Noris' Weinkolumne: Die stille Evolution des Gaisböhl-Rieslings

2024 Riesling Ruppertsberg Gaisböhl G.C. Großes Gewächs - Monopol - Dr. Bürklin-Wolf: Ein Paradebeispiel für die Entwicklung eines Hausstils im Laufe der Natur.

Für alle, die ihn schon kosten konnten, ist klar: Der Riesling Gaisböhl 2024 vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf ist ein Leuchtturm deutschen Rieslings. Nicht, weil G.C. draufsteht. Nicht, weil er sich mit Frucht, Holz oder Alkohol auf die Brust schlägt. Sondern weil er etwas zeigt, was große Weine immer zeigen sollten: Entwicklung. Haltung. Mein erster Augenöffner bei Bürklin-Wolf war Kirchenstück 2015: Leichtfüßigkeit, Tiefe, Spannung und fast jugendliche Energie. Ein Wein, der einem nicht erklären musste, wie groß er ist. Er stand einfach da. Jetzt sind wir bei Gaisböhl 2024. Extrakt, Dichte, Salzigkeit, ein Zug wie ein ICE und diese Saftigkeit, die dem Charme von Don Quijote gefährlich werden könnte. Nur stellt sich die Frage: Was muss passieren, damit solche Weine entstehen?

Kellermeister Nicola Libelli ist seit 2012 am Weingut Dr. Bürklin-Wolf. Buero Medienagenten

Bei Bürklin-Wolf fällt vor allem eines auf: Konstanz. Nach dem sauschwierigen Jahr 2000 und der daraus folgenden Hingabe zur Biodynamie hat sich das Haus, später mit dem Stil von Nicola Libelli, dorthin entwickelt, wo Qualität nicht behauptet, sondern schmeckbar wird. Libelli ist seit 2012 im Haus. Es gab Angebote, unter anderem von Gaja – also nicht gerade von irgendwem. Trotzdem entschied er sich für die Pfalz. Für ein Weingut, das weniger Dolce-Vita-Glanz hatte, aber eine größere Aufgabe: aus großen Lagen wieder eigene Weine zu formen. Lebendigkeit im Wein ist für den Italiener kein esoterisches Wort auf einem Rückenetikett. Sie ist das, was passiert, wenn ein Wein nicht müde macht, sondern aufrichtet. Wenn Boden, Rebe und im besten Fall der Kellermeister sich verstehen.

Lebendigkeit im Wein ist, wenn Boden, Rebe und im besten Fall der Kellermeister sich verstehen. Buero Medienagenten

Gerade an der Monopollage Gaisböhl ist diese Entwicklung unverkennbar. Ende der 90er-Jahre war Gaisböhl ein guter Wein, aber kein Flaggschiff. Was sich hier getan hat, zeigt die Wirkung gesunder Böden, reduzierter Erträge, grüner Lese und puristischer Arbeit im Keller. Die letzten 20 Jahre lag der Fokus von Bürklin-Wolf auf der Vitalität der Böden. Das zusammen mit der Biodynamie war mit 80 ha ein absolutes Pionierprojekt in dieser Größenordnung. Denn der Boden ist am Ende das Einzige, was kein anderer Winzer kopieren kann. Die Spannung einer Parzelle, ihre Tiefe, ihr Wasserhaushalt, ihr grünes Leben, das lässt sich nicht bestellen. Der Franzose nennt das Terroir. In Deutschland hat man kein Wort dafür. Wir machen einfach – zumindest ein paar. Nach Flautejahren wie 2000 wurden ernsthafte Schritte notwendig: mehr Leben in den Weingärten, Humusaufbau, vitalere Reben. Denn eine grüne Lese bringt dir nichts, wenn deine Böden nicht leben. Dann schneidest du einfach Trauben ab. Punkt. Wenn du dich gut ernährst, bist du fit. Dann kommst du besser mit Stress klar. Der Druck verschwindet nicht, aber du hältst ihn anders aus. Bei der Rebe ist es genauso.

Noris F. Conrad: “Der Riesling Gaisböhl 2024 zeigt, was große Weine immer zeigen sollten: Entwicklung. Haltung.” Andreas Conrad

Und genau deshalb ist 2024 so spannend. Früher Austrieb, Regen, Pilzdruck, Hitze, Entscheidungen unter Druck. In einfachen Jahren sieht fast alles gut aus. In schwierigen Jahren sieht man, wer das Eis in den Adern hat. Das wäre kein Job für mich. Im Glas ist Gaisböhl kein gelber Fruchtkorb, kein Pfälzer Sonnenbrand, kein Riesling, der gefallen will. Eher Rauch, Stein, Zitrusöl, Salz und kühler Druck. Ein Wein, bei dem man merkt: Wir sprechen hier nicht über Aroma, sondern über Energie. Große Rieslinge entstehen nicht, weil ein Jahr einfach war. Sie entstehen, wenn ein schwieriges Jahr auf ein Weingut trifft, das bereit ist. Und Gaisböhl 2024 ist bereit.