Noris' Weinkolumne: Wie aus Familiengeschichte ein Urgewächs wurde

Urgewächs. Wir sprechen von ausschließlich 60 Jahre alten Reben. Wolfs Fotografie

2023 Steinbacher Riesling Urgewächs – Wein & Obst Reiß: Manche Weinprojekte entstehen aus Businessplänen und andere aus Leitmotiven, alten Reben und einem schon fast romantischen Hang zur Tradition einer fast vergessenen Region.

Philipp Reiß gehört genau zu dieser Kategorie. Einer Kategorie, die ich gerade für ihn geschaffen habe, denn sein Zugang zu Wein ist weit entfernt von der üblichen Chose. Aus der Tradition seines Opas, immer verbunden mit der Landwirtschaft, übernahm die Familie von Philipp Obst und Weinberge. Geprägt wurde Reiß nicht von einer klassischen Karriereleiter, sondern von Betrieben, die ihn immer fasziniert haben. Heinrich im Burgenland brachte ihm Biodynamie, Kreisläufe und diese fast kindliche Begeisterung für das naturnahe Arbeiten bei. Danach Südafrika mit 4G – hier lernte er über Akribie und der Präzision des Rebguts. Später Johannes Kopp in Baden – also genau die Rückkehr zu Riesling aus einer Region, die viel zu lange unter ihrem eigenen Radar lief.

Philipp und Alexandra Reiss: “Im Nebenerwerb liegt bei ihm keine Schwäche, sondern Freiheit.” Wolfs Fotografie

Bei seiner Idee von Wein und im Leben gelten drei große Begriffe: Handwerk, Freiheit, Zeit. Handwerk ist Philipp extrem wichtig – im Winzerhandwerk, im Keller, auf dem Obsthof seiner Eltern oder bei den Etiketten, die von seinem Opa noch mit Feder in säuberlichster Kalligrafie geschrieben werden. Vor dem Wein kam der Obsthof und mit dem Obsthof sein erstes vergorenes Getränk: ein Apfelcider. 2019 kamen die ersten drei Barriques. Noch nicht viel. Eher ein Anfang. 2023 dann der erste wirklich frische Jahrgang als Winzer – im Nebenerwerb. Heute arbeitet er auf etwa 2,5 Hektar, gewachsen aus ursprünglich 40 Ar Riesling. Und genau dieser Riesling ist der Kern. Als Urgewächs.

Das Coole an dem Weinberg: Durch die enge Bepflanzung war Bodenbearbeitung erst gar kein Thema. Wolfs Fotografie

Urgewächs. Der Name klingt schnell groß und industrialisiert – aber er ist eine perfekte Beschreibung seiner Lage. Wir sprechen von ausschließlich 60 Jahre alten Reben, die er teils von seinem Opa bekommen, teils von alten Winzern gepachtet hat. Für klassische Baden-Badener Genossenschaftsverkäufe wurden die Reben eng und ertragsmaximiert gepflanzt – nicht in einer optimalen Hanglage, mit vielen Fehlstöcken. Doch für Philipp ist das kein Grund, Perfektion zu schaffen, wenn er genau diese DNA des Berges nehmen sollte. Er will diese alten Reben nicht umpflanzen, nicht glätten, nicht optimieren, nur weil ein moderner Weinbauplan das vielleicht hübscher fände. Das Coole an dem Weinberg: Durch die enge Bepflanzung war Bodenbearbeitung erst gar kein Thema. Somit sind die Böden seit rund 30 Jahren nicht mehr aufgerissen – untypisch, für den ein oder anderen Kommerzwinzer vielleicht auch ein Albtraum. Aber schauen wir uns Beispiele an, wo unbearbeitete Böden zum Optimum verwendet werden: Luca Roagna. Bei Roagna wird seit Generationen mit extrem zurückhaltender Bodenbearbeitung gearbeitet. Die Expression seiner Weine: weltbekannt. Wir vergleichen Barbaresco nicht mit Baden – dennoch eine schöne Anekdote.

Philipp Reiß mit seinem Opa, der die Etiketten bis heute mit Feder in säuberlichster Kalligrafie schreibt. Wolfs Fotografie

Unbearbeiteter Boden ist das Gegenteil von schneller Kontrolle. Er schützt Bodenleben, Wasserhaltefähigkeit und ein Ökosystem, das nicht jedes Jahr neu angeschoben werden muss. Natürlich hat das Risiken. Begrünung konkurriert mit den Reben, schwere Böden können verdichten – aber das spielt ohne Traktor eh keine Rolle. Wenn ein System stabil ist und wir sehen, dass es funktioniert, können Weine mit einer unglaublichen Lebendigkeit entstehen. Der Keller bleibt bei Reiß entsprechend zurückhaltend. Hier kommen das zweite und dritte Leitmotiv: Freiheit und Zeit. Der Wein bekommt Zeit. Ein Jahr draußen im Garten zu wachsen. Ein Jahr Ausbau im Keller zum Reifen. Immer in Kreisläufen gedacht. Lange auf der Vollhefe, großes Holz, 500-Liter-Fass. Bei Philipp werden keine Weine gefiltert: „Ich nehme dem Wein bei jeder Filtration ein Stück seiner Seele.“

Noris F. Conrad: “Das Konzept ist so rund, dass es fast kitschig wäre – wenn es nicht so ernst gemeint wäre.” Andreas Conrad

Seiner DNA treu führt er neben dem großen Fokus auf Riesling, geprägt durch Heinrich, noch etwas Blaufränkisch, wegen 4G etwas Cabernet Franc und seit 2021 und 2023 Chardonnay. Dennoch bleibt die Achse klar: Bring Riesling back to Baden-Baden. Zusammen mit Johannes Kopp ist er auf einer Mission, dem Baden-Badener Rebland seine Geschichte zurückzugeben. Das Spannende an Philipp Reiß ist deshalb nicht nur, dass er gute Weine macht. Sondern dass er sich den Luxus erlaubt, langsam zu sein. Im Nebenerwerb liegt bei ihm keine Schwäche, sondern Freiheit. Er kann einem Wein die Zeit geben, die er braucht. Das Konzept ist so rund, dass es fast kitschig wäre – wenn es nicht so ernst gemeint wäre.