Was kann der Kultwein von San Leonardo?

San Leonardo gehört längst zu den großen Rotwein-Ikonen und ist eine mehr als würdige Alternative zu Bordeaux. Unsere Autorin mit ihren 5 Favoriten.
Wein wird an den schönsten Plätzen der Erde gemacht. So auch im südlichen Trentino in Borghetto d’Avio. Der Gardasee hat hier einen ausgleichenden Einfluss auf die Vegetation. Hohe Berge wie der Monte Baldo schützen die Landschaft im Tal und an den Hängen vor zu viel Sonneneinstrahlung. Dort sitzt die Tenuta San Leonardo mit ihrer langen und auch durchaus wechselhaften Geschichte. Seit rund 50 Jahren gibt es aber Weinbau auf höchstem Niveau.
Carlo Guerrieri Gonzaga, Vater des heutigen Gutsleiters Anselmo, begann damals an den Qualitätsschrauben zu drehen. Dabei war er zu dieser Zeit noch nicht hauptberuflich Winzer. Alles, was er verdiente und noch viel mehr Herzblut, investierte er in sein Weingut. Es schwebte ihm eine Anlehnung an die Crus von Bordeaux vor. Cabernet Sauvignon wurde ausgesetzt. Mit ihm kamen die ersten Erfolge. Merlot war früher schon Teil des Betriebs, wie auch als zuverlässige Brot & Butter Rebsorte im ganzen restlichen Trentino beliebt. Dazu pflanzte Gonzaga noch Carmenère, vom dem er annahm, es sei Cabernet Franc. Die Cuvée war komplett. Unzählige Sommelièren und Sommeliers haben den Wein folgend in Blindtastings nicht selten als Bordelais eingeordnet.

Einer der wichtigsten Unterstützer zu Beginn war Carlos Guerrieri Gonzagas Freund Marchese Piero Antinori. Er schickte ihm seinen Önologen Giacomo Tachis – dem Godfahter der modernen toskanischen Weine und Wegbereiter von Legenden wie Sassicaia, Solaia oder Tignanello. Tachis ebnete den Weg, den die Familie mit San Leonardo heute noch geht. Wobei sich aus dem Bordeauxtypus im Laufe der Zeit ein eigener San Leonardo Stil entwickelt hat. Was bedeutet: Eleganz, kühle Frische und Würze, balancierter Alkohol und italienischer Charme gepaart mit Reifepotential. In Wahrheit war San Leonardo der Typizität eines Bordeaux immer schon näher als so mancher Super-Toskaner.

Wichtigste Eckdaten in der Produktion: Bewirtschaftet wird organisch-biologisch. Essenzieller, wichtigster Teil des Weins ist die Traubenqualität. Vergoren wird in Betonbehältern, dort findet auch der BSA statt. Der Top-Wein reift zwei Jahre in Barriques, wobei der Anteil an Neuholz verschwindend gering ist und so geschmacklich nie eine Rolle spielt. Vor Release bleiben die Flaschen weitere 24 Monate im Weingut, um zu ruhen. Heute gehört San Leonardo zu den ganz großen, authentischen Weinen der Welt und ist ein Spiegel des einzigartigen Terroirs an den Ausläufern der alpinen Dolomiten. Zu seiner Hochform läuft er in der Regel mit einer Reife von ab zehn Jahren auf.
Verkostungsnotizen
San Leonardo Tasting in Golling beim Importeur Döllerer mit 17 Weinen zurück bis 1997. Folgende fünf haben am meisten überzeugt.
2015 San Leonardo
Die Verbindung von Trüffelnoten, dunkler Würze und Veilchen wird zu einem spannenden Ganzen. Mit seiner beginnenden Trinkreife, ist der Wein hochelegant samt engmaschigem Tannin.
2011 San Leonardo
Hochkomplex. Dunkle Beeren, etwas Lebkuchen und Bitterschokolade im Duft. Am Gaumen unheimlich energisch, noch sehr jugendlich, druckvoll und spannungsgeladen.
2004 San Leonardo
Das kühle Jahr drückt sich in einer feinen Eukalyptusnote aus, dazu kommt Cassis und etwas Lakritze. Ein zupackender Roter, fordernd und doch mit fein fließender Struktur ausgestattet.
2003 San Leonardo
Eine echte Überraschung aus dem Hitzejahr 2003. Facettenreich duftet er nach Rosmarin und Amarena Kirsche. Toll gebautes Tannin, stoffig aber doch straff und eindringlich.
1997
Im Blindtasting schier unmöglich von einem Medoc zu unterscheiden. Balsamisch reife Aromatik, kandierte Orange, dunkle Würze. Perfekte Balance, feinkörniger Gerbstoff.
