Vom Zuschussbetrieb zur Referenz: Die stille Revolution des Weinguts Stadt Krems

Eine lange Tafel, ein paar Flaschen Wein, eine Menge Gläser. Es ist einer der schönsten Verkostungstische des Landes. Am Haupt der Tafel, mit Blick auf die Vinothek sitzen wir mit Fritz Miesbauer und Franz Josef Gansberger. Fragen über Lagen. Und über Geschichte und Geschichten.
Als Fritz Miesbauer am 1. Juli 2003 die Schlüssel zum Weingut Stadt Krems übernahm, bekam er vom damaligen Bürgermeister Franz Hölzl vier Aufgaben mit auf den Weg: hohe Qualität, gutes Image, wirtschaftliche Unabhängigkeit, ein moderner Betrieb. Was er vorfand, war das Gegenteil davon. Ein sympathisches, aber erstarrtes Kommunalweingut, das als Zuschussbetrieb der Stadt Krems vor sich hin vegetierte – mit veralteten Rebbeständen, sanierungsbedürftigem Keller und dem vagen Bewusstsein, eigentlich auf außergewöhnlichem Terroir zu stehen. Ohne es konsequent zu nützen.

Dass ausgerechnet Miesbauer diesen Auftrag annahm, ließ in der österreichischen Weinszene manche Augenbraue hochgehen. Der Mann war in Joching in der Wachau aufgewachsen – seine Eltern bewirtschafteten drei Hektar Weingärten, und wie er selbst erzählt, habe es ihm schon als Kind Spaß gemacht, der Mutter im Weinberg zu helfen. Nach der Weinbauschule Klosterneuburg und Praktika in Österreich und Deutschland startete er seine Karriere bei den Freien Weingärtnern Wachau in Dürnstein, dem heutigen Pendant zur Domäne Wachau, wo er langjähriger Geschäftsführer war und maßgebliche Qualitätsarbeit leistete. Mit 27 Jahren bereits vom schwedischen Magazin Gourmet zum Weinmacher des Jahres ernannt, hätte er ohne Weiteres attraktivere Angebote annehmen können. Stattdessen entschied er sich für Krems. “Ich war immer vom Potential der Lagen des Weingutes überzeugt“, sagte er später. Das klingt nach Selbstverständlichkeit – das war es damals aber nicht.
Neuanfang von Grund auf
Was folgte, war eine der konsequentesten Transformationen im österreichischen Weinbau der letzten Jahrzehnte. Miesbauer begann radikal: 29 der rund 40 Hektar wurden komplett neu ausgepflanzt. Sämtliche Flächen innerhalb der Kremser Stadtgrenzen wohlbemerkt. Historische Trockensteinmauern auf 5,4 Hektar wurden rekultiviert, ein aufwendiger und kostspieliger Akt der Rückbesinnung auf die Terrassenweinbautradition der Region. Der Keller wurde in vier Phasen (2004, 2006, 2011 und 2019) modernisiert und erweitert, temperaturkontrollierte Stahltanks installiert, Prozesse von Grund auf neu gedacht. Insgesamt flossen mehr als fünf Millionen Euro in den Betrieb. Vier Mitarbeiter gab es 2004. 2020 waren es 23. Und der einstige Zuschussbetrieb der Stadt trägt sich heute selbst.

An Miesbauers Seite steht seit 2006 Franz-Josef Gansberger. Der Kremser, intern mit dem Spitznamen “Goose” bekannt, fungiert als Außenminister beider Häuser – Stadt Krems und Stift Göttweig. Internationale Importeure in 26 Ländern, Messepräsenz von der ProWein bis zur VieVinum, Koordination zwischen zwei so unterschiedlichen Institutionen auf beiden Donauseiten: Das ist Gansbergers Terrain. Ein britischer Importeur beschrieb das Duo einmal treffend als “the most jovial Fritz Miesbauer and his henchman Goosey” – und erklärt damit vielleicht auch, warum der Betrieb trotz allem Ehrgeiz nie verkrampft wirkt. Die Chemie zwischen beiden ist im Gespräch spürbar: Gansberger ergänzt, konterkariert – und hält dabei die Linie des Hauses.

Das Kremstal, in dem all das passiert, ist geologisch eine Übergangszone – zwischen den Lössböden des Kamptals und den Schieferterrassen der Wachau. Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich in Miesbauers Portfolio direkt wider. Die Ried Wachtberg mit ihren Lössterrassen und dem Gneis-Untergrund liefert einen Grünen Veltliner von cremiger Tiefe und salzig-mineralischem Zug. Die Ried Grillenparz, erstmals 1180 urkundlich erwähnt und auf kalkhaltigem Schotter-Konglomerat und Gföhler Gneis stehend, gibt einen Riesling von bemerkenswerter Präzision und kühler Zitruselastizität – Miesbauer nennt ihn einen “freundlichen Riesling von Schieferböden über der Donau”. Die Ried Schreck, geprägt von geschiefertem Amphibolit, zeigt die würzige, engmaschige Seite des Hauses. Die Ried Weinzierlberg im östlichen Kremstal bringt mit ihren Gneis- und Schotterböden die schroffe Kante ins Sortiment. Vier Rieden, vier Charaktere – kein Wein, der dem anderen gleicht.
Stil, Haltung, Herkunft
Miesbauers Weinstil hat sich über die Jahre klar konturiert: puristisch, terroirorientiert, minimalistisch im Keller. Maischestandzeiten für die nötige Textur und Tiefe, lange Feinhefereifung für Komplexität, konsequent auf Herkunftsausdruck ausgerichtet. Herbizide und Insektizide werden vermieden, das Weingut ist nach Nachhaltig Austria zertifiziert. In der Philosophie dahinter ist Miesbauer ungewohnt direkt: “Wir versuchen einfach, leichte, frische Weine zu ernten – so wenig wie möglich einzugreifen.” Kein Manifest, kein ideologisches Bekenntnis. Einfach guter Wein.

Diese Haltung wird auch in der Diskussion um die Naturweinbewegung deutlich, der Miesbauer mit einer Nüchternheit begegnet, die keine Seite zufriedenstellt – was vielleicht ihr bestes Qualitätsmerkmal ist. Er schätzt, was die Szene ausgelöst hat: “Die Naturweinszene hat ganz viel dazu beigetragen, dass alle irgendwie überdenken, probieren.” Vom Einsatz von Barriques über Maischegärungen bis hin zu größeren Holzfässern – er beobachtet, wie konventionelle Betriebe ihre Kellertechnik durch den Druck dieser Bewegung leise verändert haben. Den Peak der Bewegung aber sieht er als überschritten. “Das Thema, das wir jetzt haben, ist nicht mehr Natural Wine – sondern: Wie trinken oder genießen Menschen noch einen guten Wein?” Gansberger bringt dabei einen präzisen Einwand: Bei Natural Wine, sagt er, habe man die Qualitätsprobleme in einer Dichte, die man bei anderen Kategorien nicht kenne – nicht in einem Bereich von 86 Prozent des Sortiments. Miesbauer nickt: “Ja, das stimmt.” Mehr braucht es nicht.

Die Frage nach dem Rückgang des Weinkonsums beantwortet Miesbauer mit einer Gelassenheit, die auf genaue Marktbeobachtung statt auf Angst gebaut ist: “Die Angst ist nicht berechtigt. Der Rückgang kommt von Konsumenten, die in einer Regelmäßigkeit ihre angewohnte Menge getrunken haben – und die stirbt einfach aus. Nicht am Wein. Sondern weil sie alt sind.” Was er stattdessen beobachtet, stimmt ihn zuversichtlicher: Junge Menschen, die zu seinem Weingut kommen – Krems als Universitätsstadt ist da ein Glücksfall –, trinken nicht mehr, aber bewusster. Sie kosten sich durch, fragen nach, kaufen dann auch mal sechzig Flaschen auf einmal, für sich und die Eltern. “Ich glaube, dass es ein Thema ist mit: Wo bist du aufgewachsen? Was hast du für eine Bildung?” Der Kontrastbeweis folgt sofort: Mit achtzehn habe er selbst Cola rot, Cola weiß und Cola-Rum getrunken. Heute kommen Zwanzigjährige und wollen Riesling aus Gneis.

Die internationalen Kritiker haben das Haus längst registriert: mehrfache Platzierungen in den Top 100 des Wine Spectator, Spitzenbewertungen bei Falstaff, Vinous und Decanter. 75 Prozent der Produktion gehen in den Export, in 26 Länder. 2020 krönte Falstaff Miesbauer zum Winzer des Jahres – eine Auszeichnung, die in diesem Fall nicht nur einer Person, sondern einem Betrieb und seiner Idee galt. Bemerkenswert war dabei die gleichzeitige Mitberücksichtigung des Stift Göttweig, das Miesbauer seit 2006 ebenfalls verantwortet. Dass Falstaff in jenem Jahr gewissermaßen sowohl ein Stift als auch eine Stadt ehrte – und beides letztlich auf denselben Mann zurückging – ist eine Kuriosität, die die Dichte seiner Arbeit in dieser Region präzise beschreibt.

Einen persönlichen Akzent setzte Miesbauer 2023, als er bei einer Festveranstaltung in der Dominikanerkirche ein Buch zur 500-jährigen Geschichte des Weinguts präsentierte. “Es war mir von Anfang an ein Herzensanliegen, die Geschichte zu dokumentieren”, sagte er. Dass er zwei Jahrzehnte damit wartete, bis die Gegenwart gut genug war, um der Vergangenheit gerecht zu werden, sagt einiges über seine Arbeitslogik. Erst modernisieren, dann dokumentieren. Zuerst die Weine, dann das Buch.

Wohin der Weg führt, lässt sich aus dem Keller und dem Weinberg ablesen. Mit Kellermeister Peter Rethaller und dem Vertriebsteam, mit Franz-Josef Gansberger und Peter Mandl als operatives Rückgrat, hat Miesbauer eine Struktur aufgebaut, die nicht allein von seiner Person abhängt. Unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels könnten dabei höhere Lagen und der Amphibolit-Schiefer des Schreck an strategischer Bedeutung gewinnen – Terroir, das Frische und Spannung auch in wärmeren Jahren halten kann. Miesbauer selbst gibt sich in diesem Punkt charakteristisch unaufgeregt: “Wir sind in jeder Hinsicht auf dem richtigen Weg, und wenn ich mir das Potential unserer Rieden vor Augen rufe, weiß ich, dass noch mehr möglich ist.” Das klingt weder nach Selbstbeweihräucherung noch nach falschem Understatement. Es klingt nach jemandem, der weiß, was er hat – und was noch kommt.
