Noris' Weinkolumne: Koehler-Ruprecht Riesling setzt traditionellem Weinbau ein Denkmal

2020 Kallstadter Saumagen Riesling Spätlese

2020 Kallstadter Saumagen Riesling Spätlese – Koehler-Ruprecht: Die letzte Bastion des alten Prädikats – Old School bis ans Limit.

Wir befinden uns im Jahre 2026 n. Chr.. Ganz Deutschland ist durch Klassifizierungen chiffriert… Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Köpfen geführtes Weingut hört nicht auf, der Moderne Widerstand zu leisten. Kaum ein Einstieg ist passender als das Zitat von René Goscinny, wenn man das Weingut Koehler-Ruprecht im pfälzischen Kallstadt beschreibt. Hier, in der Pfalz, wo Lagen schlicht benannt sind – Pechstein (schwarzer Basalt), Reiterpfad (alter Weg), Kastanienbusch (selbsterklärend) – erhebt sich der Saumagen als eine der spannendsten Interpretationen deutschen Rieslings. Spannend, weil hier keine moderne Stilistik im Vordergrund steht, sondern gelebte deutsche Weinbaugeschichte.

Mit der Einführung moderner Klassifikationen entfernte sich Koehler-Ruprecht bewusst vom jetzt modernen Mainstream. Koehler-Ruprecht

Das Weingut blickt auf über 100 Jahre zurück und war einst Mitglied des Verband Deutscher Naturweinversteigerer. Mit rund 12 Hektar konzentriert man sich größtenteils auf Riesling, das Herzstück bildet das Filetstück des Saumagen mit etwa 4,5 Hektar. Südexponiert, kalkreich, mit dünner Lössauflage – ein Terroir, das Struktur und Tiefe verbirgt. Die Lage profitiert von früher Morgensonne als optimaler Start in den Tag, während Gestrüpp am oberen Rand am Nachmittag Schatten spendet. Das verzögert die Reife und ermöglicht späte Lesezeitpunkte – ideal für die Philosophie des Hauses: Balance zwischen Zuckerreife und phenolischer Reife – hier geht es nicht um Zahlen und Wechsle – sondern nur um Geschmack der Trauben. Der Name Saumagen geht auf die Form der Lage zurück – auch wenn es früher weder Helikopter noch Satellitenaufnahmen gab, waren sich die Bewohner einig: „Das Gewann is wie e Saumage – un so is der Name geblibbe.“ Ebenso traditionell ist der Ausbau: spontane Vergärung im großen Holzfass, oxidative Nuancen, Textur vor Primärfrucht. Ein Stil, der heute fast archaisch wirkt, aber dennoch international geschätzt wird – old school ohne temperaturkontrollierende Edelstahlfässer und Reinzuchthefe-Standard.

Wenn man die Möglichkeit hat, keine Scheu vor alten Koehler-Weinen – sie sind durch die Bank gut. Lucie Greiner/Medienagenten

Mit der Einführung moderner Klassifikationen entfernte sich Koehler-Ruprecht bewusst vom jetzt modernen Mainstream. Unter Bernd Philippi wurde der klassische Prädikatsstil verteidigt (Kabinette, Spätlese und Auslese – aber trocken). 2014 folgte der Austritt aus dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter – ein klares Bekenntnis zur eigenen Identität. Die trockenen Weine des Hauses bewegen sich entlang der Prädikate: Kabinett zeigt sich präzise und klar, Spätlese bringt Druck, Phenolik und salzige Spannung, Auslese steht für maximale Dichte und Reifepotenzial. Wenn man die Möglichkeit hat, keine Scheu vor alten Koehler-Weinen – sie sind durch die Bank gut. 1998 lebt quasi als Legendenjahrgang weiter.

Noris F. Conrad: “Ein extrahierter Wein mit Krautigkeit, und einem Mundgefühl, das keine Wünsche offen lässt.” Andreas Conrad

Zum Wein: Ein Hoch auf die Klassik! In der Nase gelbfruchtig, Quitte, Birne, Apfel – niemals zu kitschig oder ausladenden – subtil und erobernd. Am Gaumen schmalzig und griffig. Ein extrahierter Wein mit Krautigkeit, und einem Mundgefühl, das keine Wünsche offen lässt. Wie bei Malen nach Zahlen bahnt sich der Wein den Weg entlang des Gaumens und bevor man überhaupt den ersten Schluck getrunken hat, bettelt der Gaumen nach dem nächsten. Das ist ein Wein für Jod – Kaviar, Seeigel, Fisch – egal ob auf Tagliatella oder Fenchelkraut. Des pfeift!