Am Berg: Wie Stift Göttweig seinen Wein zurückfand – und was dabei herauskam

Fast tausend Jahre Weinbau, große Lagen und ein Neustart, der vieles verändert hat: Stift Göttweig hat seinen Platz in der Weinwelt zurückerobert. Wie Fritz Miesbauer das Potenzial des Göttweiger Bergs neu entdeckte – und warum hier noch lange nicht Schluss ist.
Wow. Der Wein im Glas versprüht eine verführerische Exotik, die die namensgebenden Pfaffen (wahrscheinlich) nur vom Hörensagen kennen. Passionsfrucht, frische Ananas, sündhaft reifer Pfirsich, für den Frischekick ein Hauch von Limettenschale. Das Finale? Salzig-mineralisch, mit dem Donauwind der Steilterrasse im Rücken. Jung und übermütig. Ein Ausnahmeriesling mit Kloster-DNA. Riesling Kremstal DAC Stein Ried Pfaffenberg 1ÖTW, für die, die es genau wissen wollen. Und die, die es noch genauer wissen wollen, lesen hier einfach weiter.

Wer von Krems aus die Donau überquert und den Göttweiger Berg hinaufschaut, sieht das Kloster von Weitem: eine barocke Silhouette auf 449 Metern Seehöhe, weithin sichtbar, als hätten die Benediktiner schon vor Jahrhunderten gewusst, dass dieser Ort Aufmerksamkeit verdient. Das Stift Göttweig, 1083 vom Heiligen Altmann, Bischof von Passau, gegründet und seit 1094 von Benediktinern geführt, ist eine der ältesten und bedeutendsten kirchlichen Institutionen Österreichs. Seit dem Jahr 2000 gehört es als Teil der Kulturlandschaft Wachau zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dass es auch ein Weingut ist – eines mit Lagen, die seit fast tausend Jahren kontinuierlich bewirtschaftet werden – geht in der Begeisterung für Barock und Klosterleben manchmal etwas unter. Es sollte nicht.

Der Weinbau gehörte von Beginn an zu den wirtschaftlichen Grundpfeilern des Stifts. Bereits die Gründungsurkunde von 1083 erwähnt Weingärten. Im 16. Jahrhundert waren die Göttweiger Weine in österreichischen Adelshäusern und bei kaiserlichen Truppen geschätzt. Der Dreißigjährige Krieg, der Brand von 1718, der den Großteil der Stiftsanlage zerstörte, und die anschließenden Jahrzehnte des barocken Wiederaufbaus nach Plänen von Johann Lucas von Hildebrandt – sie alle haben Göttweig geprägt, ohne den Weinbau grundsätzlich zu unterbrechen. Es war das 20. Jahrhundert, das dem Haus am nachhaltigsten schadete.

Nach dem “Anschluss” 1938 wurde das Stift von der Gauhauptstadt Krems enteignet, die Weinberge unter städtischer Verwaltung bewirtschaftet, der Wein im städtischen Keller gelagert und gewinnbringend verkauft. Nach Kriegsende und Restitution folgte eine lange Phase der Konsolidierung. In den 1980er Jahren löste das Stift sein internes Kellereibüro auf und verpachtete den Weinbau; ein Arrangement, das die Weine zwar am Markt hielt, aber den Charakter des Ortes nicht wirklich abbildete. Als dieser Pächter 2005 ausstieg, war es der Moment, auf den Göttweig gewartet hatte.

Mit Jahresbeginn 2006 wurde die Weingut Stift Göttweig GmbH gegründet – eine Betreibergesellschaft aus weinbegeisterten Privatpersonen, mit einem klaren Auftrag: das Potenzial des Göttweiger Bergs endlich ernstzunehmen. Als Geschäftsführer wurde Fritz Miesbauer berufen, der zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren bereits das Weingut Stadt Krems auf der anderen Donauseite umbaute. Eine Doppelverantwortung, die in der Szene Fragen aufwarf – und die Miesbauer seither mit einer Konsequenz beantwortet hat, die auch die Kritischsten verstummen ließ.

“Ich war immer vom Potential der Lagen überzeugt”, sagt Miesbauer. Der Göttweiger Berg ist geologisch außergewöhnlich vielfältig: Löss, Lehm, Hollenburger Konglomerat, kalkhaltige Böden und Urgesteinverwitterung wechseln auf engem Raum. Das Mikroklima ist geprägt vom Zusammenspiel pannonischer Wärme aus dem Osten, der Feuchtigkeit des Donautals und der kühlen Luft, die aus dem Dunkelsteinerwald über die Hänge streicht. Eine Ausgangslage, die für Grünen Veltliner und Riesling kaum besser sein könnte – wenn man sie richtig nützt.

Die wichtigsten Lagen des Hauses sind die Ried Gottschelle, die Ried Silberbichl und die Ried Pfaffenberg, letztere nahe der Donau, südöstlich ausgerichtet, starken Winden und Temperaturschwankungen ausgesetzt. Gottschelle, Silberbichl und Pfaffenberg sind als Erste Lagen der Österreichischen Traditionsweingüter klassifiziert – Gottschelle für Grünen Veltliner auf Lössboden mit alten Rebstöcken, Silberbichl und Pfaffenberg für Riesling auf altem Donaukies und Verwitterungsstein. Dass diese Rieden Jahrhunderte kontinuierlicher Bewirtschaftung hinter sich haben, ist kein Marketingargument, sondern eine Tatsache, die man in den Weinen schmeckt: Die Gottschelle gibt einen Veltliner von sattem Gewicht, mit exotischer Frucht – Papaya, Mandarine, gerösteter Sesam – und einer rauchigen Tiefe, die auf Lössboden und alten Rebstöcken basiert. Der Silberbichl-Riesling zeigt die kühlere, mineralische Seite des Bergs: Steinobst, Zitrusfrucht, vibrierende Säure, langer Abgang. Und der Pfaffenberg ist sowieso eine der ganz großen Lagen im Donauraum.

Der Wein wird nicht im Stift selbst ausgebaut, sondern drüben in Krems, im Keller des Weinguts Stadt Krems. Eine pragmatische Lösung, die gleichzeitig die enge Verbindung beider Häuser unterstreicht. Miesbauer und sein Team – Franz-Josef Gansberger für Export und Vertrieb, Kellermeister Peter Rethaller im Keller – arbeiten für beide Betriebe. Die Philosophie ist dieselbe: minimale Eingriffe, Terroirausdruck, Geduld. Herbizide und Insektizide werden vermieden, das Weingut ist nach Nachhaltig Austria zertifiziert. Auf dem Berg selbst kümmert sich ein eigenes Weingartenteam um die 30 Hektar – eine Fläche, die angesichts der Hanglage und der Terrassenstruktur in manchen Parzellen echte Handarbeit verlangt.

Zum Sortiment gehört neben den Rieden- und Ortsweinen auch der Messwein – Grüner Veltliner und Rosé, die für den liturgischen Gebrauch des Stifts produziert werden und einer eigenen Vorschrift gehorchen: kein Chaptalisieren, kein Entsäuern. Was als Restriktion klingt, erweist sich aber als Qualitätsdisziplin. Der Messwein ist der ehrlichste Wein im Sortiment – und einer der zugänglichsten. Die Kapsel jeder Flasche trägt eine Miniaturversion des Deckenfreskos der Kaiserstiege, gemalt 1739 von Paul Troger: ein Triumphzug Kaiser Karls VI. als allegorisches Programm. Dass Wein und Barockmalerei hier so selbstverständlich nebeneinander stehen, sagt einiges über den Charakter des Hauses.

Was Miesbauer in zwei Jahrzehnten aus Göttweig gemacht hat, ist mit den Zahlen schwer zu messen, aber im Glas klar ablesbar: Die Riedenweine stehen heute regelmäßig bei 93 bis 95 Punkten, der Export läuft in wichtige Märkte von den USA über Australien bis nach Skandinavien und Asien, das Haus ist Mitglied der Traditionsweingüter Österreich. “Wir sind in jeder Hinsicht auf dem richtigen Weg, und wenn ich mir das Potenzial unserer Weinrieden vor Augen rufe, weiß ich, dass noch mehr möglich ist”, sagt Miesbauer. Das klingt nach Selbstverständlichkeit. Es ist das Gegenteil davon – es ist das Ergebnis von zwanzig Jahren Arbeit auf einem Berg, der seine Möglichkeiten lange nicht ausgeschöpft hatte.

Was das für die Zukunft bedeutet, ist aus den Weinbergen selbst ablesbar. Der Klimawandel verändert die Bedingungen am Göttweiger Berg – wärmere Sommer, trockenere Herbste – und verschiebt dabei die Gewichte zwischen den Lagen. Die kühlere Luftzirkulation vom Dunkelsteinerwald, die den Berg in heißen Jahren entlastet, wird dabei zum strategischen Vorteil. Miesbauer beobachtet das genau. Und er verfügt über etwas, das die meisten Weingüter nicht haben: Jahrgangserfahrung mit Lagen, die seit dem 11. Jahrhundert in Bewirtschaftung sind. “Das Weingut Stift Göttweig hat fast tausend Jahre Weinbau hinter sich …”, sagt er, “… und die jetzige Generation wird sicher nicht die letzte sein.” Sagt einer, der für zwei der ältesten Weingüter Österreichs gleichzeitig arbeitet.
