Weninger: Weinjournalismus muss endlich unabhängig werden

Franz R. Weninger im Exklusivinterview anlässlich seiner Nominierung als European Winery of the Year bei den Wine Star Awards durch das amerikanische Weinfachmagazin Wine Enthusiast! Mit KALK&KEGEL spricht der burgenländische Naturweinwinzer über die Kompatibilität von Klassik- und Naturwein, das Finanzierungsdilemma in der Medienbranche und den Unterschied zwischen Österreich und Frankreich bei der Prüfnummern-Vergabe.
Franz, du bist als erster Naturweinwinzer bei den Wine Star Awards nominiert (Story auf K&K). Hast du damit gerechnet?
FRANZ R. WENINGER: Nein, die Nominierung war nicht absehbar. Ich freue mich aber sehr, das gibt mir in der Ernte einen richtigen Energieschub. Ich sehe die Sache generell positiv – einerseits für uns, andererseits werte ich das als Zeichen der Annäherung. Die Weinwelt wächst wieder zusammen. Die großen Weine dieser Welt wurden immer handwerklich und so natürlich wie möglich hergestellt. Dahinter stehen Familienbetriebe. Für mich war logisch, dass das irgendwann zurückkommen wird. Die Punk-Phase im Naturweinsegment war notwendig, um neue Kunden zu gewinnen. Aber am Ende geht es um guten Wein.
Kann man hier wirklich von ernsthaften Bemühungen sprechen oder besteht die Gefahr des Greenwashings?
FRANZ R. WENINGER: Das wird sich zeigen und ist genauso mit Vorsicht zu genießen, wie das Green Emblem bei Robert Parker oder der Green Star von Michelin. Natürlich müssen sich diese Unternehmen annähern. Auch bei Falstaff werden die Bemühungen, Naturweinwinzer an Bord zu holen, immer stärker. Dennoch ist die Frage berechtigt, aus welchem Grund sie das machen: Wollen sie sich besser darstellen oder tatsächlich nur mehr Winzer ins Boot holen?
Welche Rolle spielt der Weinjournalismus bei dieser Annäherung, die du gerade erwähnt hast?
FRANZ R. WENINGER: Die Medien befinden sich in einem Dilemma. Journalismus wird aus meiner Sicht von den falschen Leuten bezahlt: Eigentlich müsste der Leser für Wissen zahlen, aber es sind die Weingüter, die zur Kasse gebeten werden, damit Informationen fließen können. Ich bin dem gegenüber sehr skeptisch, sowohl was österreichische, als auch internationale Magazine betrifft.

Was wäre dein Lösungsvorschlag?
FRANZ R. WENINGER: Ich weiß nicht, welche Lösung die beste ist, aber aus meinem biodynamischen Ansatz heraus braucht es einen freien Journalismus, sonst gibt es auch keine Demokratie. Nur wie finanziert man das? Die Leser müssen bereit sein für hochwertige Artikel zu bezahlen, andernfalls können sie sich auch keinen unabhängigen Journalismus erwarten. Im Moment laufen Finanzierungen vieler Weinmagazine oder Wein-Guides über Weinbewertungen. Anders, so kommt mir vor, könnten sie gar nicht überleben.
Du bist bekanntlich kein Fan dieser Art Weinbewertungen im Punktesystem.
FRANZ R. WENINGER: Ich bin der Meinung, dass man einen lebendigen Wein – damit meine ich unfiltriert und nur minimalst geschwefelt – nur schwer benoten kann. Ein Wein sollte eine Geschichte erzählen und Emotionen berühren; dafür sind Punkte nicht das richtige Tool. Eine Liste, wie ihr sie bei KALK&KEGEL habt, oder Nominierungen sind da schon besser geeignet. Bloß lassen sich die schwerer verkaufen als eine Punkte-Plakette, die man sich auf die Flaschen klebt – die dann aber wiederum nicht zu jenen Kunden führt, die sich beim Weintrinken was überlegen. Darum gehört das Bewertungssystem für mich hinterfragt und ich glaube auch, dass der Journalismus das durchaus macht. Trotzdem sind Bewertungen scheinbar das einzige journalistische Tool, das wirklich funktioniert.
Das Thema Bewertungen betrifft auch die Verkostungskomitees, Stichwort Herkunftsbezeichnung.
FRANZ R. WENINGER: Es gibt keinen Wein ohne Herkunft, ohne Terroir. Für mich ist klar, dass man auch das Drumherum erzählt und nicht nur über Geschmack spricht. Was die Verkoster machen, ist, dass sie die Stilistik bewerten und auf Fehlerfreiheit gehen. Und da haben wir ein Problem, denn eine Trübung wird als Weinfehler gewertet. Wir müssen also schauen, dass wir die Verkoster anders schulen und klar wird, dass Herkunft alles sein kann, auch Reduktion, Oxidation, Maische, ganz egal. Doch es kommt Bewegung ins Weingesetz. Wichtig ist, dass wir da dranbleiben und eine Möglichkeit finden, um Naturweine gesetzlich besser darstellen und mit Herkunft versehen zu können. Dazu kommt halt noch, dass unsere Verkoster germanisch denken, nicht romanisch.

Wie meinst du das?
FRANZ R. WENINGER: Wir haben uns angeschaut, wie Verkostungen in anderen Weinregionen funktionieren. Es gibt in Frankreich Gebiete wie Burgund, Elsass, Jura oder Beaujolais, da kommen fast alle Naturweinwinzer durch die Verkostungen – weil die Herkunft nur stichprobenartig überprüft wird. Das heißt die Kommission verlangt einmal im Jahr eine Stichprobe, und die kann der Winzer frei wählen. Bei uns wird jeder Wein verkostet, das ist ein riesen Unterschied. Und ich will nicht sagen, dass es Frankreich besser oder schlechter macht, das ist halt das romanische System. Einige Naturweinwinzer – auch ich – würden sich wünschen, dass auch bei uns nur stichprobenartig bewertet wird. Doch die Allgemeinheit der österreichischen Winzer sieht das glaube ich strenger, das ist allein schon unserer Geschichte geschuldet. Ich denke, Österreichs Weinbauvertreter wollen weiterhin das strengste Weingesetz haben und zelebrieren.

