Diese 3 Winzer planen die Revolution

Reimagine: So wollen Velich, Tschida und Schuster die österreichische Weinwelt verändern

Roland Velich, Christian Tschida und Hannes Schuster haben sich was ausgedacht. Reimagine, ein Wine-Think-Tank und zivilisatorisches Projekt zur Selbstfindung. Ihre Erzählung: Burgenländischer Wein als Ausdruck der Geschichte und Kultur des Burgenlands.

Wenn drei Spitzenwinzer zu einem Presse-Termin einladen, erwartet man sich möglicherweise die Vorstellung eines gemeinsamen Weins. Nun präsentierten die drei burgenländischen Ausnahmewinzer Roland Velich, Christian Tschida und Hannes Schuster nichts dergleichen. Dafür eine Idee. Und legten gleich die Gründung eines Unternehmens nach. Reimagine. Es geht dann doch auch um Wein und um eine neue Vorstellung davon.

„Rotweine wie Likör, Weißweine wie Limonaden“, das sei immer noch der Geschmack eines Großteils der österreichischen Weintrinker, stellt Roland Velich fest. Um das zu ändern, um die Landsleute an einen neuen Stil zu gewöhnen und um das Burgenland an die Spitze dieses neuen Weinstils zu setzen, gibt es das Projekt Reimagine. Es ist ein Produkt von Denkarbeit, was der Auftritt der drei Winzer in intellektuellem Schwarz an diesem Nachmittag unterstreichen soll. Sie haben nachgedacht, nun ist es Zeit zu reden.

Roland Velich: „Österreich macht immer noch zu wenige Weine, wie sie möglich wären.“

Roland Velich sagt: „Österreich macht immer noch zu wenige Weine, wie sie möglich wären. Wir müssen feststellen, dass wir nicht in diesem Ausmaß performt haben, wie wir das in anderen Weinbaugebieten sehen.” Velichs Thema ist die Heimat. „Das Burgenland war immer ein Spielball der Ereignisse. Die Aufteilung, die Grenzziehung war der Schnitt mitten durch eine geschichtlich miteinander verbundene Region. Sie hat einiges mit den Menschen hier gemacht. Sie verloren ihre Geschichte, dadurch Selbstbewusstsein, wussten nicht, wo eigentlich ihr Platz war.“ Die Zäsur hätte auch Auswirkungen auf ein wichtiges Kulturgut des Burgenlandes gehabt, den Wein. Velich sagt: „Das Burgenland wurde kolonialisiert als Produzent von billigem Rohmaterial.“ Ein starkes Wort, Velich ist ein Mann starker Worte.

Hannes Schuster fügt hinzu: „Burgenländischer Wein war immer eine Reaktion auf den Markt und seine Bedürfnisse, aber nie ein Ausdruck von Eigenständigkeit.“ Wir erinnern uns mit ihm: Zuerst vornehmlich Grüner Veltliner, bis in die 70er. Dann Süßwein, bis zum, äh, Weinskandal. Schließlich alle möglichen Welt-Rotweinsorten von Merlot bis Cabernet Sauvignon. Holzfassorgien. Alkoholrekorde.

Wein lesen und denken

Erst in den Nullerjahren machten ein paar beherzte Winzer sich Gedanken um Echtheit und das Thema Terroir, welches Klima, Geschichte, Bodenbeschaffenheit, Vorlieben und Können des Winzers einschließt, ebenso wie die Rebsorte und ihre Verwurzelung in der Geschichte einer Weingegend. „Letztendlich ist das Burgenland ein kühles Weinland mit einer Hauptrebsorte: Blaufränkisch“, sagt Hannes Schuster. Das mag manche Beobachter überraschen, die Beschreibung kühl. Aber man muss halt genauer hinschauen. Christian Tschida begründete seinen Ruf unter anderem über den Umweg Kopenhagen. Er war der richtige österreichische Weinmacher am richtigen Ort: im Noma.

Christian Tschida: Erweckungserlebnis war ein Artikel in der New York Times.

Tschida erzählt vom Erweckungserlebnis eines Artikels in der New York Times. Thema: Leichte, trinkbare Rotweine, die kühl genossen werden. Gegenstücke zur auch vom Parker-Hype geprägten Alkohol-Lastigkeit, die viele burgenländische Rote lange auszeichnete. Neben der Liebe zum dreifach getoasteten Holzfass. „Ein Rotwein mit 12,5% Alkohol – das kann doch keiner ernst nehmen“, habe es lange geheißen. Heißt es in vielen Regionen Österreichs immer noch. Tschidas Idee: Eine New-York-Times-Weinbox, darin die gelobten Weine – solange der Vorrat noch reicht. Und das Thema Veltliner, das die drei umtreibt, seit auf der Summa die Grünen Veltliner aus dem Burgenland Staunen, Ungläubigkeit und Begeisterung hervorriefen. Die Grünen Veltliner der drei Winzer sind außerordentlich, haben mit dem von oben verordneten Geschmacksbild der so wandelbaren Rebsorte nichts zu tun.

Es wird an diesem Nachmittag im pittoresken Ambiente des Dogenhofs auch eingeschenkt, wenngleich nicht zu kräftig. Nicht nur den  Behörden mit ihren Prüfnummern, nicht nur der DAC-Idee mit ihrem Missverständnis einer Region und ihren Rebsorten, nicht nur der Aufteilung von Weinbezirken nach politischen, nicht nach geologischen Kriterien. Es wird Wein eingeschenkt. Der erste Wein ein Welschriesling von Thomas Straka aus dem Burgenland. Zitronig, salzig, Süditalien im Glas.

Wird es sich bei Reimagine also auch um eine Marketingplattform handeln? „Geld muss auf jeden Fall verdient werden, das Ding erhält keine Förderungen“, so Thomas Velich, Neffe von Roland, der die GmbH als Kommunikationsexperte betreut. Wer sucht die Weine aus? Das Prinzip ist eines der Einstimmigkeit. „Wenn einer der drei einen Wein nicht ok findet, wird er weder empfohlen noch angeboten.“

Massengeschmack

Weiters als Kostprobe eingeschenkt wird Birdscape 23 von Christian Tschida. Fast dunkler Rosé, lange mazeriert, vergleichbar mit den Rosés aus der Gegend von Avignon, aus dem Weingut Tschida. „Wir ernteten alles gleichzeitig aus einem Weingarten, Blaufränkisch und Pinot Noir, der Wein ein gemischter Satz teils noch nicht gereifter, teils überreifer Trauben, eine Selektion. Findet nicht statt.“ Dieser Wein steht für eine neue Stilistik, die man im Burgenland jetzt da und dort antrifft, die aber noch lange keine Mehrheit hat. Dafür eine Zukunft. „Man muss eine Lage richtig interpretieren“, sagt Tschida und fügt hinzu, dass es auch ihm nicht gleich gelungen sei, diesen bestimmten Weingarten zu verstehen. Der Gewohnheitstrinker burgenländischer Rotweine wird auch noch ein Weilchen brauchen, um das zu verstehen. Aber das kann Tschida egal sein, denn der Wein ist großartig, eine Botschaft aus der Zukunft des burgenländischen Rotweins.

Roland Velich produziert Weine nicht nur selbst unter dem Namen Moric, er arbeitet auch mit anderen Winzern und kooperiert oftmals mit Kellermeistern. Seine Serie Hidden Treasures ist genau genommen ein Vorprodukt der Idee Reimagine. Der Tokaj und der Nagy-Somloi (Furmint, Welschriedling, Hárslevelű) sind Weißweine, die dem avancierten Trinkerinnen und Trinkern großes Vergnügen machen. Solche Weine werden kurz und bündig gerne „burgundisch“ genannt. Velichs Wunsch ist, dass man statt „burgundisch“ bald „burgenländisch“ sagt. Woran sich übrigens wenige erinnern: Die Weine der Region Pannonien gehörten vor hundert Jahren zu den gefragtesten Weinen der Welt.

Hannes Schuster: Seine Weine sind radikal bei der Auswahl, kompromisslos beim Terroir, spontanvergoren klarerweise.

Hannes Schuster ist der Stillste der drei Winzer, seine Blaufränkischenn gelten gleichwohl als die Besten im Burgenland. Radikal bei der Auswahl, kompromisslos beim Terroir, spontanvergoren klarerweise. Die kühle Würze der Blaufränkischen, die immer noch am Etikett den Namen seiner Mutter Rosi Schuster tragen, ist beispielgebend für das Potenzial des Burgenlands. Es gibt einen Schluck vom Blaufränkisch Burgenland, ein Wein, der beweist, dass bei einem guten Winzer nicht erst die Einzellagen und Selektionen schmecken, sondern jede Flasche.

Consultant

Man werde auch Tätigkeiten als Consultant ausüben, heißt es im Gespräch. Und man werde junge Winzerinnen und Winzer unterstützen, die am Gehaben der Behörden und den otroyierten Demütigungen durch die Prüfnummern verzweifeln. Amüsant ist ja, dass Beamte es sich anmaßen dürfen, den Geschmack eines Weines und damit des Weintrinkers zu präjudizieren. Viele Winzer:innen, nicht nur die junge Generation, haben damit ihre liebe Not. Geplant sind auch neue Formen von Verkostungen. Etwas, das ständig zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet. Vielleicht eine regelmäßig wiederkehrende Verkostung rund um Martini.

Nichts von dem, was die Winzer erzählen, ist wirklich neu. Nicht neu aus ihrer Sicht, neu vielleicht aus Sicht des offiziellen Weinmarketings Österreichs. Alle drei haben in ihren Segmenten mit ihren Weinen ziemlich alles erreicht, was ein Winzer nicht nur aus Österreich erreichen kann. Die letzten zwei Wein-Jahrzehnte waren ihre Jahrzehnte.

Warum machen sie das? Velich sagt: „Dieses Projekt ist unser Resümee über individuelles Arbeiten in der Region, die uns ans Herz wächst. Wir wünschten uns mehr Inhalt aus der Substanz des Landes, ein Ende der Beliebigkeit. Die Unverwechselbarkeit entwickeln.“ Ein Verdacht: Zu dritt wollen die Drei mehr erreichen als es ein Einzelner kann. „In der Weinbranche sind Ressentiments und Neid sehr hinderlich, das wollen wir rausnehmen. Wettbewerb ist normal, wir möchten Gemeinsamkeit, eine neue Sicht der Dinge.“ Die Vorbilder sind international, und sie haben alle eine ähnliche Geschichte wie das Weinbaugebiet Burgenland. „Alle Regionen, die ihr Eigenes nach oben stellen, sind damit erfolgreich. Vergleiche das Piemont. Wir möchten auch verhindern, dass Weinregionen erodieren.“

Gemeinsamkeit sei die Jacke, die es brauche, wenn es kühler wird, so Velich. Und es werde gerade kühler.

https://reimagine.wine/

EDIT 24. Juni um 16:40 Uhr: Der Text wurde nochmals abgeändert. Diese Passage, die nicht vom Autor, sondern von der Redaktion hinzugefügt wurde, wurde wieder entfernt:
Neu ist die Idee nicht: Schon Mitte der 90-er Jahre machten ein paar beherzte Winzer sich Gedanken um Echtheit und das Thema Terroir, welches Klima, Geschichte, Bodenbeschaffenheit, Vorlieben und Können des Winzers einschließt, ebenso wie die Rebsorte und ihre Verwurzelung in der Geschichte einer Weingegend. Das waren und sind die Winzerinnen und Winzer der Pannobile-Gruppe.

Edit 25. Juni um 18:20 Uhr: Der Satz “Es sei ein Fall von önologischer Underperformance.” wurde im Text durch das Originalzitat von Roland Velich ersetzt: “Wir müssen feststellen, dass wir nicht in diesem Ausmaß performt haben, wie wir das in anderen Weinbaugebieten sehen.“

Wir veröffentlichen an dieser Stelle auch die offizielle Presseaussendung zu Reimagine:

Von der Notwendigkeit einer Neubetrachtung

Die burgenländischen Winzer Hannes Schuster, Christian Tschida und Roland Velich möchten dazu anregen, Wein neu zu denken und seinen Status Quo zu hinterfragen. Realisiert werden soll dies mit ihrem neuen Projekt REIMAGINE.

REIMAGINE wurde von den Winzern Hannes Schuster, Christian Tschida und Roland Velich im April 2024 ins Leben gerufen, um eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart in der Weinherstellung und -kommunikation in Mitteleuropa zu schlagen. Besonders im Burgenland möchten sie dazu beitragen, stärkeres Verständnis und Vertrauen in die eigene Identität zu entwickeln. Ihre Vision ist es, die allgemeine Wahrnehmung von Qualität und Terroir ihrer einzigartigen pannonischen Heimat zu schärfen und den charakteristischen Ausdruck ihrer Weine einem breiten Publikum näherzubringen. Durch gezielte Unterstützung und Zusammenarbeit mit Winzerinnen und Winzern sowie Kooperationen mit Gastronomie und Handel wollen sie ein neues Bewusstsein für burgenländische Herkunftsweine schaffen. REIMAGEINE ist ein eingetragenes Unternehmen und hat seinen Sitz in der Domgasse 8 in der Wiener Innenstadt, als Geschäftsführer fungiert Velichs Neffe Thomas Velich. In der Buchhandlung 777 an derselben Adresse können Weine der drei Partner und ausgesuchter Kolleginnen und Kollegen erstanden werden. Ein Onlineshop auf reimagine.wine ist in Planung; dort wird auch über zukünftige Projekte und Happenings wie ein

Zur Gründungsidee. Die geplante Einführung von DAC Burgenland und Überarbeitung der aktuellen DAC-Strukturen sowie die burgenländische Ablehnung der Lagenklassifikation werden von den drei Winzern begrüßt, da sie erstmals alle Teilnehmer einschließen und einen offenen Dialog ohne stilistische Vorurteile ermöglichen. Lange Zeit gab es keine klare Auseinandersetzung mit den charakteristischen Merkmalen und der Einzigartigkeit der großartigen Weinlandschaft Burgenland. Dies habe auch mit der Geschichte des Burgenlands zu tun – von der Grenzziehung 1921 über die anschließende “Kolonialisierung” als billigem Traubenlieferanten bis hin zur Postweinskandalzeit, in der internationale Rebsorten von Cabernet Sauvignon bis Nebbiolo in die Flasche kamen, so die REIMAGINE-Gründer. Die Konsequenz daraus sei eine stilistische Entwicklung hin zu Süße, Einsatz von Technologie und sonstigen Verstärkern gewesen.

Schuster, Velich und Tschida betonen vor allem die Bedeutung von heimischen Sorten – allen voran Blaufränkisch -, aber auch anderer für den pannonischen Raum typischer Rebsorten wie Furmint oder im Burgenland weit verbreiteter Sorten wie Grüner Veltliner und Welschriesling, die terroirbedingt hier ein völlig anderes Profil entwickeln als in anderen Regionen.

REIMAGINE sucht für die Umsetzung seiner Vision die Kooperation mit Winzern, Gastronomie, Handel und Presse und initiiert kleinere und größere Projekte. Beispiele dafür sind eine im Herbst erscheinende Grüne-Veltliner-Box in Zusammenarbeit mit ausgewählten Handelspartnern oder die Ankündigung zukünftiger Einzelfassfüllungen mit gleichgesinnten Winzerinnen und Winzern unter der neuen Marke REIMAGINE.

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