Sagmeister: QR-Codes haben in Restaurants nichts verloren

Stefan Sagmeister wurde sechs Mal für den Grammy nominiert. Er hat ihn zwei Mal gewonnen. Neben unzähligen internationalen Auszeichnungen ehrte man ihn auch in Österreich als „Auslandsösterreicher des Jahres 2016“ und „Österreicher des Jahres 2018“ in der Kategorie „Erfolg international“. Ein Interview mit dem Grafikdesigner und Typografen über Schönheit und guten Geschmack.
Stefan Sagmeister ist Grafikdesigner und Typograf, er ist für seine innovative und provokative Arbeit bekannt, in der Szene setzte er neue Standards. Seiner kreativen Exzellenz wegen ist er weltweit gefragt. Seine Arbeiten finden sich u.a. im Museum of Modern Art in Ney York. Sagmeister versteht es komplexe Themen aufregend zugänglich zu machen. Er ritzt einen Einladungstext in die Haut, um unter die seiner Zuschauer zu kommen. Es soll klar werden, wie hart der künstlerische Prozess ist, der hinter einem Poster steckt (Detroit 1999). Er verschickte vor 30 Jahren eine Ansichtskarte (Sagmeister mit Socken und sonst nichts – heute ein Ding der Unmöglichkeit). Trotz geringer Auflage wirkt dieser Move bis heute nach. Er sei kein Verführer – meint er – seine Arbeiten wirken aber, als wäre er einer.
Stefan, oft nutzt man Schönheit, um zu verführen. Was ist Schönheit für Dich?
STEFAN SAGMEISTER: Schönheit hat mit dem Schönen zu tun, das wir schon kennen. Um etwas tatsächlich als schön zu empfinden, braucht es aber noch eine Portion Neues. Diese Regel gilt für jeden.
Demnach ist Schönheit oder guter Geschmack abhängig von den Erfahrungen des Genießers?
STEFAN SAGMEISTER: Ja, genau so ist es. Das bedeutet aber auch, dass das, was ein professioneller Kritiker über Geschmack zu sagen hat, komplett irrelevant ist. Weil der einen anderen Geschmack haben muss, wenn er sich zehn Stunden am Tag mit Geschmack beschäftigt. Im Vergleich mit einem Menschen, der zur U-Bahn geht und zufällig irgendwas gut oder nicht gut findet, wenn er es überhaupt registriert.

Was nicht registriert wird, eignet sich wenig, um zu verführen. Warum gibt es so viel schlechte Grafik?
STEFAN SAGMEISTER: Weil es so viele schlechte Grafiker gibt!
Oder trauen sich die Auftraggeber nicht, ihre Grafiker so richtig verführen zu lassen, weil sie Angst haben Kunden zu verlieren?
STEFAN SAGMEISTER: Das würden die schlechten Grafiker sagen! Nein – es ist nicht der Auftraggeber der Schuld hat, wenn die Grafik nicht funktioniert. Der Auftraggeber ist nicht der Grafiker. Ein Grafikdesigner muss z.B. auf notwendiges Briefing bestehen. Viele akzeptieren ein „Mach mal, dann schauen wir weiter“, das ist ein No-Go.
Wie sieht ein sauberes Briefing denn aus?
STEFAN SAGMEISTER: Vor kurzem wollte ein Museum dringend eine neue Eintrittskarte von mir. Mehr Information, als drei Tage Zeit dafür, gab es nicht. Keine Größe, keine Druckform, keine Limitationen. Kann man stanzen, kann man perforieren, wie viele Farben gibt es, was muss drauf – wo ist der Text? Ich hab dann zurückgeschrieben, mir bitte die paar Punkte zu beantworten und wenn ich jede Frage beantwortet bekomme und alles passt, bekommen sie das Design in einer Woche. Aber mit der Bitte alle Punkte genau zu überprüfen.

Sind das nicht sehr viele Einschränkungen, um kreativ zu arbeiten?
STEFAN SAGMEISTER: Limitationen bestimmen den Grafikprozess. Sind sie nicht oder wenig vorhanden, muss der Blindflug zu schlechten Ergebnissen führen. Die Umwelt ist voll davon. Limitationen sind notwendig. Wenn Designer halbwegs schlau sind, mögen sie Limitationen sogar sehr gern. Man kann eigentlich nur so gestalten. Man kann ja nicht irgendwas machen. Limitationen müssen von Anfang an klar sein – ärgerlich wird es, wenn sie stückchenweise kommen – also erst als Reaktion auf das, was man gestaltet hat – dann wird´s holprig.
Wie wichtig sind Etiketten auf Weinflaschen für dich?
STEFAN SAGMEISTER: Wenn ich einen Wein mitbringe, kaufe ich nur nach Etiketten, weil ich keinen Wein trinke und ich mich überhaupt nicht auskenne. Schallplatten kaufe ich auch nur nach Covers ein – wobei das gar nicht so unübel ist, weil wenn jemand ein gutes Cover hat, ist meist auch die Musik gut. Umgekehrt stimmt das nicht – es gibt viel gute Musik in schlechten Covers. Ich vermute, das wird beim Wein ähnlich sein. Grundsätzlich gilt aber auch hier die Frage an den Auftraggeber, was genau ist der Auftrag, z.B. wen sollen die Etiketten ansprechen. Je nachdem können Etiketten also sehr wichtig sein.

Nochmal zur Schönheit – welche Rolle spielt sie in Bezug auf Langlebigkeit?
STEFAN SAGMEISTER: Schönheit ist eine fantastische Strategie, wenn es um Langlebigkeit geht. Schau dir nur das Pantheon in Rom an. Es ist 2000 Jahre alt und wird immer noch genutzt, weil es so unglaublich schön ist, dass keine Generation den Mut hatte, es abzureißen. Das Gleiche gilt für eine schöne Ledertasche, die ich vor 25 Jahren geschenkt bekommen habe. Ich würde sie lieber reparieren lassen, als eine neue zu kaufen.
Viele Unternehmen arbeiten mit QR-Codes. Restaurants verwenden QR-Codes für eine Speisekarte online – was hältst du von dieser „Inovation“?
STEFAN SAGMEISTER: Werbung mit QR-Code ist die toteste aller Hosen. Das funktioniert in einigen asiatischen Ländern, aber hier wird sich wohl keiner erwarten, dass Menschen sich die Mühe machen, das Mobiltelefon aus der Tasche zu ziehen, um den Code zu folgen. Ich hasse Restaurants, wo ich mein Menu auf dem Telefon anschauen muss. Ist man im Ausland, muss man nach dem W-Lan-Passwort fragen; es ist meistens mit einer Unannehmlichkeit verbunden. Restaurants, die ihre Gäste ernst nehmen, haben zumindest in New York keine QR-Codes mehr.

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