Magdalena Gleiss: Wir Somms müssen nicht alles neu erfinden

Die Bühne gehört dem Gast, nicht der Sommelière. Warum echte Weinberatung heute Haltung braucht und keine Selbstdarstellung, schreibt Magdalena Gleiss aus dem 2-Sterne- und 5-Hauben-Restaurant Obauer.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal tatsächlich als Sommelière arbeiten würde. Am Anfang war Wein für mich vor allem ein Werkzeug im Service – das dazugehörige Fachwissen gab mir aber die Sicherheit und half mir, Gästen auf Augenhöhe zu begegnen. Was mich bis heute fasziniert? Dass Winzer:innen jedes Jahr etwas Ähnliches, aber nie Identisches schaffen. Klima, Herkunft und Handschrift spiegeln sich in jedem Glas. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Zusammenhänge verständlich zu machen – nicht im Monolog, sondern vielmehr im Dialog. Der Beruf hat sich verändert. Gäste sind informierter, trinken bewusster und wollen wissen, wer hinter einem Produkt steht. Große Namen verlieren an Bedeutung, Haltung gewinnt. Für mich heißt moderne Sommellerie: zuhören, übersetzen, begleiten. Nicht belehren.
Zukunft
Fachwissen bleibt die Basis – ohne geht es nicht. Aber es reicht auch nicht. Emotionales Gespür, Storytelling mit Substanz und echtes Interesse am Menschen sind heute genauso wichtig. Dazu kommen neue Themen wie alkoholfreie Begleitungen. Sie ersetzen Wein nicht, sie erweitern unser Handwerk. Wer sie nicht ernst nimmt, hat den Beruf nicht zu Ende gedacht.
Ich glaube nicht, dass die Sommellerie völlig neu definiert werden muss. Was wir brauchen, ist Offenheit – und den Mut, uns weiterzuentwickeln, ohne unseren Kern zu verlieren. Die Bühne gehört nicht mir, sondern dem Gast. Authentizität ist wichtig, solange sie dem Erlebnis dient und nicht der Selbstinszenierung. In einem Haus wie bei den Obauers habe ich gelernt, was nachhaltige Gastronomie wirklich bedeutet: Respekt vor der Umgebung, Demut vor dem Bestehenden und Verantwortung für die Zukunft. Stillstand gibt es hier nicht – und genau das macht diesen Beruf so fordernd und erfüllend. Mein Rat an junge Menschen: Lasst euch Zeit. Lernt verschiedene Betriebe kennen. Bleibt neugierig. Sommellerie ist für mich noch immer der schönste Beruf der Welt – weil Wein die Menschen zusammenbringt.
