Ziel einer Lagenklassifikation für Österreich erreicht

Ziel einer Lagenklassifikation für Österreich erreicht

Die internationale Weinwelt schaut nach Österreich, das nach Frankreich als zweites Land weltweit eine nationale Lagenklassifikation umsetzt.

Eine historische Unterschrift hat der Minister für Land- und Forstwirtschaft kürzlich gesetzt: Ab sofort ist es in allen Österreichischen Weinbaugebieten möglich, die Weinbergslagen (in Österreich wird dafür der Begriff „Ried“ verwendet) zu klassifizieren. Nach Nominierung durch die ‚Regionalen Weinkomitees (RWK)‘ und Bestätigung durch das ‚Nationale Weinkomitee‘ (NWK) können nach einem normierten Klassifikationsprozess die besten Rieden als „Erste Lage“ oder „Große Lage“ bezeichnet werden.

ROBERT HERBST

Freilich kam der Entscheid des Gesetzgebers nicht aus heiterem Himmel, sondern es ging eine lange Diskussion mit den Österreichischen Traditionsweingütern (ÖTW) voraus. Diese Vereinigung von führenden Winzerpersönlichkeiten wurde bereits 1991 mit dem primären Ziel gegründet, die besten Lagen Österreichs zu klassifizieren.

Das Fundament der Arbeit der ÖTW fußt auf der Überzeugung, dass Herkunft und deren gemeinsame Kommunikation die sozialste und demokratischste Form der Vermarktung von Wein darstellt. Sie garantiert einerseits den Konsument:innen vertrauenswürdige Bezeichnungen auf den Etiketten und andererseits den Produzent:innen eine zuverlässige Plattform der gemeinsamen Kommunikation.

Alljährlich treffen sich internationale Branchen-Expert:innen beim ÖTW Single Vineyards Summit auf Schloss Grafenegg. Redaktion

Allerdings werden Herkunftsbezeichnungen auch leicht unüberschaubar. In Österreich gibt es 18 Appellationen. Bei Ortsweinen steigt die Zahl bereits auf 900 Namen. Verwendet man die Einzellagen (Rieden) als Herkunftsbezeichnungen auf dem Etikett, so sind alleine in Österreich rund 4.300 Lagennamen verwendbar. Selbst für österreichische Expert:innen ist es schwierig, hier den Überblick zu behalten. Für Fachleute aus dem Ausland ist das ein schier aussichtsloses Unterfangen.

Hier wird nun die Bedeutung der Klassifikationen sichtbar: sie hilft Konsument:innen wie auch Expert:innen, sich hinsichtlich der Bedeutung von Lagen leichter zu orientieren.

Michael Moosbrugger hat mit den ÖTW den Weg für eine gesetzlich festgeschriebene Lagenklassifizierung geebnet. Redaktion

Der Prozess, bis ein Weinberg bei den ÖTW entsprechend klassifiziert wird, ist ein komplexer und langwieriger. „Wir haben 18 Jahre dafür aufgewendet – durch Beobachtung der Natur, durch Einbindung von Expert:innen und Wissenschaftler:innen, durch die Verkostung der Entwicklung der Weine aus den besten Lagen – die Grundlagen für eine Klassifizierung zu schaffen.“ erklärt Michael Moosbrugger, der Bundesobmann der Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW). Eine Top-Weinbergslage muss nicht nur jedes Jahr herausragenden Wein hervorbringen, sondern sie muss auch wirtschaftliche Relevanz haben, eine entsprechende Wertschöpfung generieren, sie muss historisch belegt und auch seit Jahren auf dem Markt erhältlich und sichtbar sein.

„In einer ernstzunehmenden Klassifizierung können nicht einfach die Winzer:innen selbst entscheiden, was eine Top-Lage ist, sondern es braucht eine multifaktorielle Betrachtungsweise hinsichtlich der Bedeutung einer Lage im Kontext ihres Gebietes und ihrer Winzer:innen“, so Moosbrugger.

Internationales Expert:innen-Verdikt

Einmalig in der Geschichte von Klassifikationen und ein wesentlicher Aspekt der ÖTW- Klassifikation ist der Umstand, dass nationale wie internationale Expert:innen in den Klassifikationsprozess eingebunden wurden. Dafür lädt der Verein in der ersten Septemberwoche Journalist:innen, Vertreter:innen der internationalen Top-Sommelerie und andere Fachexpert:innen nach Grafenegg zum „ÖTW-Single Vineyard Summit“ ein, um die Weine aus den „ÖTW Ersten Lagen“ zu verkosten, unter die Lupe zu nehmen und sie zu bewerten. (In diesem Jahr findet der Single Vineyard Summit von 4. bis 9. September statt. Infos hier)

Die Ergebnisse der Arbeit der Winzer:innenvereinigung wurde jährlich im Katalog der „ÖTW Ersten Lagen“ für den Aktionsbereich der 77 Mitglieder publiziert. In den Gebieten Traisental. Kremstal, Kamptal, Wagram, Wien, Carnuntum und Thermenregion sind aktuell 95 Rieden als „ÖTW Ersten Lagen“ klassifiziert.

Die Klassifikation der Traditionsweingüter wurde über Jahrzehnte von der österreichischen Weinbaupolitik und Weinwirtschaft kritisch gesehen und teilweise auch bekämpft. Die Traditionsweingüter betrachteten sich selbst aber immer als Wegbereiter:innen für eine gesamtheitliche Hilfestellung für den Konsument:innen. „Es gab in Österreich viele Weine mit Fantasiebezeichnungen, viele Prädikate, viele Auszeichnungen. Aber es existierte kein klares und stringentes Prinzip der Herkunftsauszeichnung.“ Jahrzehntelang wurden zur offiziellen Bewertung von Weinqualität die Zuckergradationen heranzogen.

Erst mit der Einführung der Appellationen und der DAC-Bestimmungen (ab 2002) entstand auch im offiziellen Österreich eine erste Annäherung an die Herkunftsvermarktung, und langsam entwickelte sich auch ein Verständnis für Lagendifferenzierung.

Im Jahr 2013 wurde schließlich eine Arbeitsgruppe auf Ebene des ,Nationalen Weinkomitees‘ (NWK) gegründet, um die Möglichkeit einer Lagenklassifikation für alle Weinbaugebiete Österreichs zu diskutieren. Unterschiedliche Positionen, Philosophien und Möglichkeiten wurden auf ihre Machbarkeit überprüft. Am Ende setzte sich die ÖTW-Systematik einer Klassifikation durch.

Nach diesem zehnjährigen Prozess wurde nun die Verordnung zur Klassifikation vom Minister für Land- und Forstwirtschaft unterschrieben, und damit ist die Grundlage für eine bundesweite Lagenklassifikation gegeben. Nach einem umfangreichen Beurteilungsprozess nach Vorbild der ÖTW-Klassifikationssystematik kann das jeweilige ,Regionale Komitee‘ (RWK) einen Klassifikationsvorschlag in das ,Nationale Komitee‘ (NWK) einbringen und nach dessen Bestätigung und Verordnung durch den Minister können sämtliche Weingüter eines Gebietes für Weine aus diesen Rieden die Bezeichnung „Erste Lage“ oder „Große Lage“ verwenden.

Die ÖTW sind – trotz jahrelangem Gegenwind – stolz darauf, einen wichtigen Beitrag für die positive Entwicklung der Österreichischen Weinwirtschaft geleistet zu haben.

Es ist dies die erste gesetzliche Lagenklassifikation außerhalb von Frankreich – und die internationale Weinwelt wird besonders aufmerksam und interessiert diesen Vorgang beobachten.

Viel Zeit und Geld investiert

Für die Erfahrungen der ÖTW, die nun in die Entwicklung der gesetzlichen Klassifikation einflossen, haben die Traditionsweingüter nicht nur viele Jahre der Arbeit, sondern in Summe auch rund zehn Millionen Euro investiert. „Es ist uns bewusst, dass niemand uns dafür danken wird“, so Michael Moosbrugger, „Unsere Überzeugung ist jedoch, dass wir als führende Weingüter des Landes eine Verantwortung für die positive Entwicklung unserer Weinwirtschaft tragen. Deswegen werden wir auch Fortschritt und Entwicklung der gesetzlichen Klassifikation begleiten und unser Bestmögliches tun, Fehler und Irrtümer zu vermeiden.“

Die Mitglieder der Österreichischen Traditionsweingüter sind stolz auf die gesetzliche Verankerung der Lagenklassifikation. Redaktion

Das primäre Ziel der Vereinigung ÖTW ist nun nach über 30 Jahren intensiver Arbeit erreicht, indem man die Verantwortung für die Riedenklassifizierung nun dem Staat übergeben hat. Der Verein der Traditionsweingüter wird aber weiterhin Aktivitäten setzen, um die Systematik und die Strukturen der Herkunftsvermarktung im Sinne eines besseren Verständnisses der Besonderheiten des Österreichischen Weinbaus zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Die derzeitige privatrechtliche Klassifikation wird in den jeweiligen Gebieten so lange weitergeführt, bis es zu einer gesetzlichen Klassifikation durch das jeweilige RWK kommt. Danach wird es in diesen Bereichen nur mehr die gesetzliche Klassifikation geben. Der erste Jahrgang gemäß dieser Lagenklassifizierung ist frühestens mit 2025 zu erwarten.

Eckpfeiler des neuen Lagenklassifikations-Gesetzes in Österreich

  • Nur Appellationen (DAC-Gebiete), die eine dreistufige Herkunftsstruktur (Gebietswein, Ortswein, Riedenwein) umgesetzt haben, können eine Lagenklassifizierung beantragen.
  • Umfangreiche Beurteilung der Bedeutung einer Lage im Kontext ihres Gebietes und ihrer Winzer:innen und Weine anhand von Bewertungskriterien (bei den ÖTW ‚Relevanzkriterien‘)
  • Hand-Lese ist obligatorisch vorgeschrieben
  • Größenbegrenzung von klassifizierten Lagen auf 35 Hektar
  • In-Verkehr-Bringung frühestens nach einem Jahr Reife
  • Regionale Weinkomitees (RWK) müssen noch einschränkende Bestimmungen hinsichtlich der Weine, Weinbereitung oder Bewirtschaftung definieren (Hektarhöchstertrag, etc.)
  • Wie bei ÖTW können auch in der gesetzlichen Klassifikation zuerst nur „Erste Lagen“ definiert werden. Erst nach einer frühestmöglichen Wartezeit von fünf Jahren als „Erste Lage“, kann ein Weingarten als „Große Lage“ klassifiziert werden.

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