müssen beginnen, Antworten auf die unangenehmen Fragen zu finden.

Welche wären das?
Wir müssen uns mehr denn je mit der Frage auseinandersetzen, wie wir Menschen, die plötzlich unsicher oder skeptisch gegenüber Wein werden, wieder ansprechen. Genauso wie Menschen, die bisher noch keinen Zugang zu Wein hatten. Wie schaffen wir eine zeitgemäße Verbindung zu Konsumenten? Nachhaltige Antworten darauf sind das Gebot der Stunde.

Opus One: Das Weingut liegt in Oakville im kalifornischen Napa-Valley. Opus One

Es sind Fragen, an denen sich die Weinbranche seit einiger Zeit die Zähne ausbeißt. Wie schafft man sie also heute, diese Verbindung?
Opus One hat diese Frage schon einmal sehr, sehr spannend beantwortet. Und zwar damals in den 1990er-Jahren. Opus One war damals ein außergewöhnlich hochpreisiger Wein – eine Flasche kostete rund 50 Dollar. Die entscheidende Frage war also: Wie bringt man einen solchen Wein zu den Menschen? Die Antwort war: Man führte ein Glasprogramm ein. Dafür gab es kleine Karaffen mit dem eingravierten Opus-One-Logo, aus denen der Wein glasweise ausgeschenkt wurde. Ein Glas kostete etwa 15 Dollar, während die Flasche bei 50 Dollar lag. So konnten auch Menschen den Wein probieren, die sich keine ganze Flasche leisten konnten oder wollten. Das war damals eine echte Innovation und gilt als Beginn des, wenn man so will, „Glasweinprogramms“ in den USA. Es geht darum, etwas Großes auch niederschwellig erfahrbar zu machen. Wenn die Qualität stimmt, merken sich die Leute das.

Du hast seit Jahrzehnten einen internationalen Blick – auf die Welt des Weins und der Gastronomie gleichermaßen. Welche Rolle spielen ikonische Rotweine deiner Meinung nach noch in Restaurants?
Da gibt es erstaunliche regionale Unterschiede. Wo ikonische Rotweine einen ihrer größten Zauber entfalten, ist momentan wahrscheinlich Asien. Da gibt es einerseits eine Offenheit gegenüber Rotwein als Wine-Pairing-Konzept generell, aber auch diesen Zugang für die Besonderheit und Exklusivität bestimmter ikonischer Rotweine.

Wie schaffen wir eine zeitgemäße Verbindung zu Konsumenten? Nachhaltige Antworten darauf sind das Gebot der Stunde. Opus One

Wie nimmst du die Wahrnehmung kalifornischer Weine in Europa wahr? Wie hat sie sich verändert, und in welche Richtung wird sie sich entwickeln?
Ein Teil des Bildes entstand dadurch, dass in Amerika viele Menschen diese Kultweine gesucht haben. Diese waren häufig alkoholreicher, intensiver und sehr fruchtbetont – sogenannte „Fruchtbomben“.

Ein bis heute gängiges Klischee kalifornischer Rotweine …
Aber es tut sich was! Ich finde, da hat sich definitiv einiges weiterentwickelt. Entscheidend ist auch die zunehmende Auseinandersetzung und das Wissen, das auf allen Ebenen entsteht. Der Mythos der schweren Fruchtbomben entspricht einfach nicht mehr der Realität! Die Entwicklung geht stärker in Richtung moderater Alkoholwerte. Es gab einige Vorreiter, die diesen Wandel geprägt haben. Wir selbst haben immer einen ausgewogenen Ansatz verfolgt. Wir haben nie versucht, künstlich einen Wein mit 12 % Alkohol zu machen, das wäre genauso willkürlich wie ein Streben nach 15 %. Und auch jetzt wissen wir, auf welche Hebel es ankommt.

Michael Silacci initiierte und investierte in Programme zum Schutz, zur Wiederherstellung und zur Erweiterung von Flussabschnitten entlang des Napa River, die für die langfristige Gesundheit des Ökosystems entscheidend sind. Opus One

Auf welche?
Zum Beispiel setzen wir seit 2012 auf unsere autochthonen Hefen, das bedeutet, wir isolieren wilde Hefestämme aus den vier Estate-Weinbergen und nutzen diese für die Vergärung. Die Idee dahinter ist, dass diese Mikroorganismen des eigenen Weinbergs den Charakter des Ortes noch stärker im Wein zum Ausdruck bringen. Außerdem: Wenn Weine durch den Klimawandel höhere Alkoholwerte entwickeln, suchen wir nach Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken – zum Beispiel durch eine Begrünung zwischen den Rebzeilen. Ich habe die Temperaturen selbst gemessen: An einem heißen Tag kann der Unterschied zwischen nacktem Boden und einer begrünten Rebzeile – selbst wenn die Begrünung bereits vertrocknet ist – bis zu zehn Grad Celsius betragen. Das beeinflusst die Trauben und die Rebstöcke unmittelbar. Bleiben sie kühler, benötigen sie außerdem weniger Wasser.

Michael Silacci: “Gerade jetzt dürfen wir uns nicht ausruhen und davon ausgehen, dass alles schon irgendwie gut gehen wird.” Ute Watzlawick

Ist Opus One heute für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet?
Wir sind gut aufgestellt – sofern wir uns nicht ausruhen. Gerade wenn sich ein Jahrgang als vielversprechend ankündigt, darf man nicht dem Glauben verfallen, er entstehe von allein. Dann wird daraus lediglich ein guter, aber kein großer Wein. Und wir wollen großen Wein machen. Mit meinem Team habe ich ideale Voraussetzungen dafür geschaffen, dass uns das gelingt. In den letzten 25 Jahren war es nie so stabil und gut wie heute. Meine Rolle dabei ist eher die eines Mentors. Und mittlerweile weiß ich: Als Mentor lernt man mindestens genauso viel von den Menschen, die man begleitet, wie sie von einem selbst. Ihre Fragen und Ideen bringen mich dazu, Dinge neu zu denken – und helfen mir, mein Wissen besser weiterzugeben.

www.opusonewinery.com