Antwort auf Fine Dining Krise: Andreas Senn serviert 2-Sternemenü mit Wein um 85 Euro für Gäste unter 30 Jahre

Scheffenacker Stefanie

Die Branche redet sich seit Monaten ein, Fine Dining sei tot und die Jungen hätten keine Lust darauf. Andreas Senn hat die Jungen einfach gefragt. Die Antwort ist unbequem – für die Branche: Fine Dining hat kein Imageproblem, sondern ein Schwellenproblem. Das SENNS zieht die Konsequenz und macht SENNS FIRST TASTE zum Dauerformat: 2-Sterne-Menü mit Getränkebegleitung um 85 Euro für Gäste unter 30.

Mit Andreas Senn hat erstmals ein österreichischer Spitzenkoch eine Befragung von jungen Menschen zum Thema Fine Dining durchgeführt und die Ergebnisse widersprechen der laufenden Krisendebatte: Fine Dining ist nicht tot, es hat auch kein Imageproblem – was sich für junge Menschen ändern muss, ist die Schwellenangst. Und genau die will der 2-Sternekoch jetzt abbauen: Das Format SENNS FIRST TASTE geht in Serie – für Gäste unter 30 Jahren wird ein 4-Gang-Menü inklusive Getränkebegleitung um 85 Euro angeboten. Ab 1. Oktober steht dafür von Dienstag bis Donnerstag an jedem Abend ein Tisch bereit, für zwei Personen, die zum ersten Mal in einem Sternerestaurant essen und unter 30 Jahre alt sind. Bewerben kann man sich dafür ab sofort über die Website www.senns.restaurant. Und Andreas Senn geht noch einen Schritt weiter: „Ich lade alle Gastronomen ein, das FIRST TASTE Konzept in ihren Restaurants zu kopieren – gemeinsam werden wir am meisten erreichen.”

Das auffälligste Ergebnis steht nicht am Ende, sondern am Anfang der Befragung. „Steif“ und „unnahbar“ kreuzte vor dem Besuch jeweils genau eine von 17 Personen an. 88 Prozent hielten „besonders“ für passend, 53 Prozent wollten Fine Dining ohnehin einmal erleben. Sterneküche gilt bei den Jungen schon vor dem ersten Besuch als modern: 7,8 von 10 Punkten.

Das Bild vom verstaubten Gourmettempel, gegen das die Branche seit Monaten anredet, gibt es in dieser Generation also praktisch nicht. Was fehlt, ist nicht das Interesse. Es ist der Weg hinein. Zugänglich finden die Befragten Fine Dining vor dem Besuch nur mit 5,1 von 10 Punkten.

Der Mensch überzeugt

Nach dem Abend sagen 88 Prozent, ihr Bild von Fine Dining habe sich verändert. Aber nicht wegen des Essens. 58 Prozent beschreiben etwas Menschliches: weniger steif, nahbarer, entspannter als gedacht. 71 Prozent nennen Service, Personal oder Atmosphäre als größte Überraschung, nur 29 Prozent das Essen. Niemand sagt, das Essen sei besser gewesen als erwartet. Die Zugänglichkeit springt von 5,1 auf 7,8 Punkte.

SENNS.Restaurant Salzburg
Das SENNS.Restaurant im Salzburger Gusswerk hält seit elf Jahren zwei Michelin-Sterne. Lukas Jahn

„Das ist eine ziemlich unbequeme Ansage an unsere Branche, die ihr gesamtes Marketing auf den Teller stellt“, sagt Andreas Senn. „Das Essen hat gehalten, was alle erwartet haben. Verändert hat das Bild mein Team. Das zeigt, wo der größte Hebel in der Spitzengastronomie liegt: bei den Mitarbeitern mit Gastgeberqualitäten.“

Falsche Ehrfurcht

Zwei Dinge verstellen laut Befragung den Weg ins Sternerestaurant. Der Preis, genannt von 80 Prozent. Und eine Unsicherheit, die sich als unbegründet herausstellt: 30 Prozent gaben an, sich mit Fine Dining nicht auszukennen, 25 Prozent wussten nicht, wie man sich verhält, zehn Prozent fürchteten den Dresscode. Nach dem Besuch berichtete niemand, an einer Regel gescheitert zu sein.

Beim Preis wird es differenzierter. Vor dem Besuch hielten 88 Prozent das Angebot für teuer, danach nur noch 35 Prozent. Als Hürde bleibt er trotzdem: 64 Prozent nennen den Preis als das, was sich in der Spitzengastronomie ändern müsse.

Und die Jungen liefern gleich die Lösungen mit, ohne dass jemand danach gefragt hätte: ein kleineres Einstiegsmenü zu einem klaren Preis, eigene Abende für Erstbesucher, eine Option bei der Reservierung, um anzugeben, dass man unerfahren ist. „Dann kann der Service entsprechend darauf eingehen“, schrieb etwa Natascha (27), die im Juni zum ersten Mal im SENNS war.

Angebot

Genau daraus baut das SENNS jetzt sein neues Format. „Eine Aktion, die nach einem Monat endet, ist eine Kampagne. Wir machen daraus ein Angebot, das bleibt“, sagt Senn. Ab 1. Oktober steht von Dienstag bis Donnerstag jeden Abend ein Tisch für zwei Personen unter 30 bereit, die zum ersten Mal in einem Sternerestaurant essen. Serviert wird ein 4-Gang-Menü inklusive Getränkebegleitung, mit Wein oder alkoholfrei, um 85 Euro pro Person. 25 Euro davon gehen fix als Trinkgeld an den Service. Zum Vergleich: Das reguläre Menü kostet 225 bis 275 Euro, die Weinbegleitung 180 Euro.

Möglich machen das auch Partner, die sich nach der Juni-Aktion von selbst gemeldet haben: Trinkreif, Delevino und Schaumweinkontor. Der Getränkehandel steht schließlich vor derselben Frage wie die Spitzenküche: Wie erreicht man eine Generation, die weniger und anders trinkt?

Und Senn geht noch weiter: „Ich lade alle Gastronomen ein, das FIRST TASTE Konzept in ihren Restaurants zu kopieren. Gemeinsam werden wir am meisten erreichen.“

Thomas Kracher: Head-Sommelier im SENNS. MELLIPHERA

Was sich im SENNS sonst ändert

Klartext statt Etikette-Mythos. Auf der Website steht künftig ausdrücklich: Es gibt keinen Dresscode, und niemand muss wissen, wie ein Menüablauf funktioniert. Diese Hürde lässt sich als einzige ohne einen Cent beseitigen.

„Zum ersten Mal hier“ bei der Reservierung. Wer möchte, kann das künftig angeben, der Service geht darauf ein. Der Vorschlag stammt wörtlich von einer Teilnehmerin.

Die alkoholfreie Begleitung wird sichtbar. Bisher stand sie nicht einmal auf der Website. In der Befragung wurde sie ausdrücklich gelobt, ein Teilnehmer nannte sie den stärksten Moment seines Abends.

Mehr Gesichter, weniger Teller. Die Kommunikation des Hauses rückt künftig das Team in den Vordergrund.

Die Befragung läuft weiter. Jeder FIRST-TASTE-Gast füllt auch künftig beide Fragebögen aus. Nach einem Jahr liegen damit mehrere hundert Rückmeldungen vor statt 17. „Das ist der Teil, der mich am meisten interessiert“, sagt Senn. „Wir werden zum ersten Mal wissen, wie eine ganze Generation über uns denkt, und nicht nur mutmaßen.“

SENNS FIRST TASTE

WANN: ab 1. Oktober 2026, Dienstag bis Donnerstag, ein Tisch pro Abend
FÜR WEN: zwei Personen unter 30, die zum ersten Mal in einem Sternerestaurant essen
WAS: 4-Gang-Menü inklusive Getränkebegleitung, mit Wein oder alkoholfrei
PREIS: 85 Euro pro Person, davon 25 Euro fixes Trinkgeld für den Service
BEWERBUNG: ab sofort www.senns.restaurant
PARTNER: Trinkreif, Delevino, Schaumweinkontor
WO: SENNS.Restaurant, Gusswerk, Salzburg