Victoria Winkler: Die 19-jährige Kärntnerin zählt zu den jüngsten Gastgeberinnen in der Sternegastronomie

19 Jahre alt und bereits hauptverantwortlich für Service und Rezeption: Victoria Winkler führt am Weißensee gemeinsam mit Sternekoch Stefan Glantschnig den Neusacherhof. Im KALK&KEGEL-Interview spricht sie über das Gastgebersein, das neue Zeitalter des Fine Dinings und darüber, warum (junge) Frauen in der Gastronomie oft noch immer unterschätzt werden.
Was macht eine gute Gastgeberin aus?
VICTORIA WINKLER: Dass man aufmerksam ist, die Menschen wirklich sieht und sie auch entsprechend behandelt. Es geht nicht darum, irgendeinen Plan abzuarbeiten. Viel schöner ist es, dem Gast das Gefühl zu geben, dass er gesehen wird, willkommen ist und dass man echtes Interesse und Freude an ihm hat.
Du selbst hast dich sehr früh für genau diesen Beruf entschieden. Für viele in deiner Generation scheint ein Job in der Gastronomie nicht mehr erstrebenswert. Warum?
Viele sehen nur, dass die Gastronomie viel Arbeit bedeutet. Natürlich ist es ein Knochenjob. Aber gleichzeitig eröffnet er unglaublich viele Wege und Chancen. Man kann ein Jahr in Österreich arbeiten und im nächsten im Ausland. Man hat sehr viele Möglichkeiten, kann viel erreichen und die Arbeit ist unglaublich vielseitig. Man muss aber natürlich wissen, dass es harte Arbeit ist.
Und was bekommt man dafür zurück?
Sehr viel positives Feedback – und das ist unbezahlbar. Wenn ein Gast am Abend nach Hause geht und sagt: „Das war ein schöner Abend, ich komme gerne wieder“, dann tut es einem selbst unglaublich gut, das zu hören.

Wie sichtbar sind Frauen in der Spitzengastronomie?
Frauen werden in der Gastronomie noch viel zu wenig gesehen, vor allem im Service. In der Küche gibt es inzwischen einige Frauen, die sich ihren Platz erarbeitet haben. Im Service fallen mir ehrlicherweise wenige ein. Dabei machen Frauen genau den gleichen Job wie Männer. Sie tragen Verantwortung, betreuen Gäste und sorgen dafür, dass der Abend funktioniert. Frauen wird teilweise nicht zugetraut, dass sie für Spitzenpositionen gemacht sind. Bei Männern glaubt man hingegen eher: „Ja, das kriegen sie schon hin.“ Gleichzeitig denke ich, dass Frauen manche Dinge sogar besser handhaben können als Männer – und mindestens genauso viel Know-how mitbringen.
Wurdest du selbst schon unterschätzt?
Wegen meines Geschlechts eigentlich nicht, aber wegen meines Alters schon. Da wird man schnell unterschätzt. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ich erst seit kurzer Zeit in der Gastronomie tätig bin oder schon seit zwanzig oder dreißig Jahren. Aber letztendlich geht es darum, wie man das Gelernte umsetzt. Wenn man für die Gastronomie brennt und Freude an seinem Job hat, ist es nicht entscheidend, wie viele Jahre Berufserfahrung man mitbringt. Gäste haben schon öfter zu mir gesagt, dass es in meinem jungen Alter bemerkenswert sei, eine solche Position zu haben. Und dass ich stolz darauf sein kann, was ich bisher erreicht habe.

Was würdest du anderen jungen Frauen raten?
Einfach den eigenen Weg gehen. Wenn man Lust darauf hat und einem die Aufgabe gefällt, sollte man es machen – egal, was andere sagen. Man sollte sich auf keinen Fall von irgendjemandem davon abbringen lassen. Nur so wird sich auch das Bild der Frau in der Spitzengastronomie verändern.
War es schon immer dein Plan, Gastgeberin zu werden?
Eigentlich schon. Meine Mama führt am Weißensee selbst eine kleine Frühstückspension mit fünf Zimmern und drei Wohnungen. Dort habe ich schon immer mitgeholfen. Dann bin ich quasi nicht mehr aus der Gastronomie herausgekommen und habe früh gewusst, dass das einfach das Richtige für mich ist. Nach meiner Matura an der HLW Lienz und mehreren Stationen in Kärnten, unter anderem beim Bärenwirt in Hermagor (1 Grüner MICHELIN Stern, 4 Hauben), bin ich seit 2025 im Neusacherhof und hauptverantwortlich für Service und Rezeption.
Wie groß ist das Team im Neusacherhof?
Insgesamt arbeiten 14 Personen im Haus. Ich bin hauptverantwortlich für Service und Rezeption und in diesen Bereichen insgesamt für vier Mitarbeiter:innen zuständig.

Neben dem Wirtshaus gehört zum Neusacherhof auch das mit einem MICHELIN Stern ausgezeichnete Fine-Dine-Restaurant Rouge Noir. Wie siehst du die Zukunft des Fine Dinings?
Die klassischen Regeln des Handwerks sind natürlich nach wie vor wichtig. Aber heutzutage muss der Service persönlicher sein. Man muss nicht immer nur steif und professionell arbeiten – mit diesem Vorurteil hat Fine Dining ja oft zu kämpfen. Am Ende soll der Gast nicht darüber nachdenken, ob alles einem bestimmten Ablauf folgt. Er soll sich einfach wohlfühlen. Und das merken wir bei uns im Betrieb auch: Es geht um das Gefühl, um das Erlebnis. Für mich passt der Begriff „Fine Dining“ teilweise gar nicht mehr so richtig zu dem, was moderne Gastronomie ist.
Was passt für dich nicht mehr daran?
Heutzutage muss man nicht in Abendgarderobe erscheinen, um einen unvergesslichen Abend zu haben. Man kann auch in einem Wirtshaus sagen: „Der Abend hat mir gefallen, da komme ich wieder.“ Es geht um das Gefühl, das Gäste mitnehmen. Das muss stimmen.

Was braucht es dann für einen unvergesslichen Abend?
Es geht nicht nur um einen perfekten Teller, sondern um alle Komponenten, die an diesem Abend zusammenspielen. Die Küche kann noch so gut sein – wenn der Service nicht passt und das Erlebnis beim Gast nicht ankommt, funktioniert das Ganze nicht. Es braucht das perfekte Zusammenspiel zwischen Küche und Service. Die Aufgaben müssen klar verteilt sein, jeder muss seinen Teil dazu beitragen und sich auf den anderen verlassen können. Wir im Service müssen die Philosophie, Gedanken und Geschichte der Küche bei jedem Gericht transportieren. Darum geht es. Um die Geschichte – und nicht darum, ob der Teller von links oder rechts eingestellt wird. Das ist mir eher egal.
Wo willst du noch hin?
Im Moment sind der Neusacherhof und insbesondere das Rouge Noir mein Ziel. Später möchte ich vielleicht noch einmal woanders hin. Aber aktuell steht der Neusacherhof im Mittelpunkt.

Zum Abschluss: Was ist derzeit dein liebstes Gericht aus eurer Sterneküche?
Stefan hat einen regionalen, aber radikalen Stil. Das neue Konzept „Die Odys’SEE’“ ist darauf ausgerichtet, dass nur noch Fische aus dem und vom Weißensee verwendet werden. Mein Lieblingsgericht ist definitiv die Saiblingsleber. Stefan schickt dieses Gericht schon seit einiger Zeit. Dahinter steckt eine coole Geschichte, denn Saiblingsleber ist nicht ganz so einfach zu bekommen. Sie ist sehr klein, und für ein Gericht beziehungsweise eine Tartelette braucht man schon einige Lebern. Deshalb finde ich dieses Gericht so faszinierend.
Und wenn es statt ins Rouge Noir ins Wirtshaus geht?
Die Seeforelle. Auch dieser Fisch kommt vom Weißensee. Ich finde es einfach schön, sagen zu können: „Der Fisch kommt von hier.“

Victoria Winkler wurde am 7. Oktober 2006 in Kärnten geboren. Die 19-Jährige absolvierte die HLW Lienz und führt heute gemeinsam mit ihrem Partner Stefan Glantschnig den Neusacherhof am Weißensee, ein Boutique-Hotel mit 16 Zimmern. Zum Haus gehören ein modernes Wirtshaus sowie das 2024 eröffnete Fine-Dine-Restaurant Rouge Noir im ersten Stock mit Panoramablick über den See. Das Rouge Noir ist aktuell mit einem Michelin-Stern, drei Hauben und drei Gabeln im Falstaff Guide ausgezeichnet. Auch das Wirtshaus ist mit zwei Hauben und drei Falstaff-Gabeln bewertet.
www.neusacherhof.at
www.rougenoir.at
