Carina Kaiser: Warum wir uns den Rausch nicht nehmen lassen

Schluss mit dem Alk-Bashing! Rausch ist nicht gleich Eskalation, sondern intensive Begeisterung für Wein und seine Geschichte, schreibt Sommelière Carina Kaiser aus dem Maitz in Ratsch an der Weinstraße.
Ich sag’s gleich vorweg: Ich bin Sommelière – und ja, ich mag Wein und er ist mein täglich Brot. Aber nicht, weil ich möglichst schnell möglichst viel Alkohol trinken will. Sondern weil Wein für mich mehr ist als Promille und ein Beruf. Er ist Handwerk, Kultur, Landwirtschaft und Haltung.
Mein Weg begann in Paris, zwischen Küche und Blindverkostungen an Freitagen nach dem Service. Abende ohne Etikett, ohne Erwartungen, in Gesellschaft. Genau da hat’s bei mir Klick gemacht. Ich wollte verstehen, was Wein wirklich ist. Und heute weiß ich, dass es nicht bloß ein Getränk ist. Es geht auch nicht um Alkohol. Es geht um Tiefe. Um Herkunft. Um Ausdruck. Wein ist Storytelling im Glas. Gerade wird Alkohol gern pauschal verteufelt. Bewusster Konsum? Bin ich voll dabei. Aber dieses „alles Böse kommt vom Wein“ greift zu kurz. Beim Wein geht es nicht um Eskalation, sondern um bewusste Aufmerksamkeit.
Kulturgut
Ein Glas zum Essen, zwei in guter Gesellschaft – das ist Genuss. Wein ist Landwirtschaft, Zeit und Hingabe. Ein Kulturgut, das Menschen verbindet. Definitiv nicht bloß ein Durstlöscher. Er ist ein bewusst gewählter Moment. Der Rausch hat ein Imageproblem, weil wir nur noch in Extremen denken: Entweder Kontrollverlust – oder Verzicht. Dabei kann Rausch auch Begeisterung bedeuten. Offenheit. Intensität. Wie das Rauschen eines Flusses oder die Energie einer kulturellen Veranstaltung.
Ein Rausch ist nicht zwangsläufig zerstörerisch – er kann verbinden. Natürlich endet Genuss dort, wo es zu viel wird. Maß ist entscheidend. Das gilt beim Menü genauso wie bei Verkostungen oder einem Theatermarathon. Zu viele Reize nehmen dem Moment seine Qualität. Verantwortung heißt, diese Grenze zu kennen. Und ja, alkoholfreie Alternativen haben ihre Berechtigung – vor allem, um alle mitzunehmen. Doch Wein bleibt meine Essenz. Meine Aufgabe sehe ich darin, neugierig zu machen: zuhören, einschenken, erzählen – nicht belehren. Denn am Ende geht es nicht um Promille. Sondern um die Begegnung mit einem Kulturgut.

