ProWein Chef: Weinbranche braucht wieder mehr Zusammenhalt

Frank Schindler will als neuer ProWein-Chef eine der weltweit führenden Fachmessen für Weine und Spirituosen neu denken – nicht als Verkaufsmaschine, sondern als Plattform mit Haltung, um die Zukunft der Branche voranzutreiben. Ein Gespräch über Kommunikation, Verantwortung und die Frage, was eine Weinmesse heute überhaupt leisten muss.
Am 15. März startet die ProWein, du bist seit Oktober als neuer Director an Bord. Was kann man in dieser kurzen Zeit bewegen?
FRANK SCHINDER: Es ist natürlich eine sehr intensive Zeit mit bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag. Zwischen noch nicht alles wissen und trotzdem führen, ist manchmal ein echter Balanceakt. Was mir hilft: Ich decke mit meinen Know-how recht gut bisherige blinde Flecken ab – vor allem dort, wo es um Details und Brancheninsights geht.
Die ProWein will sich neu erfnden. Kritiker:innen sagen: Geändert wurde hauptsächlich der Auftritt nach außen, aber nach innen hin gibt es wenig Wandel. Wie siehst du das?
Veränderung funktioniert auf zwei Arten: Entweder man macht alles fertig und relauncht dann – oder man relauncht zuerst und entwickelt Schritt für Schritt weiter. Intern hat sich extrem viel verändert, extern sieht man das aber noch nicht alles. Und ehrlich gesagt: Ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn alles bereits vorgegeben wäre. Dann säße ich nicht am Steuer, sondern ganz hinten im Bus.

Bleiben wir beim neuen Auftritt: Was soll das neue Design erzählen?
Es gibt für mich zwei Ebenen: Das Bunte steht für Vielfalt, Internationalität und Veränderung in der Branche. Das Business-Blau passt zur Messe, zur Ernsthaftigkeit, zu den wirtschaftlichen Themen. Man kann über Geschmack streiten – aber die Struktur der Messe Düsseldorf hilft uns enorm. Jetzt geht es darum, den neuen Auftritt weiter mit Inhalt und Haltung zu füllen. Das ist meine Aufgabe.
Was bedeutet für dich eigentlich „Erfolg“ bei einer Weinmesse?
Nicht Besucherzahlen. Nicht reine Verkaufsabschlüsse. Eine Messe, die nur Verkaufsplattform ist, hat ausgedient. Die ProWein war immer ein Ort, an dem Trends früh Raum bekommen haben – manchmal fast zu früh. Und genau das ist ihre Stärke. Ich sehe die Zukunft in einer Plattform, die Themen über die Branche hinaustragen kann: Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und darin Orientierung zu geben.

Ein Beispiel?
Alkohol. Die politische Kommunikation dazu widerspricht oft wissenschaftlichen Erkenntnissen. Einzelne Verbände versuchen gegenzusteuern – aber fragmentiert. Warum nicht eine Bühne wie die neue ProWein Agora nutzen, um internationale Perspektiven zusammenzubringen? Nicht nur Branchenjournalist:innen, sondern auch Politik, Medien, Öffentlichkeit. Mit der ProWein Agora haben wir dafür jetzt eine Bühne für große Ideen, mutige Fragen – und frische Impulse.
Während der Messe sind die Aussteller:innen an ihren Ständen. Warum also eine Bühne?
Weil es nicht nur um die Menschen im Publikum geht. Es geht um professionelle Aufzeichnung, um Inhalte, die wir das ganze Jahr über spielen können: Clips, Statements, Diskussionsformate. Die ProWein bedeutet Zukunft. Die Aussteller:innen, die nicht hingehen können, profitieren so trotzdem. Das ist Service. So verstehen wir uns.

Die ProWein Agora soll sich weiterentwickeln. Wohin?
Mehr Interaktion. Neben kuratierten Slots auch offene Themengebiete. 10 bis 15 Minuten lang, auch polarisierend. Nicht politisch, aber meinungsstark innerhalb der Branche. Langfristig wünsche ich mir, dass wir aus den Learnings von 2026 wissen, welche Themen 2027 relevant sind – nicht top-down definiert, sondern aus der Branche heraus.
Du sprichst oft davon, Teil der Branche zu sein – nicht nur Dienstleister…
Absolut. Die Flächenvermietung ist der kaufmännische Teil. Wichtig, ja – aber nur ein Teil. Ich sehe mich hier als ersten Kämpfer für die Aussteller:innen. Und ehrlich: Das Thema Winzer:innen werde ich nie wieder los. Das ist emotional in mir verankert.

Sind Themen wie No&Low oder Proxys Heilsbringer oder Hype?
Sie sind kein Heilsbringer. Aber ein wichtiger Bereich. Ich sehe darin weniger eine massive Zielgruppenerweiterung, sondern eher einen Strukturwandel – ähnlich wie Bio oder Nachhaltigkeit. Im Spirituosenbereich ist No&Low aktuell weiter als im Wein.
Was ändert sich konkret an der Messe selbst?
Die Wege werden rund 30 Prozent kürzer, die Ausstellerfläche bleibt gleich. Aber das eigentliche Zukunftsthema ist der Markt: Deutschland ist mengenmäßig derzeit der stärkste Importmarkt für Wein weltweit. Wir haben das nie so klar kommuniziert. Das ändern wir jetzt. Die ProWein wird wieder stärker auf den DACH-Raum fokussiert, ohne ihre Internationalität zu verlieren.

Und die Konsument:innen? Spielen die künftig eine größere Rolle?
Ja – aber außerhalb des Messegeländes. Mit ProWein CityVibes holen wir das Thema in die Stadt. Düsseldorf mit 650.000 Einwohnern ist dafür perfekt. Kurze Wege, echte Nähe zwischen Produzent:innen und Konsument:innen. Ich habe lange in Köln gelebt, war vom Weinvirus infiziert – und konnte trotzdem nicht zur ProWein. Für genau diese Menschen wollen wir jetzt Angebote schaffen.
Dein Ziel für die ProWein 2026?
Ich will viele Gespräche führen und gut zuhören – daraus soll am Ende eine ruhige, souveräne Haltung entstehen. Wenn man sagt: We are united. Die Branche ist aktuell stark verkaufsgetrieben, verständlich. Aber wir verlieren dabei manchmal das Gemeinsame. Wenn wir es schaffen, wieder mehr Zusammenhalt, mehr Haltung und mehr Selbstverständnis zu entwickeln – dann war es ein Erfolg.

ProWein 2026
Internationale Fachmesse für Weine und Spirituosen
15.-17. März 2026, täglich von 9:00-18:00 Uhr
Messegelände Düsseldorf, Am Staad (Stockumer Höfe), 40474 Düsseldorf
Seit 30 Jahren ist die ProWein die internationale Leitmesse für Wein und Spirituosen – und die einzige, die den Weltmarkt vollständig abbildet. 2026 steht unter dem Motto „Cultivate the visionary in you“ – mit dem Ziel, die Branche zu ermutigen, entschlossen, kreativ und vorwärts gerichtet in die Zukunft zu gehen. Erwartet werden rund 4000 Aussteller, darunter etwa 500 im Bereich ProSpirits – mit einer internationalen Vielfalt aus über 50 Ländern.

Herausgeber und Chefredakteur