Nach einem Erweckungserlebnis am Neusiedler See fasste Philipp Reiß den Entschluss, in seiner badischen Heimat naturnahen Wein zu machen. Die Ausgangslage am elterlichen Hof war dafür nahezu perfekt – Etiketten-Kaligraphie inklusive.
Einerseits beginnt die Geschichte des Weins der Familie Reiß vor über 80 Jahren. Damals verkauften Philipps Urgroßeltern neben allerhand Obst auch Weintrauben an die heimische Winzergenossenschaft im badischen Steinbach. Andererseits schlug die Stunde Null dieses Weinguts erst vor Kurzem – und noch dazu ziemlich weit weg von den heimischen Gefilden: im Jahr 2018 am Neusiedler See im Burgenland. „Da habe ich während des Studiums für Weinbau und Önologie in Neustadt an der Weinstraße ein Praktikum beim Weingut Heinrich in Gols gemacht“, erzählt Philipp, „und sofort gewusst: Ich will echten, naturnahen Wein machen.“ Seit seiner Rückkehr in den elterlichen Betrieb ist Philipp nun der Erste, der den gesamten Weinbauprozess selbständig durchführt – vom Anbau der Reben bis zur Weinherstellung und Vermarktung. „Das bedeutet aber nicht, dass ich mich von unseren alten Obstbäumen getrennt habe“, stellt Philipp klar. Aus alten Apfelsorten, der Williamsbirne oder der Bühler Frühzwetschge werden weiterhin edle Brände oder Cidre hergestellt. Was den Wein betrifft, setzt Philipp auf die großen badischen Klassiker Riesling und Spätburgunder. „Während meiner Zeit im Burgenland habe ich die Rebsorte Blaufränkisch lieben gelernt. 2022 habe ich deshalb vor Begeisterung für diese faszinierende Rebsorte ein eigenes Rebstück damit bepflanzt“, so Philipp. Auch ein bisschen Muskateller wächst auf Reiß’ zweieinhalb Hektar, ebenso etwas Chardonnay, Grauburgunder und Cabernet Franc – der ohne Zweifel zu den hedonistischsten seiner Art in ganz Baden gehört. Allen Weinen gemeinsam sind zwei Dinge: Erstens die Zeit. Philipp erklärt: „Wir geben unseren Weinen die Freiheit, sich natürlich zu entfalten und ihren eigenen Charakter zu entwickeln. Die Weine reifen in Holzfässern oder in georgischen Tonamphoren und bleiben immer bis kurz vor der nächsten Lese auf der Vollhefe. Spätestens Anfang August werden sie einmal abgestochen, minimal geschwefelt – wir sprechen lediglich von 20–40 mg pro Liter – und anschließend unfiltriert und ungeschönt abgefüllt.“ Und zweitens wären da die Etiketten, die alle die ureigene Familienhandschrift tragen: Die Vorlage von jedem einzelnen Etikett wurde von Philipps 86-jährigem Opa Claus mit Feder und Tinte handgeschrieben. „Die Kunst der Kalligrafie verdeutlicht genau unsere Philosophie. Das Handwerk sowie die Eigenständigkeit in unseren Weinen werden hervorgehoben. Damit dürfen ehrliche, lebendige und elegante Weine entstehen!“
- Größe: 2,5 ha Weinbau, 2 ha Obstbau (alte Obstsorten für Cidre und Schnaps)
- Rebsorten: Riesling, Spätburgunder (Hauptrebsorten), Grauburgunder, Chardonnay, Blaufränkisch, Cabernet Franc, Muskateller
- Zertifizierung: Biologische Bewirtschaftung (ohne offizielle Zertifizierung)
- Wichtigste Lagen: Heiligenstein (Neuweier), Stich den Buben (Steinbach)
- Arbeit im Weinberg: Biologische Bewirtschaftung mit biodynamischen Präparaten sowie eigene Kompostherstellung in kleinem Ausmaß. Unser Ziel sind lebendige Böden und gesunde Reben als Grundlage charaktervoller Weine.
- Arbeit im Keller: Alle Trauben werden von Hand gelesen und sorgfältig selektiert verarbeitet. Die meisten Weine erhalten eine gewisse Mazerationszeit auf der Maische, um die wertvollen Inhaltsstoffe aus den Schalen optimal zu nutzen. Die Rotweine werden in der Regel mit 20–30 % Ganztrauben vergoren. Wir arbeiten bewusst minimalistisch und greifen nur dort ein, wo es notwendig ist. Die Weine reifen in Holzfässern oder in georgischen Tonamphoren (Qvevri). Sie verbleiben bis kurz vor der nächsten Lese auf der Vollhefe. Ende Juli bzw. Anfang August werden sie einmal abgestochen, minimal geschwefelt (20–40 mg/L) und anschließend unfiltriert sowie ungeschönt abgefüllt.
- Fässer: 225–500-Liter-Fässer, überwiegend aus französischer Eiche, teilweise auch aus deutscher Eiche. Häufig werden gebrauchte Fässer erworben, wodurch eine große Vielfalt unterschiedlicher Tonnellerien vertreten ist. Hersteller u.a. Streib, Stockinger, François Frères, Damy, Meyrieux, Fouailly, Ermitage. Zudem werden handgefertigte georgische Qvevri (200–300 Liter) eingesetzt.
- Exportanteil: ca. 50 %
- Händler in Deutschland: Weinkombinat Hugel