Ivanna Kuspita: Rotwein erlebt gerade eine große Renaissance

Rotwein ist so spannend wie nie! Die neue Stilistik ist geprägt von Finesse, Frische, Eleganz und Trinkfluss – und verändert auch unsere Arbeit am Gast, sagt Sommelière Ivanna Kuspita aus dem Oak 107 in Wien.
Der Umgang mit Wein hat sich verändert. Früher war Rotwein ein Ritual, oft ein Statussymbol. Man wartete, bis er reif war, trank ihn zu besonderen Anlässen, bei Raumtemperatur und mit viel Respekt – manchmal zu viel davon. Heute ist alles näher am Gast. Die neue Generation hinterfragt, sie verehrt nicht. Herkunft, Machart, Bekömmlichkeit zählen mehr als ein großer Name auf dem Etikett. Die Jungen trinken weniger Alkohol, dafür bewusster. Rotwein verschwindet nicht, er verändert sich – genauso wie sich die Weinkultur und wir uns als soziale und kulturelle Wesen verändern. Wir sind es, die dem Weingenuss Bedeutung und Wert beimessen, und das immer wieder anders, indem wir Gewohntes hinterfragen und neu gestalten.
Stilwandel
Die Rotweinstilistik verändert sich von Kraft zu Spannung, von Alkohol zu Textur, von Reife zu Balance. Das eröffnet neue Möglichkeiten: Rotwein glasweise, gekühlt, wann immer man Lust darauf hat. Nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil des Genusses. Ein junger Nebbiolo, der früher jahrelang warten musste, funktioniert bereits jetzt – präzise, lebendig, zugänglich. Pinot Noir zeigt sein ganzes Können, wenn man ihn kühler serviert: zu Roter Rübe, Ziegenkäse oder gegrilltem Gemüse. Und ein gut gemachter Zweigelt, etwa aus dem Carnuntum, überzeugt mit Frische, Eleganz und Struktur. Bei 12 bis 14 Grad ausgeschenkt verliert Rotwein seine Schwere. Der Alkohol tritt in den Hintergrund, die Frucht wird klarer, der Wein wirkt fast saftig.
Klar braucht diese Entwicklung Geduld und Kommunikation. Weniger Fachsprache, mehr echte Geschichten. Nicht erklären, wie man trinken sollte, sondern zeigen, wie vielfältig Rotwein heute sein kann. Die Zukunft liegt nicht im Festhalten an alten Regeln, sondern im Mut, sie neu zu interpretieren. Denn guter Rotwein ist kein fertiges Konzept, er ist in Bewegung. Darum müssen auch wir flexibel bleiben – und Rotwein die Bühne geben, die er verdient.

